Hochwohlgeborner Herr,
Hochverehrter Herr Geheimerath
Indem ich erst heute gegenwärtige Zeilen an Ew. Hochwohlgeboren richte, fühle ich auf das Lebhafteste, wie sehr ich durch mein bisher beobachtetes Stillschweigen den Verdacht der Undankbarkeit auf mich gezogen habe, besonders da Ihre Güte und Gewogenheit mich vor einiger Zeit erst durch meine Verwandte zum Schreiben haben auffordern lassen. Wodurch habe ich eine solche hohe Auszeichnung verdient – eine solche, die ich kaum zu schätzen im Stande bin? – In der That, man muß nicht nur so gut und großmüthig sein wie Ew. Hochwohlgeboren, sondern auch so hoch stehen, um dem unbedeutendsten Ihrer Schüler solche Aufmerksamkeit beweisen zu können, ohne Ihrer eignen Größe dabei etwas zu vergeben. Wie unbedeutend ich mich indessen auch fühle, wie mangelhaft meine Kenntnisse, zumal wenn ich zu Ihnen, meinem großen Lehrer, hinaufsehe, so fühle ich mich doch durch den lebendigen Willen, Sie nach Ihren großen Verdiensten zu würdigen, und durch das unbegrenzte Gefühl meiner ewigen Dankbarkeit, wovon ich Ihnen heute so gern einen Beweis ablegen möchte, nicht wenig gehoben. Ihr Andenken ist mir auch in weiter Entfernung nach langer, langer Zeit heilig geblieben, und kein Tag ist vergangen, an welchem ich Sie nicht im Geiste gesehen hätte. Nur zu oft habe ich vergebens mir die glücklichen Tage zurückgewünscht, wo ich das mächtige Wort wie einen lebendigen Quell des Lebens Ihren Lippen entströmen hörte! – est irrevocabile tempus. Denn nicht nur auf dem ersten Blatte meines nach Ihrem Vortrage geschriebnen Heftes ist es bemerkt, was einst Cicero vom Plato gesagt hat: Unus Plato mihi est pro centum millibus
! sondern auch mit unauslöschbaren Buchstaben tief in mein Herz niedergeschrieben. Aber nicht nur einen einzigen Lehrer und Führer, sondern auch einen seltnen Gönner und Fürsprecher von dem Augenblicke an, als ich München betrat, bis ich dasselbe verließ, verehre ich in Ihnen. Wie ich mich daher meiner Anwesenheit in München glücklich schätzte, zu denjenigen im Auditorium zu gehören, die im Namen desselben, Sie laut an dem leben ließen, so habe ich diesmal im Stillen weit von Ihnen, zum Allmächtigen für Ihr langes Leben die Hände erhoben; nichts aber kam meiner Freude gleich, als in der Kölner Zeitung die für mich höchst angenehme Nachricht mitgetheilt war, daß dieser Akt in diesem Jahre bei gefülltem Saale feierlicher als jemals Statt gefunden habe. Ich würde Anstand nehmen und ich fühle mich auch jetzt nicht wenig befangen, Ew. Hochwohlgeborn das Maaß meiner hohen Verehrung vorzulegen, bei dem gerechten Bewußtsein, wie gering Sie solches in Anschlag nehmen dürften gegen die bedeutenden Stimmen, welche schon seit einem halben Menschenleben der meinigen vorangegangen sind, wenn es nicht auf eine Rechtfertigung meinerseits gegen den nothwendig gegen mich obwaltenden Verdacht abgesehen wäre. Ich bitte daher Ew. Hochwohlgeboren meine Worte nicht für Zeichen einer abgöttlichen Verehrung, welche unselbständige Gemüther großen Geistern beim Gefühl eigner Schwäche zu erweisen pflegen, sondern für lautsprechende Ausdrücke meiner Dankbarkeit und Verehrung halten zu wollen.
