Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochverehrter Herr GeheimeRath!

Die Instruction der k˖[öniglichen] Akad˖[emie] der Wiss˖[enschaften], die Sie die Güte hatten, mir zu überschicken, habe ich den bey der hiesigen bayrischen Gesandtschaft in Empfang genommen, und zugleich von Herrn von Gasser die Zusicherung erhalten, daß die Gesandtschaft jeden meiner Briefe an die Akademie besorgen wolle. – Wenn ich bedenke, mit welcher Bereitwilligkeit Herr von Gasser mir diese Zusicherung gegeben, mit welcher Zuvorkommenheit er mich überdieß an sehr bedeutende Männer in Wien empfohlen hat, so kann ich darin nur die Wirkung Ihrer gütigen Verwendung für mich erkennen, und einen neuen Beweis Ihrer mir so unendlich schäzbaren Gewogenheit daraus abnehmen. Empfangen Sie, theuerster Lehrer! sowohl dafür, als auch für Alles das unzählig Gute, das ich Ihnen so gerne schulde, meinen innigsten, herzlichsten Dank! Nie noch in meinem Leben war dieses Gefühl der Dankbarkeit in mir so lebhaft, und ich glaube auch, noch nie so rein, wie eben jetzt, wo mich eine, wenn auch noch so flüchtige Vergleichung deutlich sehen läßt, was Sie mir gewesen sind, und wie ich zuversichtlich und freudig hinzusetze, noch jetzt sind, und wo ich nicht ohne eine gewiße Unheimlichkeit auf das zurücksehen kann, was ich ohne Sie geworden wäre. – Wenn auch Wien keine andere Wirkung mehr auf mich haben sollte, als mich über diesen Punkt in’s Reine gebracht zu haben, so wird es mir doch und gerade deßwegen in gesegnetem Andenken bleiben. Und ich fürchte nur zu sehr, daß Wien außerdem wenig segensreich für mich seyn werde. Mein ganzes Wesen sträubt sich gegen hiesiges Thun und Treiben in Wissenschaft, und um keinen Preis der Welt möchte ich auch nur im Geringsten mit den hiesigen Ansichten einverstanden seyn. Und am wenigsten in Bezug auf die Art des Studirens. Darüber brauche ich Ihnen, der Sie am besten den Vorzug der Studien-Freyheit vor dem Collegien Zwang kennen, nicht weiter zu berichten. Wer Collegien-Zwang noch rechtfertigen will, der gehe nach Wien, und wenn er hier nicht vom Gegentheil überzeugt wird, so kann er überhaupt von Nichts mehr in der Welt überzeugt werden. Alles so matt, so abgeschlagen, so mechanisch, so roh, so ohne alle Begeisterung, ohne alles Bewußtseyn, ohne irgend einen Funken von Gefühl eines Höheren, daß ich nicht im Stande wäre, Studenten, die hier 4–5 Jahre Collegien besuchen, von Haarkräuslern zu unterscheiden. Man kann sogar mit Solchen, die als Gäste die vorzüglicheren Collegien besuchen, und schon 6, 8, 10 Jahre studirt haben, nicht eine halbe Minute lang über Wissenschaft sprechen; sie wissen nichts, als was im Lehrbuche steht – und wie wissen sie das? Eben so gut weiß meine Uhr, was die Stunde ist, Nichts findet bey ihnen einen Anklang, nach nichts tragen sie Sehnsucht, sie wünschen nichts, sie bewundern, lieben nichts, Alles ist ihnen gleichgültig, sie sind völlig indolent.

Und wie die Studenten, so sind wissenschaftlich größtentheils auch die Professoren. – Im Leben zwar und persönlich ist Baumgartner der gefälligste, zuvorkommendste Mann, ich verdanke ihm sehr viel, durch ihn stehen mir fünf Bibliotheken zu ganz freyen und unumschränkten Gebrauch offen – aber sein Collegium – wie ist darin meine Erwartung getäuscht worden? Er weiß auch nicht mehr, als was in seinem Buche steht. Einen Vortrag, wie seinen, habe ich vor 6 Jahren gehört, nur dem Grade nach verschieden. Er liest sehr ausführlich, 2 Stunden des Tages; aber er verschließt sich so ganz gegen Alles, was zu einem Begriff, zu einer Erkenntniß führen könnte, so daß ich oft ganz wehmütig gestimmt aus seinem Collegium gehe. Einen so großen Reichthum empirischer Kenntniße an ein gar Nichts verschwendet zu sehen, thut wenigstens mir sehr wehe. – Er examinirt täglich einen seiner Schüler, und hier vermeidet er auch Alles, was mir irgend einigermassen zu etwas führen könnte. Eine einzige Frage ist mir aufgefallen. Er vertheidigt die Atome und die Molecularkräfte. Nun frägt er: Was ist Flüßigkeit? Antw[ort]. Derjenige Körper, dessen Atome (kleinste Theile) durch die kleinstmöglichste Kraft verschoben werden können. Frage: sind die Atome der Flüßigkeit wieder flüßig? Der Schüler wußte nicht, was er antworten sollte, und sagte endlich: ja. – Professor: Habe ich es Ihnen nicht oft genug und deutlich auseinandergesetzt, daß die kleinsten Theile der Flüßigkeit feste Körper sind? Denn wären sie flüßig, so wären sie ja Körper, dessen kleinste Theile verschiebbar sind, hätten also selbst noch Theile, und wären demnach nicht Atome zu nennen. – Welch ein Scharfsinn! Und doch war volle Zufriedenheit auf allen Gesichtern zu lesen. Aber man könnte ja doch noch sagen: sind sie fest, so wären sie ja Körper, dessen Atome nicht absolut verschiebbar sind, haben also auch Theile und sind keine Atome. Die Atome sind also weder fest noch flüßig – und damit wäre die Atomistik rein abgesperrt. Aber das wagt hier kein Student zu denken; im Gegentheile, sie würden den steinigen, der räsonirte.

