Sr. HochWohlgebohren
Herrn geheimen Hofrath von Schelling
zu
Ganz frey.
Liebster Bruder!
Den .
Mit blutendem Herzen ergreife ich die Feder um Dir und Deiner lieben Frau die erschütternde Nachricht von dem Tode meiner guten Gattin zu geben. Sie starb vorigen Donnerstag den den Ab[end] 7 Uhr als 7tägige Wöchnerin an einer schnell sich entwickelnden BrustWaßersucht und wahrscheinlich hinzugetretenem Nervenschlag. Am Morg˖[ens] 2 Uhr war sie nach einer in der lezten Zeit besonders wegen kurzen Athems sehr beschwerlichen Schwangerschaft schnell und glüklich von einem gesunden Knäbchen entbunden worden. Alles schien sich gut anzulaßen, doch trat am das Milchfieber weniger heftig, als sonst ein, wir hielten dieses für eine Folge des Stillens, das sie auf mehrfältigen Rath dißmal wieder auf einige Wochen treiben wollte – Am zeigte sich Friesel, der aber schön herauskam und mit dem sie starb – Am war sie besonders munter – Ein Geistlicher aus der Neuenstädter Diöcese besuchte mich, sie konnte es nicht erwarten, bis ich ihn in ihr Zimmer führte, schikte 2mal deßhalb auf mein Zimmer und unterhielt sich sodann mit ihm über eine halbe Stunde – Die Nacht darauf hatte sie wenig Schlaf, schweren Athem und Träume. Ich hatte die Diöcesen-Disputation an diesem Tage, die hier außer dem Hause gehalten wird und von der ich erst 5 Uhr zurükkam. Sie klagte fortan über Engbrüstigkeit. Die Nacht war wie die vorhergehende. Ich ahndete keine Gefahr, schob Vieles auf die furchtbare Hize in der Luft hatte den ganzen Anlauf und dringende Ausfertigungen. Erst über dem Mittag-Eßen erfuhr ich, daß der Arzt ihre Umstände für bedenklich halte. Ich schikte sogleich nach ihm, fand selbst den Puls bey meiner Frau beinahe schon stehend – während die Halsadern äußerst heftig schlugen – Ich ahndete Milchversetzung – redete ihr zu, das starke Kind sogleich anzulegen, was sie auch jezt und um 3 Uhr noch einmal mit Erfolg that – Der Arzt verordnete Senfmehl, verschrieb ein kühlendes Pulver – mein Gustav rannte nach Ludwigsburg, um einen dort˖[igen] Arzt zu hohlen und einen Brief an Bruder Carl zu besorgen – Das Senfmehl zog, die Kranke fühlte sich erleichtert – aber nur kurze Zeit, um 5 Uhr fieng sie an irre zu reden – doch traten immer wieder lichte Augenblike ein, wo sie sich als sehr krank erklärte, jedoch keine so nahe Gefahr ahndete, um 6 Uhr verlangte sie aufzustehn, bat flehentlich ihr zu gestatten, wenigstens die Füße über das Bett herabhängen zu dürfen, was wir ihr endlich gestatteten, nachdem wir eine Vorrichtung mit Betten gegen Verkühlung gemacht hatten – nach einer Viertelstunde, in der sie mehremale versicherte, wie wohl ihr diese Situation bekomme, bekam sie ein TodtenGesicht, legte sich zurück, fieng an zu hircheln und schlief nach einer kleinen Viertelstunde ganz sanft ein. Ihr ist wohl, ich stehe verzweiflungsvoll am heut˖[igen] Morgen ihres Begräbnißtages unter meinen 6 Kindern, denen sie die treueste, sorgsamste Mutter war. Die 2 ältern kamen Abend an. Ich klage mich nun an, daß ich sie wegen der Reise nach München verlaßen habe, was ihr wehe that, daß ich mich über ihr so wenig widmete und auch in ihrem Wochenbett durch verschiedene Umstände verhindert, so wenig für sie that. O es war eine gute Seele, die warme Liebe verlangte, die ich im Temperament so ganz von ihr verschieden ihr oft nicht erwieß. Es ist 1 schreklicher Riß der Tod und sogar keine Stimme an die Jenseits Befindliche möglich. Oft wollte sie mit mir während ihrer Schwangerschaft über etwaige Maßregeln im Falle ihres Todes reden, ich gab ihr kein Gehör, weil sie in allen Schwangerschaften ähnliche Grillen gehabt hatte. Am Abend meines Lebens stehe ich nun einsam, mit einem Amte belastet, das alle meine Leibes und Seelenkräfte in Anspruch nimmt und soll meinen Kindern Mutterstelle zugleich erfüllen. Mein Herz blutet aus 100 Wunden und wird in diesem Leben nicht mehr ruhig werden. Was meine Lage schwerer macht, ist daß m[eine]r Frau einziger Bruder, mein edler Schwager, der mir sogleich zu Hülfe geeilt wäre, auf einer Reise im Schwarzwalde befindlich ist, von der er erst zurükkommt. Carl m[i]t s[eine]r Frau und Beate haben versprochen heute Mittag zum Leichen-Begängniß zu kommen. O lieber Bruder bete für mich, daß ich nicht ganz verzage. Meine Gesundheit wankt schon längere Zeit, ich fühle die Kraft und das Geschik nicht in mir, meine Kinder allein zu erziehen – vielleicht nimmt mich Gott darum bald von der Welt – meine Kinder werden auch dann keinen Mangel im Irdischen leiden, aber ihre Erziehung liegt mir hart an, besonders die meiner einzigen Tochter – Da wollte ich denn Deiner lieben Frau an ihr mir gegebenes Versprechen erinnern, sie später auf einige Zeit zu sich zu nehmen, und soweit es ihre Naturanlagen erlauben dem netten Julchen ähnlich zu machen.
Vor einigen Wochen schrieb Dein H[ei]l˖[iger] Sohn von Urach mir, ich soll ihm schleunig 70 f schiken, die er vom vor˖[igen] her noch schuldig sey – und von denen er in der lezten Vacanz weil s˖[eine] Aeltern ohnehin unzufrieden mit ihm gewesen seyen, nichts habe sagen mögen. Ich glaubte in Deinem und Deiner lieben Frau Sinne zu handeln, wenn ich ihm nichts schikte und ihn wegen seines Schuldenmachens zurechtwieß.
Lebe Du noch lange gesund und glüklich in Deinem schönen Familienkreis, an den ich jezt mit besonderer Wehmuth gedenke
Dein
bekümmerter Bruder
August.