München .
Liebster Bruder!
Wieder muß ich leider meinen Brief damit anfangen, mich selbst anzuklagen. Seit liegt beygeschloßner Brief von Clärchen auf meinem Schreibtisch, von Tag zu Tag hielt ich ihn zurück, stets in der Hoffnung, ihn wenigstens mit einigen Zeilen begleiten zu können, allein, so unglaublich dieß ist, in diesen 3 Monaten konnte ich nie den Augenblick dazu finden, denn noch nie war ich mit den verschiedenartigsten Geschäften so überhäuft, als es in diesem der Fall war. Wie oft habe ich mich nach einem stillern Aufenthalt und nach einfacheren Verhältnissen gesehnt, die mir verstatteten, bloß im Geist und allein der Wissenschaft zu leben! Indem ich nun endlich, am heil˖[igen] Ostertag, dazu komme, Dir wieder zu schreiben, drängt es mich vor allem, Dir und Deiner lieben Frau die lebhafte Freude zu bezeugen, mit der wir die Nachricht von Eurer neuen gemeinschaftlichen Hoffnung erhalten haben. Stört sie auch vorerst unsre Plane hinsichtlich einer Zusammenkunft in der , so hoffe ich doch, soll es auch hier heißen: Aufgeschoben nicht aufgehoben. Wir wären unsrerseits erbötig, so weit als nur immer die kurz zugemeßne Zeit vergönnen will, Euch entgegenzureisen; aber um keinen Preis in der Welt möchte ich, daß die von einer solchen Zusammenkunft unzertrennliche Unruhe Deiner Frau auch nur auf das Entfernteste nachtheilig seyn könnte. Ich muß also deßhalb etwaigen weiteren Äußerungen von Deiner Seite entgegen sehen. Clärchen sehnt sich natürlich außerordentlich die liebe Tante und Dich wieder zu sehen, und, wäre es möglich, auch die andern theuren Verwandten zugleich wieder zu begrüßen, so würde sie dieß nur um so glücklicher machen, zumal da sie hofft, durch Ihr Wachsthum und ihre erworbnen kleinen Kenntnisse einigen Beyfall zu gewinnen. Doch alles muß jetzt der Einen großen Rücksicht untergeordnet werden. Mögen alle guten Geister über Deine liebe Frau wachen, und das Maß Deiner väterlichen Freuden erfüllt werden durch den neuen Ankömmling! Wir hoffen, daß zugleich die lieben Töchterchen fortfahren aufs Glücklichste zu gedeihen, wie erfreulich wird es uns seyn, die inzwischen gewiß weit fortgeschrittne Geistesentwicklung der Originellen Kleinen einmal zu sehen, derer nur zu kurze Bekanntschaft wir in Urach gemacht haben. In ist meine älteste Tochter confirmirt worden; es gehört zu den glücklichern Seiten der gegenwärtigen Verhältnisse, daß das hiesige protest˖[antischen] Pfarramt jetzt mit einem Paar in jeder Hinsicht vorzüglicher, wohl unterrichteter und gründlich gesinnter Geistlicher besetzt ist. Gegenwärtig befindet sich auch Fritz hier. Ich kann nicht finden, daß er geistreicher geworden ist und die Trägheit, welche in Nürtingen überwunden worden, scheint in dem Seminarium wieder hervorzutreten. Überhaupt hat der Erfolg an meinen beyden Söhnen meine Meynung von diesen wirtembergischen Anstalten sehr herabgestimmt, daß ich es fast mich reuen ließe, meine Söhne dahin geschickt zu haben, wenn anderswo besser vorhanden wären. Paul hat diesen die oberste Classe des hiesigen Gymnasiums frequentirt; die strenge Aufsicht, unter der er gehalten wird, der Umgang mit einigen älteren Studierenden, die in unser Haus kommen und ihm zum Theil Unterricht geben, hat zwar nicht seine Natur verändern können, aber doch deren Ausbrüche und Wirkungen in Etwas gemäßigt. Übrigens muß ich, ohne weitere Hoffnung, daß – (ohne besondre Fügung) – etwas ausgezeichnetes aus ihm werde, ihm seinen Gang mit den andern gehen lassen, über denen er noch immer durch Gaben und zum Theil durch Kenntnisse einigermaßen sich hervorhebt. In der Mathematik ist er weit gefördert; aber nichts vermag, ihm wahren Geschmack, selbsteignen Trieb und innere Freude an dem Studium mitzutheilen. – Unsre beyden kleinern Kinder, Julie und Hermann, fahren fort, sich zu unsrer großen Freude zu entwickeln; es ist in beyden grade so viel Eifer und Feuer, als in den beyden ältern Trägheit und Kälte. – Durch Fritz habe ich erfahren, daß Bruder August sich wieder verheirathet hat. Es wäre mir sehr lieb, doch etwas über die Veranlassungen und über die Beschaffenheit seiner Wahl zu vernehmen. –
Lebe nur recht wohl, liebster Bruder, und lasse mich mein langes Stillschweigen nicht allzustreng entgelten, wiewohl ich recht gut weiß, und mir denken kann, wie auch Du, und auf noch beschwerlichere Art als ich, mit Arbeiten belastet bist. Grüße außer Bruder August und seiner Frau, auch unsre Schwester herzlich von uns. Wir alle besonders Clärchen bitten, uns allen verehrten Verwandten aufs ehrerbietigste und dankbarste zu empfehlen.
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]
Fr.