Ew. Hochwohlgebohren
haben den Unterzeichneten immer mit so viel Güte behandelt, daß er es wagt nochmals mit einem Schreiben lästig zu fallen, um Ihnen in einigen Worten seine Verhältnisse auseinanderzusetzen.
Ich habe eine chinesische Büchersammlung von Canton zurückgebracht, wie bis jetzt noch keine in Europa war; sie besteht aus ungefähr 10,000 Bänden, – das Ausgesuchteste aus allen Fächern der Literatur. Die Königliche Preußische Regierung hat vermöge der mir vorgeschossenen 500 Thaler auf einen Theil der Sammlung – ungefähr auf 25–2600 Bände, gegründeten Anspruch; man will aber, wie ich höre, die ganze Sammlung haben. S[ein]e Königliche Hoheit der Kronprinz und Seine Excellenz der Herr Minister von Altenstein waren selbst so gütig mir mündlich von einer Anstellung zu sprechen; bestimmte Anträge sind mir bis dato, noch nicht gemacht worden. Vor mehreren Jahren würden mich solche Aussichten höchlich erfreut haben, – jetzt ist dies anders. Gewohnt ohne alle Controlle, ohne allen äußeren Zwang mich meinen wissenschaftlichen Bestrebungen hinzugeben, ist mir der Gedanke einer Anstellung nicht sehr erfreulich, – ich würde es vorziehen meine Freiheit zu bewahren. Ich beziehe von Bayern »bis zu meiner Wiederanstellung« eine Pension von f 350:-; wenn ich mich etwas vor München scheue, so geschieht dies vorzüglich aus Furcht, man möchte auf den Gedanken kommen, mich anzustellen. Ich müßte nach der Dienstespragmatik wiederum eine Stelle an einem Gymnasium annehmen. Wenn ich die Versicherung hätte, daß man mich in München ungestört mit meiner Pension leben lassen würde, so würde ich mit dem größten Theil meiner literarischen Schätze mich alsbald dahin begeben, und – eine kleine Reise nach Armenien abgerechnet – meine übrigen Lebenstage der Ausarbeitung einer politischen und Culturgeschichte Asiens widmen, wozu ich seit Jahren gesammelt habe. Mein Reichthum besteht in der Kunst mit sehr Wenigem auszukommen und Entbehrung aller Art leicht zu ertragen, – so ausgerüstet habe ich den Muth ohne alle Unterstützung auch nach Armenien zu reisen, um in den Klöstern dieses Landes nach altarmenischen Uebersetzungen der verlornen griechischen Klassiker nachzusuchen.
Es ist mir lieb daß der chinesische Philosoph Tschu hi während meiner Abwesenheit nicht
Indem ich zu hoffen wage, daß Ew. diese Zeilen gütig aufnehmen und mir einige Worte der Antwort zukommen lassen werden, habe ich die Ehre zu unterzeichnen
Ew. Hochwohlgebohren
Gehorsamster
Neumann Prof.
54 Jägerstraße