Erlauben Sie mir, hochzuverehrender Lehrer und Gönner, nach diesem Bekenntnisse, Ihnen jetzt den Grund meines bisherigen Stillschweigens anzugeben. Da ich vielfach überzeugt war, daß Sie an meinem zukünftigen Loose einigen Antheil nehmen würden, so gehörte es zu meinen Wünschen, Ihnen recht bald nach meiner Verabschiedung von Ihnen etwas Erfreuliches in dieser Beziehung mittheilen zu können. Allein die Hoffnung spielt mit unsern Wünschen, indem sie uns einen Spiegel vorhält, in welchem wir das Ziel derselben ganz nahe sehen, uns aber getäuscht fühlen, sobald wir dasselbe zu umfassen glauben. Sollte man daher auch von der Erfüllung einer Hoffnung die Erfüllung irgend einer Pflicht und eines andern Wunsches nicht abhängig machen, so treten doch in den stürmischen Fluthen des Lebens nicht selten Umstände ein, die uns bestimmen, oder nöthigen, auch selbst Wesentliches zu verschieben, bis wir mit dem Schiffe derselben das erwünschte Gestade erreicht haben. Alle Vorsorge zu einer glücklichen Landung habe ich getroffen; aber vergebens! In diesem Bilde habe ich Ew. Hochwohlgeboren, so viel ich konnte, meine Lage anschaulich gemacht. Anfangs war es meine Absicht nach Paris zu gehen, allein der Vorsatz wurde immer geschoben; bald litten es meine Privatverhältnisse nicht, bald waren es die öffentlichen, welche mich von der Ausführung abhielten. Schon war ich einmal, mit Empfehlungen an mehrere der ausgezeichnetsten Pariser Gelehrten versehen, im Begriff abzureisen, als plötzlich die asiatische Geißel Angst und Schrecken von Neuem verbreitete. Da man damals die Natur der Krankheit noch zu wenig gekannt hat, als daß man sich über ihr kürzeres oder längeres Anhalten hätte vergewissern können, so habe ich mich bemüht, in meinem Vaterlande eine Anstellung zu erhalten. Doch ich bedaure hier der Hoffnung nur zu viel Zeit zum Opfer gebracht zu haben. Der Augenblick ist noch nicht gekommen, wo es dem durch die langen Jahrhunderte des Mittelalters – wie jedoch nicht zu läugnen – mit Consequenz materiell und spirituell niedergedrückten Volke sich frei wie die übrigen Menschen zu fühlen, vergönnt ist. Ich nenne das Verfahren des Mittelalters consequent, weil – wie irgendwo ein geistvoller Schriftsteller bemerkt – überall, wo der Staat aufgehört hat, das schirmende Princip für jede religiöse Ueberzeugung zu sein, wo er selbst eine individuell religiöse Ansicht gefaßt, statt alle in seinem höhern Schutze zu vereinigen, wo diese religiöse Ansicht nicht nur als väterliche Institution festgehalten, sondern in ihrer innerlichen Wahrheit vertheidigt wird, da auch zugleich mit aufgestellt ist das Princip der Unterdrückung von Andersdenkenden, die als Dumme oder Wahnsinnige schon einen natürlich untergeordneten Standpunkt annehmen, dann folgt von selbst und mit nicht zu läugnender Consequenz, die Zurücksetzung in der bürgerlichen Welt für die, denen die Pforten einer höhern, geistigern verschlossen sind. Aber nichts weniger als consequent ist es zu nennen, wenn man doch den herrschenden Begriffen unsrer Lage, dem Israeliten seine bürgerlichen Rechte verweigern will. Will man vielleicht demselben deßhalb keinen Lehrstuhl vergönnen, damit er keine antichristlichen Ideen verbreite, so bemerke ich, hat er hierzu nicht Gelegenheit, seine Gedanken in dieser Beziehung durch den Druck bekannt zu machen; warum gestattet man, bemerke ich ferner, dem christlichen Rationalisten das Christenthum öffentlich gehalt- und bodenlos zu machen? – Ist nicht weit eher zu vermuthen, daß selbst die Regeln der Klugheit, abgesehen von jedem höhern Bestimmungsgrund, dem israelitischen Lehrer vorschreiben würden, Gedanken dieser Art vor christlichen Zuhörern eher zu unterdrücken als laut werden zu lassen? – Warum gestattet man dem Indifferenten oder demjenigen, welcher – wie er sich ausdrückt – der