Dann höre ich bey Littrow eine Astronomie, die ganz ausführlich zu nennen ist; aber was man gerne wissen möchte – auch nur die bedeutenderen Formeln – entwickelt er nicht, man darf sie mühsam aus La Place zusamensuchen; aber alles andere, woran man selbst seine Lust hat, es sich deutlich zu machen, streicht er Einen so in den Mund, daß man alle Lust verliert. Uebrigens sind uns nur 7 Zuhörer. Er hat auch einen guten Vortrag, und ist sonst ein durchaus gebildeter Weltmann.

Ferner höre ich bey Mohs Minerallogie. Mohs gehört so zu sagen, nicht recht zur Universität, er liest auch in der kaiserlichen Burg und hat ein sehr gemischtes Publikum. Er ist der einzige Professor, der für seinen Gegenstand begeistert ist. – Er will von Fuchs nichts wissen, ihm gilt Chemie gar nichts.

Doch warum ermüde ich Ihre Geduld mit solchen Gegenständen? Und doch sind dieß die Glanzpunkte in Wien. Oder soll ich Ihnen etwa von Ettingshausen schreiben, der mit aller Treuherzigkeit seinen Schülern die aufruftige Versicherung gab, daß kein Mensch etwas von Cartesius wüßte, wenn er nicht das Zeichen (-) minus in die Mathematik eingeführt hätte.

Aber wenigstens etwas Erfreuliches kann ich Ihnen doch berichten. Nämlich der Assistent von Baumgartner, Herr Hoffer, ist auf eine sehr einfache Methode gestoßen, dem Eisen einen sehr starken Magnetismus durch einen Strich und Gegenstrich mitzutheilen. Er zeigte dieß vor 14 Tagen in einer AbendGesellschaft bey Freyherrn von Jacquin, wo mich Herr von Gasser eingeführt hat. Mir war das Ganze äußerst interessant, und hat mir manchen unverhofften Aufschluß über das Wesen des Magnetismus gegeben. Er wird sein Verfahren in der Zeitschrift für Mathematik bekannt machen darüber können aber noch mehrere Monate verfließen. Eine vorläufige Anzeige steht im Oesterr˖[eichischen] Beobachter. Sollten Sie wünschen, daß ich Ihnen das Ganze berichte, wie ich es aufgefaßt habe, so werde ich mir ein wahres Vergnügen daraus machen, dieß so treu als möglich zu thun. Ein Vorzug d[ie]ser Entdeckung ist noch, daß man sich für einige Gulden ganz starke und dauerhafte Magnete machen kann.

Und nun erlauben Sie mir noch einen Einfall. Es betrifft den Namen Persephone. Könnte hier nicht περ adverbialiter gebraucht seyn, dem lat˖[einischen] per entsprechend, und verbunden mit σαφανοϛ (ich glaube dieses Wort kommt im Griechischen vor in der doppelten Bedeutung von klar (klar seyn und klar machen) und dieß träfe ja wohl mit dem Begriff der Persephone zusamen. Uebrigens ist es nur ein Einfall, den ich hier auch nicht einmal die Hilfsmittel habe, weiter zu verfolgen – Aber abgesehen von der Mythologie ist mir die Sonne die Persephone des Planeten Systems, sie ist die Anlage, die allen Planeten einerzeugt ist, die aber in ihnen nicht geboren worden, und da, wo sie hervorgetreten ist, diesen dunklen Körpern, deren geheimnißvolles Innern doch sie ist, klar zu machen, wie weit sie es gebracht haben. Ich wenigstens kann mir das Licht nur von diesem Standpunkt aus einigermassen erklären. Verzeihen Sie mir den so roh hingeworfnen Gedanken; kurz konnte ich ihn nicht anders geben. Wenn er ein guter ist, so habe ich ihn nur Ihnen zu verdanken; er kam mir an einem der Abende, die ich hier ganz einsam zubringe, und wo ich mich so ganz lebhaft mit der Erinnerung an Sie und Ihre liebe Familie beschäftige, und da, glaube ich, kommen mir immer gute Gedanken. Wenigstens sind solche Abende die einzigen, die mich erfreuen und erquicken.

Ich schliesse diesen Brief mit der Bitte, mich Ihrer Frau Gemahlin, Fräulein Schwägerinn und Fräulein Töchtern, und Paul und Fritz zu empfehlen, insbesondre aber grüße und küße ich tausendmal Julie und Hermann, wenn sie mich nur nicht ganz vergessen! Ich verbleibe
Ew Hochwohlgeboren
dankbarer Schüler

Aloys Mayr

PS.

Sie sehen, daß ich von Ihrer gütigen Erlaubniß, Briefe mitzuschicken, Gebrauch gemacht haben, und bitte Sie, mir die nun genommne Freyheit zu verzeihen – Ich bitte Sie auch, mich Herrn und Frau von Thiersch gelegentlich zu empfehlen.