Hochwohlgeborner Herr,
Hochverehrter Herr Präsident und Geheimerath,
Ihr gütiges Schreiben vom hat mich in einem um so höhern Grade überrascht, als ich bereits verwichene , wie Ihnen bekannt seyn wird, unserem verehrten Schubert den Entschluß hatte erklären müssen, Halle nicht verlassen zu dürfen, und ich zu gleicher Zeit von Anfragen Kunde erhielt, welche an meinen Freund und Collegen Guericke und an Dr. Schott in Jena ergangen waren. Und nun war man abermals zu mir zurückgekehrt, und von Ihrer Hand, hochverehrter Herr Präsident, mußte ich diese abermalige Aufforderung empfangen, von Ihrer Hand und in solchen Ausdrücken der vertrauenvollsten Liebe, in der Sprache der innigsten Theilnahme an der Sache des Herrn! Ich wurde aufs Lebhafteste bewegt, gerührt.
Lassen Sie mich Ihnen mit vollem Vertrauen, mit dem dankbaren Vertrauen, wozu Ihre unverdiente Liebe mich auffordert, die Gründe aussprechen, mit denen ich gerungen habe, und das Resultat, was mir nach diesem Kampfe geworden ist.
Von Anfang an hat meine Neigung mich entschieden dafür gestimmt, Erlangen meinem jetzigen Aufenthalte vorzuziehen, weil die vielen trefflichen Männer in dem Orte selbst und in der Nähe, verbunden mit dem freundlicheren collegialischen Verhältniß, welches mich dort zu erwarten schien, mich unwiderstehlich anzogen. Zu diesem subjectiven Grunde kommt der objective, daß, wenngleich der dortige Würkungskreis kleiner ist, doch unter den dortigen Verhältnissen ein viel ungehemmteres, freieres, wohlthuenderes Würken sich erwarten ließe; außerdem aber übt den stärksten Einfluß und muß ihn üben der Gedanke, wenn Männer mit deren Ernste auf das Heil der Kirche bedacht sind, wie dies jetzt in Baiern der Fall ist und die Hand fordern um mitzuarbeiten, so darf derjenige welcher aufgefordert wird sich nicht zurückziehen und das schöne Werk hindern, es wäre denn, daß die wichtigsten Verpflichtungen ihn bünden. – Solche wichtige Verpflichtungen finden sich nun allerdings in meinen Verhältnissen. Erstens bin ich an einen Ort gestellt, wo Weggehn wie feiges Fliehen aus dem verordneten Kampfe aussieht, der, mag er gleich bitter seyn, doch gekämpft werden muß. Zweitens wäre ich undankbar gegen Gott, wenn ich sagen wollte, daß er trotz des schweren Kampfes ohne Sieg gelassen hätte. Ich habe alle Semester in den Vorlesungen an 200–250 Jünglinge vor mir gesehn, nach jedes halbes Jahr die Freude erlebt eine Anzahl solcher zu entlassen, die im nähern Umgange mir als künftige treue Diener Christi bekannt worden waren. Drittens hat mein Ministerium mich seit meinen Studentenjahren mit wahrhaft väterlicher Huld geleitet und mir hier alles gewährt, was ich mir wünschen kann, unter anderem auch einen Antheil an den Examinationscommissionen an den Universitätspredigten; es hat in der That alles gethan was es thun konnte, um mir meine Würkung zu erweitern. Es würde noch mehr thun, wenn ich es bedürfen sollte.