Nothwendigkeit, da sie es einmal will, ein Opfer bringe, dem Herzen nach aber nichts weniger ist, als wozu er äußerlich sich bekennt – warum ist es ihm erlaubt öffentlich zu lehren, ja warum sucht man ihn vor allen Andern zu befördern und begünstigen? – Was aber den verbrauchten Einwurf über das Festhalten der Israeliten an talmudische Lehren betrifft, so ist derselbe in der That jetzt als veraltet anzusehen und war höchstens in den Zeiten eines Eisenmengers, dem man übrigens absichtliche Entstellungen nachweisen kann, nicht aber in der unsrigen anwendbar, wo wenigstens der durch christliche Bildung in die Höhe gehobne Theil sich den Fesseln desselben allgemach zu entreißen sucht. Ueberall, vorzüglich aber da, wo eine wissenschaftliche Ausbildung an die Stelle der frühern, verwirrenden eingetreten, ist dieser Kampf entzündet, der auf eine bessere Zukunft hindeutet. Wie aber bei einer jeden Uebergangsperiode das Aeltere dem Neuern unterliegen, zum Grunde dienen muß, so ist auch bei diesem Uebergang mit Vorsicht zu verfahren, daß nicht – wie man sagt – das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werde; daß nicht das negirende, auflösende Princip überall die Oberhand gewinne. Damit dieses jedoch vermöglicht werde, muß das Judenthum sich aus sich selbst herausbilden, damit endlich einmal die große Kluft zwischen ihm und dem Christenthum ausgefüllt werde – eine Kluft, die meines Dafürhaltens mehr durch Partheienwuth und Mißverständniß sich gezeigt hat, als daß sie ursprünglich statt gefunden hat und statt finden sollte. Der Riß des ursprünglich vereinten Verbandes ist nicht unähnlich der Entfremdung und Anfeindung der Pflanzstädte des Alterthums mit ihrem Mutterlande nach erlangter Selbstständigkeit, ungeachtet der anfangs obwaltenden Pietät, so daß sogar die Kolonie das dem Prytaneum der Mutterstadt entlehnte Feuer ängstlich auf der Reise bewahrte, bis es der eigne Heerd empfangen, und das zufällig Erloschne nur an dem mütterlichen Heerde wieder anzündete. Stünde aber auch das Judenthum nicht in so naher Beziehung zum Christenthum, wäre ihm dasselbe so fremd wie die Religion der Hindu oder Chinesen, so wäre doch nach dem einmal vorherrschenden Princip der Gleichheit aller Mitglieder eines Staates vor dem Gesetze und der freien, ungestörten Ideenmittheilung, insoweit sie nicht die Auflösung der Staatseinheit beabsichtigt, die Ausschließung der Israeliten von diesem Rechte, inconsequent und ungerecht! Aber fast fühle ich mich versucht zu dem Paradoxon überzugehen, daß der negative Zeitgeist deßhalb dem Aufkommen derselben entgegentritt, damit jede positivere Lehre untergehe; denn in dem positivern Christen erkennt er nur einen reformirten Juden, der nur dann geläutert erscheint, wenn er alles Dogmatische abgelegt hat. Daher wundre ich mich nicht, wenn Herr Professor Paulus, der zu jenem Paulus, welcher von sich (Corinther 13,2) sagt: Und wenn ich weissagen könnte, und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts
, in demselben Verhältnisse steht wie der Antichristos zum Christos, so daß er demgemäß besser Antipaulus zu nennen wäre, mit Feuer und Schwert gegen das Häuflein Juden zu Felde zieht; weil er fürchtet, es könne eine Zeit kommen, wo die Juden die Vertheidigung des Christenthums gegen Christen seiner Manier übernehmen müssen. Sapienti sat est! – Daß wir Rheinländer die schmachvolle Zurücksetzung aber tiefer als andre fühlen, ist daher begreiflich, daß wir zur Zeit französischer Oberherrschaft im Genusse gleicher Rechte mit den Bekennern des Christenthums gehabt haben, die Gesetze dieser Dynastie aber mit Ausnahme dieser respectiven Gesetze ihr Bestehen gehalten haben. Ich liebe mein Vaterland und liebe deutsche Wissenschaft und Kunst, aber es ist auch deutsche Gutmüthigkeit erforderlich, um deutsch fühlen zu können.
