An
Herrn Ober-Medizinal-Rath
Dr. Schelling
in
ganz frey.
München .
Liebster Bruder!
Es wäre mir freylich, da ich nach allen Deinen Äußerungen Verzicht darauf leisten muß, Dich in diesem noch hier zu sehen, eine große Freude gewesen, nach Stuttgart, Deiner wiederholten gütigen Einladungen gemäß, zu kommen. Auch ließ ich die Entscheidung über die Richtung meiner Reise sozusagen bis auf den letzten Augenblick aufgeschoben. Allein eben in den letzten 8 Tagen erinnerten mich neue Zufälle meiner Gesundheit wieder daran, wie unentbehrlich mir der Gebrauch eines Bades ist. Gegen Ende des Sommers finde ich mich gewöhnlich ganz erschöpft, da ich, die Wahrheit zu sagen, im ganzen Jahr keine Zeit habe, das Geringste für meine Gesundheit zu thun. Und so werde ich denn wieder den traurigen und langweiligen Weg nach Carlsbad einschlagen, so weit auch die Jahrszeit schon vorgerückt ist. Eine Unbäßlichkeit meiner Frau und die Sorgen für Paul ließen mich nicht früher abreisen. Ich habe mich nun in Bezug mit diesem zu einem Letzten entschlossen. Es ist wie er jetzt ist ihm, selbst in geistiger Hinsicht, nicht zu helfen; die moralische Vernachläßigung in Nürtingen und nun vollends in Urach hemmt auch jeden wissenschaftlichen Fortgang. Was er vor allem bedarf, ist strenge moralische Zucht. Diese gewährt ein Institut, wie das hiesige Cadetten Corps, in welchem ich vom König einen Platz für ihn erhalten habe. Doch hängt die wirkliche Aufnahme noch von dem Resultate der ConcursPrüfung ab. Aus diesem Grunde bitte ich Dich, die Sache noch geheim zu halten, und besonders zu sorgen, daß Paul nichts davon erfahre. Es ist nicht nothwendig, daß er darum Militär werde. Vielleicht ist die moralische Wirkung in Einem Jahr schon von der Art, daß man ihn dann studieren lassen kann. Jetzt wäre jede Bestimmung, die man ihm geben wollte, eine verfehlte. Sollt’ es mit ihm auch da nicht gut thun, so bleibt nichts, als ihn zum gemeinen Soldaten machen, oder etwa einem Buchdrucker in die Lehre zu geben. Ich brauche Dir nicht zu sagen, mit welchem Kummer mich die Charakterlosigkeit dieses meines Erstgebornen erfüllt. Hätte ich selbst Zeit, mich ihm zu widmen, so wollte ich, mit Gottes Hülfe, ihn schon auf den Weg bringen. Aber ich bin mit Geschäften nicht bloß von einer sondern von vielen und ganz verschiednen Seiten so bedrängt, daß ich kaum diesen genügen kann. Mein Trost ist, daß ich diese Lage nicht gesucht, daß ich sie auf alle Weise mir ferne zu halten gesucht habe, und daß mir, bis jetzt, wenigstens die Kräfte verliehen worden sind, ihr so weit zu genügen, daß ich kürzlich von unsrem König, gelegenheitlich seines , eine öffentliche Anerkennung erhalten habe, wie er sie nicht leicht jemand zu Theil werden läßt. Das Auszeichnende lag weniger in der Sache als in der Art, wie ich jene erhalten. Natürlich aber erregt etwas der Art desto mehr Mißgunst bey andern, meine Stellung wird insofern nicht dadurch erleichtert, doch habe ich in der Verwirrung und dem Durcheinander der Parteyen mich bis jetzt immer aufrecht und außer aller Partey zu halten vermocht. indeß wer kann in einem Augenblick, wo die Welt selbst sich wieder zu verwirren droht, auf eine Zukunft bauen? Um so wünschenswerther wäre mir gewesen, einige Tage einmal wieder mit Dir zu seyn? Da für eine zweyte weitere Reise meine Zeit nicht ausreicht – wär’ es denn nicht möglich, daß Du etwa an irgend einen 3ten Ort kämest, wo wir einige Tage mit einander seyn könnten? Laß mich bis dahin Deine Antwort wissen! Solltest Du mir etwas während meiner Abwesenheit, die etwa bis zum dauren wird, zu melden wünschen, so adressire den Brief nur hieher. Er wird mir nach Carlsbad geschickt. Im Fall einer Zusammenkunft wünsche ich sehr, daß auch Bruder August dabey sey. Er dauert mich ungemein. Es hat ihm hier so sehr wohl gefallen, und dann machte er sich Vorwürfe, die Frau auf 8 Tage verlassen zu haben! Besuch’ ihn doch sobald Du kannst. Grüße ihn auf jeden Fall von uns; ich hätte ihm so gern auch geschrieben, aber die Zeit will nicht zu reichen.
Ich habe ihm schon dafür gedankt, daß er Paul mit seiner unverschämten Geldfoderung abgewiesen hat. Die hiesigen Kinder bleiben unter Aufsicht meiner Schwägerin zurück, die schon auch mit Paul fertig zu werden wissen wird. Wahrscheinlich lasse ich ihn jetzt gleich kommen, um ihn auf die bevorstehende Prüfung noch einige Vorbereitung geben zu lassen. Ich erwarte heut’ Abend noch eine Antwort in diesem Betreff. – Entschließe Dich doch ja zu der gewünschten Zusammenkunft, die ich Clärchens wegen fast ebenso wünsche, wie unsertwegen.
Lebe recht wohl, grüße auf’s herzlichste Deine liebe Frau von uns allen, und freue Dich Deiner lieben Kinderchen, die wir im Fall einer Zusammenkunft doch auch wieder zu sehen hoffen. Empfiel uns allen verehrten Verwandten!
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]
Fr˖[itz]