Ich gestehe, daß, nach reiflicher Erwägung allein und mit einigen Freunden, diese Verpflichtungen mir als so wichtig erscheinen, daß ich das Ja wenigstens jetzt nicht zu sagen vermag. Was ich damit sagen will ist dieses. Das in Ihrem Schreiben, verehrtester Herr Geheimerath, ausgesprochene Vertrauen ist mir so rührend und der Ernst, mit welchem die Männer, welche in Baiern an der Spitze stehn, das Heil der evangelischen Kirche suchen hat mich so tief ergriffen, daß ich auch nicht ganz mich entziehen kann, wenn man mich wünscht, allein ich glaube meinen Posten nicht eher verlassen zu dürfen, als bis es gewiß ist, daß solche Männer nicht kommen können, von denen ich glaube, daß sie mich zu ersetzen im Stande sind und deren Stellung weniger verantwortlich ist als die meine. Nach nochmaligen Erwägen erscheinen mir als sehr geeignete Männer für die Erl˖[anger] Stelle Olshausen, Sartorius, Rudelbach und Kleinert. Der Erstere wird durchaus nicht gehn. Bei dem 2ten müßten allerdings die Anträge sehr dringend seyn, wenn er ginge, aber er ist es werth, daß man alles thue um ihn zu gewinnen, er ist ein überaus solider Gelehrter und ein geistvoller und energischer Vertheidiger der christlichen Wahrheit. Doch gesetzt auch er beharrte bei seinem Verbleiben in Dorpat, so würden die letzteren 2 gewiß bereit seyn einem Antrage Folge zu leisten. Ich erlaube es mir, da ich beide genau kenne, mit aller Wahrheit Einiges über sie zu sagen. Ich kenne, so weit meine Bekanntschaft reicht, keinen so tüchtigen Gelehrten unter den Geistlichen als Dr. Rudelb˖[ach]. Mag er jetzt auch seit den 3 Jahren seines practischen Amts etwas aus der Routine gekommen seyn, ein Mann wie er kommt leicht wieder hinein. Man braucht nur seine Biblioth˖[ek] zu sehen um sich zu überzeugen, daß man mit einem bedeutenden Gelehrten zu thun hat – in fast jeder Disciplin
Das sind die Männer, von denen ich bestimmt glaube daß sie sich dem Antrage nicht entziehen werden, daß sie auch mich entbehrlich machen, und die wohl eine geringere Verantwortung auf sich laden, wenn sie dem Rufe folgen. Ich möchte daher ganz ergebenst jene verehrten Männer, deren Winke ich so überaus gern Gehorsam leistete, wenn ich mich nicht gebunden fühlte, ersuchen, vorher an diese Männer die Aufforderung ergehen zu lassen. Sollte indeß auch hier das Gewünschte nicht zu Stande kommen, so glaube ich meinerseits durch meine Verpflichtung nicht mehr so gebunden zu seyn, daß ich nicht mit beruhigterm Gewissen mich der Leitung der Männer überlassen könnte, die es mit der evangelischen Kirche so redlich meinen. Sollten daher jene Verhandlungen nicht das gewünschte Ziel erreichen, dann aber erst dann, mein verehrtester Herr Geheimrath, würde ich das Ja was Sie wünschen sagen können, vorher aber allerdings noch einmal eine Benachrichtigung erwarten. Denn wehe müßte es ja dem Freunde der bairischen Kirche allerdings thun, nach so vielen Bemühungen am Ende einen so zweideutigen Vertheidiger des Christenth˖[ums] wie etwa Dr. Schott an einer solchen Stelle zu sehen, oder wohl gar den bösen Dr. Bückel, der sich auch einer Anfrage gerühmt hat.
Wie nun auch der Ausgang der Unterhandlung sei, daß mir die Erinnerung an die in Ihrem Schreiben, innigst verehrter Herr Geheimerath, ausgedrückten Gesinnungen ewig wohlthun, mich aufrichten und stärken wird, kann ich Sie versichern, sie wird mir heilig seyn. Mit Wehmuth darüber, daß nicht schon dieses Schreiben Ihre Hand ergreifen kann schließe ich, nur der Gedanke der Pflicht ist es, der mich stützt und aufrecht erhält.
Hochverehrtester! Mit unaussprechlichen Gefühlen der Verehrung beharrt
Ihr tief und innigst ergebener
A Tholuck