Es thäte wohl endlich einmal Noth, daß ein wahrhaft christlicher Mann, frei von allem Vorurtheil, gleichgiltig gegen das Lob und den Tadel tief unter ihm stehender Menschen, es nicht unter seiner Würde hielte, sein Urtheil über diesen Punkt unumwunden auszusprechen. Wäre nicht Haß und Verfolgung dem jüdischen Volke gleichsam hereditär überkommen, so daß sein Leben um Fortbestehen in diesem gedrückten Zustande, während die übrigen Völker der alten Welt ihre politische Vernichtung nicht überlebt haben, als ein Wunder der Geschichte erscheint, gewiß es würde, wenn auch nur um seines historischen Interesses willen, so gut Vertheidiger seiner Rechtsame gefunden haben, als die ungeschichtlichen und von europäischer Bildung weit entfernten Wilden, von denen ganze Stämme körperlich und geistig so verkümmert sind, daß sie einige Naturforscher sogar vom Ourangutang haben abstammen lassen. Noch einmal, man nehme dem Begriffe der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze sein im neuen Staate erhaltnes Bürgerrecht, so liegt wenigstens dem Drucke ein Princip zu Grunde, oder man setze den jüdischen Bürger in alle Rechte ein, die ihm als Menschen zukommen, wenn er nicht die Hilfe des Himmels um Gerechtigkeit anrufen soll.
Die Digression ist länger geworden, als ich es selbst beabsichtigt habe; allein der Gegenstand ist der Art, daß ich ihn in meiner Lage bei Ew. Hochwohlgeboren schriftlich nicht mit Stillschweigen übergehen konnte. Denn so oft ich auch zu einer mündlichen Unterhaltung über diesen Punkt hätte Gelegenheit nehmen können, so hielt mich doch ein eignes Gefühl – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll – davon ab; aber literae non erubescunt. Ich hoffe aber bei Ihnen um so mehr wegen dieser Abschweifung Entschuldigung zu finden, als ich durch dieses mißliche Verhältniß für längere Zeit und wer weiß ob nicht für immer, von meinen bisherigen Studien abgezogen worden bin, um von Neuem eine Disciplin zu beginnen, wo sich späterhin diese Schwierigkeiten nicht einstellen. Ich habe mich aus diesem Grunde entschlossen Medicin zu studiren, und befinde mich seit Anfang dieses Semesters zu diesem Behufe hier in Bonn. Ew. Hochwohlgeboren können leicht denken, daß mir dieser Schritt viele Selbstüberwindung gekostet hat, allein ich mußte mich endlich coute que coute zu befreien suchen.
Es ist jedoch endlich einmal Zeit, daß ich von mir selbst aufhöre und zu einem wissenschaftlichen Gegenstande übergehe. Die Schwierigkeit einer Erklärung des Wortes טֹטָפוֹת (Exod. XIII,9. Deut. VI 8) ist Ew. Hochwohlgeboren bekannt. Da ich eine Erklärung gefunden habe, die ich für haltbarer als alle vorhergegangene halten möchte, so gereicht es mir zum Vergnügen, sie Ihnen vor einer öffentlichen Bekanntmachung mittheilen und Ihr Urthiel erbitten zu können. Die Kritik der Versuche meiner Vorgänger, die von Rosenmüller in seinen Scholien zusammengestellt sind, wollen Sie mir für heute mit Ausnahme eines einzigen, der meiner Ansicht in einer Hinsicht nahe kommt, für heute erlassen. Nach meiner gewohnten Weise bei verzweifelten Stellen erst mein bischen Scharfsinn zu versuchen, und dann erst die Versuche meiner Vorgänger zu prüfen und mit dem meinigen zu vergleichen, verfahr ich auch hier. Nach dem Parallelismus des Verses selbst und nach Vers 13 in Exod. XIII, wo es durch זִכָּרוֹן substituirt ist, muß es so viel als Andenken, monumentum bedeuten. Ist dieses aber die Bedeutung des Wortes, so findet sich kein Wort weder im Hebräischen selbst, noch in den verwandten Dialekten, was man als radix desselben ansehen könnte Betrachtet man es als quadrilit˖[eral] und denkt an das Arabische ط و ف circuire, so läßt sich diese Bedeutung durchaus in keiner Verbindung mit jener von זכרון denken. Ich glaubte daher dem Worte versuchsweise einen ägyptischen Ursprung zuschreiben zu können, was – wie ich mich später überzeugt habe – auch von Jablonski, auf den ich später zurückkommen werde, weil meine Erklärung durch die Bekanntwerdung