Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochverehrter, Hochwohlgeborner
Herr Geheimerath,

Ich weiß zwar nicht, ob und inwiefern Ew. Hochwohlgeboren auf dasjenige eingegangen sind, was ich die Ehre hatte in meiner Antwort auf Ihr so theures Schreiben auszusprechen, ob es Ihnen und dem verehrten Oberconsistorio gefallen werde, zunächst an andere und namentlich auch die von mir genannten Männer den Antrag ergehen zu lassen. Jedenfalls ist es doch aber, für den Fall, daß dies geschehen wäre, meine Pflicht, Sie von einer Nachricht in Kenntniß zu setzen, welche ich auf einer so eben beendeten kleinen Reise empfangen habe.

Ich erfuhr nämlich, daß der Prof. Kleinert auf einem Besuch in Berlin, den er so eben gemacht hat, sich gänzlich zur Hegelschen Philosophie bekannt hat, während er früher ein Herbartianer war. Ich muß nun gestehen, da ich nichts weiteres über ihn in dieser Rücksicht weiß als daß er sehr eifrig seine neue Einsicht zu verbreiten sucht, daß ich deshalb noch gar nicht eine Veränderung seines warmen christlichen Glaubens befürchte, denn ich habe einige Freunde welche entschieden christliche Gesinnung mit jener Philosophie verbunden; allein es könnte ja doch auch – was Gott verhüten wolle – der Dünkel, welcher soleicht diese philosophische Ueberzeugung begleitet, ihn irre geleitet haben. Aus diesem Grunde hielt ich es für meine Pflicht Ew. Hochwohlgeboren von dieser Veränderung in Kenntniß zu setzen.

Ich wiederhole ergebenst die Bitte, daß, wenn die beabsichtigten Versuche einen würdigen Mann an die Stelle zu bringen, fehlschlagen sollten und dann die hohen Patrone der Universität doch noch auf mich reflectiren sollten, man mich von dem Andrange der Unterhandlungen gütigst in Kenntniß setze, um dann einen definitiven Entschluß fassen zu können. Sollte dieser Fall überhaupt noch eintreten, so würde ich aber auch um eines noch ergebenst ersuchen, nämlich mich genau von dem Verhältnisse der Abhängigkeit in Kenntniß zu setzen, in welchem die Universität von dem hohen Oberconsistorio und von Seiner Majestät dem Könige steht. In meinen hiesigen Verhältnissen ist nämlich die Zahl meiner öffentlichen Verunglimpfungen so groß gewesen, sie sind so wiederholt gewesen, daß ich kaum anders glauben kann, als daß, falls mir Gott denselben Eingang in Erlangen schenkte, sie auch dort wiederkehren, und wenn sie wiederkehrten, eine andere oberste Behörde als eine so wohlgesinnte evangelische wie unser König zu Einschreitungen veranlaßt werden dürfte, falls dies mit der Verfassung verträglich ist. Aus diesem Grunde wünschte ich zu wissen, wie weit die Macht sowohl des Oberconsistorii als des Seiner Majestät des Königs über die Professoren und die Universität sich erstrecke.

Ich wiederhole die Versicherung der tiefsten innigsten Verehrung, mit welcher ich stets verharren werde
Ew Hochwohlgeboren
ganz ergebener Diener

A Tholuck