München .
Es ist Ihnen, Verehrter Herr und Freund, vielleicht auffallend, in einer Angelegenheit einen Brief von mir zu erhalten, für welche Sie mir wahrscheinlich ein geringeres Interesse zutrauen, als ich dafür wirklich empfinde. Da ich indeß nicht ohne Aufforderung handle, so werden Sie die Freyheit, die ich mir hiemit nehme, nicht ungleich beurtheilen.
Es ist davon die Rede, für die Universität Erlangen einen Lehrer der Theologie zu gewinnen, der dem Schwankenden wo nicht völlig Verkehrten des dortigen Studiums ein gründliches Ende mache, und es auf seine wahre und ächte Grundlage befestige. Die Wünsche aller Wohldenkenden waren gleich anfangs auf Sie gerichtet. Selbst jetzt noch, nachdem Gründe vorhanden zu seyn scheinen, zu zweifeln, daß Sie einen Ruf dorthin annehmen könnten, hat man nicht aufgehört, diesen Wunsch fortwährend zu hegen. Um aber bestimmte Schritte zur Realisirung desselben thun zu können, wünscht man in den Stand gesetzt zu seyn, gleich mit der Versicherung auftreten zu können, daß Sie unter gewissen Bedingungen diesen Ruf annehmen würden. Zwar hält man sich überzeugt, daß der bloße Gedanke der Wichtigkeit und des nicht zu berechnenden Einflusses, den Ihre Lehre bey uns auf das ganze Bestehen und den Geist der protestantischen Kirche in Bayern, nicht nur für einige Jahre sondern gewiß auf unabsehbare Zeit hinaus ausüben würde – daß dieser Gedanke für einen Mann Ihrer Gesinnung das einzige und letzte Entscheidende seyn würde. Indeß erkennt man eben so lebhaft, daß, ohne auch in Ansehung der äußern Bedingungen alles Mögliche zuzusichern, eine Zumuthung dieser Art im höchsten Grade unbillig und unbescheiden seyn würde. Man glaubt in dieser Hinsicht, Ihnen einen jährlichen Gehalt von 2500 Gulden verschaffen zu können, der, zufolge des Unterschieds der Preise diesseits und jenseits des Thüringer Walds, wohl gering angeschlagen 1500–1800 Thalern preußischen Geldes gleichzusetzen wäre. Nur eine bestimmte Äußerung wünscht man von Ihnen, ob Sie nicht überhaupt sich uns versagen. Ich erlaube mir, Sie darum zu bitten. Ja oder Nein; in beyden Fällen wird Ihre Erklärung zwischen mir und zwey andern, von Ihnen hochgeachteten Männern, bleiben. Ehe Sie dieses Wort sprechen, bitte ich Ihnen noch einmal sagen zu dürfen, daß es fürwahr ein recht tiefer, inniger, von Herzen und aus wahrer Liebe zu dem Herrn kommender Wunsch ist, mit dem wir Sie zu uns zu ziehen suchen. Groß und schön ist Ihr Wirkungskreis in Halle, aber der in Erlangen, wo die protestantische Geistlichkeit eines ganzen Landes allein die Weihe für ihr ganzes Leben erhält, ist doch noch größer und schöner; hier werden Sie der Urheber eines neuen christlichen Lebens für ein ganzes bisher elend verwahrlostes Land durch eine Jugend, die sich nach dem Besseren sehnt und es nicht finden kann. Ihr gegenwärtiges Vaterland ist reich an Männern von Geist und Kraft, Schülern von Männern, wie Neander und Sie; unser Land ist völlig arm an solchen, und wir wissen nicht, wie es unsrer Jugend ergehen soll, wenn wir nicht einen Mann, der Ihre Gesinnung, Ihren Geist mit Ihrer Erfahrung und tiefer Gelehrsamkeit vereint, zum Führer und Vorbild für dieselbe gewinnen können. Lassen Sie mich noch hinzusetzen, daß ein milderes Clima, eine in jeder Hinsicht angenehmere Stadt, Ihnen nicht bloß physisch sondern gewiß auch psychisch wohlthätig seyn wird. Ich darf behaupten, daß Sie bey uns bald nur unter Freunden und Ihnen herzlich ergebnen Menschen wandeln werden. Erwägen Sie nun dieß alles, theurer, verehrter Mann, und vertrauen Sie das entscheidende Wort mir an, der sich nichts gegen Sie mit Wahrheit rühmen kann, als daß er mit der herzlichsten und aufrichtigsten Verehrung, seit Ihrer persönlichen Bekanntschaft, Ihnen zugethan ist, und der Ihnen diese Zeilen nicht bloßer Aufforderung zufolge, sondern ebenso sehr in eignem wahren Herzensinteresse schreibt. Gott lenke Ihren Entschluß, wenn es sein Wille ist, zu unserm Besten!
Schelling.