mit der seinigen eine kleine Modifikation erfahren hat, geschehen ist. Das Wort טֹט rief mir den ägyptischen Hermes Thot, so wie פוֹת den Phta in’s Gedächtniß. Der erste Bestandtheil kam, in sofern Thot als Erfinder der Schriftsprache in hieroglyphisch bildlicher Weise im Allgemeinen für ein Denkzeichen (monumentum) substituirt werden konnte, der Wortbedeutung sehr nahe; schwieriger aber erschien mir der andre Bestandtheil. Jedoch schien mir die Form der Phylacterien oder תְּפִלִּין wie sie sich auf traditionellem Wege bis heute erhalten hat, auch hier aus der Verlegenheit helfen zu wollen. Die Aehnlichkeit derselben mit einem Obelisken im verkleinerten Maaßstabe brachte mich auf den Gedanken, mich umzusehen, welche Gottheit vorzüglich in dieser Gestalt dargestellt wurde, und da fand ich zu meiner größten Freude, daß dieses eben der Phta sei. So ließen sich beide Begriffe nicht unpassend mit einander in den einen verbinden, טטפות bedeute: Ein Denkmal in Gestalt eines Obelisken. Ich zog aus dieser Erklärung die Folge, daß Moses dem Obelisken durch diese Anordnung seine mythologische Beziehung habe nehmen wollen, indem er demselben eine andre Bedeutung ertheilt hat, was mit dem Mosaismus bei genauerer Untersuchung keineswegs in Widerspruch steht. Außer dieser eigenthümlichen Form finden sich an der Außenseite der Kapsel auch noch zwei Buchstaben, die offenbar einen mystischen Sinn involviren. An einer Seite findet sich das ש wie gewöhnlich mit drei Köpfen, an der andern aber mit vier Köpfen
, wie es nirgendwo anders sich vorfindet. Wem fiele hier nicht die drei- vier- und siebenzahl mit ihrer mystischen Bedeutung im ganzen Alterthum ein. So klar sich mir auch der Sinn der ganzen Stelle nach dieser Erklärung ergab, so wünschte ich dennoch den Phta – ich weiß selbst nicht warum! – aus dem Spiele, und hätte mich gern nach einer andern Bedeutung des Wortes פוֹת im Koptischen umgesehen, wenn ich ein Lexikon zur Hand gehabt hätte. Nach abgeschlossener Rechnung schlug ich den Vers in Rosenmüllers Scholien nach, und fand dann, daß ich keine Ursache habe, meine Erklärung mit der eines Andern zu vertauschen. Damit aber mein Wunsch vollends erfüllt würde, fand ich am Schlusse der liter˖[arischen] Nachrichten in Rosenmüllers Scholien, daß Jablonski טֹט durch Hand und פוֹת durch gebildet nach dem Koptischen übersetzt. So unhaltbar diese Erklärung auch ist, weil wie Rosenmüller richtig bemerkt: Verum capitis ornamentum fuisse טטפות manifeste indicat adiectum עיניך בין
, so danke ich ihr doch die Erklärung des 2ten Bestandtheils פוֹת. Offenbar ist Phta selbst eine Form dieses Wortes und bedeutet: der Bildner, Schöpfer – ein Wort, das sich im Hebräischen in derselben Bedeutung findet. פוֹת ΦΩΤh ist demnach das Gemachte, das Gebildete. Demnach bedeutet טטפות das vom Thot gemachte, also ein monumentum. Diese Bedeutung schließt die Obeliskenform keineswegs aus, ja vielleicht ist, wozu mir bisher noch die Zeit zum Nachschlagen gefehlt hat, Tot sogar der Erfinder dieser Form selbst. Eine ausführlichere Untersuchung behalte ich mir noch vor; diese Bemerkungen mögen aber hinreichen, um Ew. Hochwohlgeboren mit meinem Ideengang bei Erklärung dieser Stelle bekannt zu machen. – Wie sehr ich mich auch einstweilen mit derselben freue, so wird meine Freude doch erst dann ihren höchsten Gipfelpunkt erreichen, wenn sie Ihren Beifall erhalten hat. Ich befinde mich in einer ähnlichen Beziehung zu Ihnen, wie Mendelssohn zu Lessing, der – wie ich mich aus der Vorrede zu seiner Uebersetzung der Psalmen erinnere – das Geständniß von sich abgelegt hat: Bei jedem Worte bevor er es niederschreibe, sich frage, ob es auch Lessing gefiele
. Vielleicht können Sie mir noch mehrere Mittel an Hand geben, meine Ansicht noch tiefer zu begründen, vielleicht schließt sie sich gefällig Ihren Forschungen an, und soll ich mir die Sache noch schöner denken, vielleicht ertheilt sie sogar dem einen oder andern Punkte in Ihrem Systeme Licht und Aufhellung!
Zu meiner größten Verwunderung haben meine phönicischen Untersuchungen bisher – soviel ich weiß – keine Recension erlitten. Wahrscheinlich liegt die Schuld in der schlechten Besorgung der von Cotta’schen Buchhandlung. Ich habe indessen nicht aufgehört dem phönicischen Alterthume meine Aufmerksamkeit zu schenken, und glaube jetzt auch die von Hamaker in s˖[einen] Diatr˖[ibe] phil˖[ologico] crit˖[ica] aliqu˖[ot] monum˖[entorum] Punicor˖[um] pp Lugd˖[unum] Bat˖[avorum] 1822 bekannt gemachte und von Kopp im 17ten Jahrgang der Heidelberger Jahrb˖[ücher] recensirten Inschrift lesen zu können, und zwar auf folgende Weise.
-ול תלת לרבתן
-ב לאדננ בץלן
(ר) אתנדד חמן על
גד (ב) עת תרת (ש)
השזד בן ער עם נדד
Unsrer Göttinn Tholet und
unserm Gotte, unserm Herrn (Adon)
Baal Hamon gelobte einen
Weinberg Hassad, der Bewohner
einer Koloniestadt.
Die Lesung dieser Inschrift ist nicht so zuverläßig wie die früher von mir bekannt gemachten, weil ich in derselben nolens volens zur Annahme von Verwechslung zweier Buchstaben, die aus der Aehnlichkeit der Buchstaben erklärbar sind, meine Zuflucht nehmen mußte. Wenn sich aber dergleichen Fehler auf griechischen und römischen die Menge vorfinden, so darf es uns in semitischer Sprache um so weniger befremden und uns eine sonst mögliche Erklärung unwahrscheinlich machen, da von einem bloßen Handwerker, der vielleicht nicht einmal verstand, was seine Hand in Stein zu graben beabsichtigte, leicht bei der großen Aehnlichkeit der Buchstaben verwechselt werden konnte. Wie oft begegnet es uns nicht heute, daß in unsern Typographien ב und כ, ד und ר, ו und ז von Unkennern, und ebenso daß damit verwandte Buchstaben wie ת, ס, נ, ש selbst von Solchen, welche die Sprache verstehen, mit einander vertauscht werden.
Auch über diese Inschrift erbitte ich mir Ihr Urtheil.
Womit ich hätte anfangen sollen, mit der Erkundigung nach dem Wohlbefinden Ew. Hochwohlgeboren, Ihrer geschätzten Frau Gemahlinn, Ihrer lieben Kinder und der Fräulein Gotter, habe ich mir bis zum Schlusse aufgespart. Ich hoffe, daß Sie sich eben so wohl und zufrieden befinden werden, als wie ich Sie verlassen habe.
Nehmen Sie noch einmal die Versicherung meiner aufrichtigsten Dankbarkeit und hohen Verehrung und erfreuen Sie recht bald mit einer Zuschrift
Ew. Hochwohlgeboren
ganz ergebensten Schüler
L. Wihl Dr.
Bonn den .
2ter Stock
fr. abrah. Wihl