Thema Poetische Deutung der Mythologie
Erwähnungen in Dokumenten
-
in: Druck
Schelling »Die Weltalter: Entwürfe und Fragmente zum Zweiten Buch« (?). TextDer Frühling
O Frühling, Zeit der Sehnsucht, mit welcher Lebenslust erfüllst du das Herz! Uns zieht nach einer Seite das Geisterreich zu sich, indem wir fühlen, daß nur in jener höchsten Innigkeit des Lebens die wahre Seligkeit bestehen kann; von der andern ruft Natur mit tausendfältigem Zauber Herz und Sinne zurück in das äußere Leben. Ist es nicht hart, daß weder Innres noch Äußeres allein uns genügt, und daß doch so wenige fähig sind, beydes in sich zu vereinigen! Im Grunde ist es doch nur Ein und das nämliche Leben, unter verschiedenen Formen. Warum können diese beyden Formen nicht zumal, und Ein ungetheiltes Leben gleich von Anfang unser Loos seyn? Ihr sagt, daß durch die eigne Schuld des Menschen beyde getrennt worden sind und ich muß es wohl glauben, weil ich keinen andern Erklärungsgrund sehe. Aber werden beyde auch niemals zugleich seyn? Sind sie auf ewig getrennt? Kommt nie die Zeit, wo das Innere ganz verkörpert ins Äußere, das Äußere völlig verklärt ins Innre, beyde zusammen nur Ein unzerstörliches Leben darstellen werden? (
###...### wo das Äußere ganz vom Inneren durchdrungen und das Innreerfülltdie Seele des Äußern seyn wird?)Oder wird einst in der jetzigen Natur alles durch drey Stufen vollendet
werden? Geht nicht die erste Kraft der Naturfür sich alleinnur aufbloß auf das einzelne,und sich gegenseitig ausschlegoistische Bestehen der Dinge, und wirkt ihr nicht von Anbeginn eine andre entgegen, die auf die Vergeistigung, auf die Innigkeit und Einheit ihres Seyns hinwirkt strebt?; bis auf der höheren Stufe beyde Kräfte in Einem und demselben Wesen versöhnt hervortreten und ein organisches, stets bewegliches, allem offenes und doch für sich bestehendes Leben hervortritt? Sind nicht dieselben Kräfte, welche in den unorganischen Wesen sich noch getrennt und im Widerstreit, in den organischen vereinigt und im Einklang zeigen, sind es nicht dieselben, in einem höheren Sinn, die den Widerstreit des jetzigen Lebens unterhalten, und stehen wir nicht in diesem Betracht recht eigentlich auf der ersten Lebensstufe? Siegt nicht die vergeistigende Kraft im Tod, und werden wir nicht dadurch auf eine höhere Stufe oder Potenz gesetzt?Aber kommt in jenem großen Gange der Natur nie die eigentlich organische Stufe, die sie doch in dem kleinen Kreis des niedrigen Lebens erreicht? Sollten nicht eben dieselben drey Stufen oder Potenzen, die wir hier gewissermaßen zugleich und nebeneinander erblicken, auch im
Großen und Ganzennach einander auftreten sich zeigen, und dieselbe Stufenfolge in der Zeit seyn, die wir hier im Raume wahrnehmen? Und was wäre denn auch jene dreyfache Verbindung von Seele Leib und Geist, oder wie wäre eine Vollendung, wenn,wie behauptet worden, hier,im jetzigen Leben, das Leiblicheherrschend wäre undGeist und Seele gleichsam gefangen hielte; im Zustand nach dem Tode der Geist frey würde; die Seele aber nie in ihr wahres Wesen sich erhöbe? Denn alsdann erst herrschte die Seele, wenn die hier noch streitenden Kräfte, wenn Geist und Leib völlig versöhnt, Formen wären Eines und des nämlichen ungetheiltenund darum auch wahrhaft vollkommenen seligenLebens. Seligkeit ist Freyheit und Herrschaft der Seele. Unmöglich kann der Zustand schon die volle Seligkeit seyn, wo die Seele dem Geist untergeordnet, und der Leib von seinem Gegentheil verschlungen ist. Unmöglich ist es, zu glauben, daß diese ganze körperliche Natur aus dem Nichts gezogen worden sey, um einst auf ewig ins Nichts zurückzugehen, und daß nur das geistige Leben ewig dauernd sey. Leiblichkeit ist nicht Unvollkommenheit, sondern wenn der Leib von der Seele durchdrungen ist die Fülle der Vollkommenheit. Unsrem Herzen genügt das bloße Geistesleben nicht. Es ist etwas in uns, das nach wesentlicher Realität verlangt; unsre Gedanken stehen nur bey der letzten Einheit still; dem getrennten Leben muß das vereinigte folgen. Die letzte Ruhe der Seele findet sich nur in der vollendeten Äußerlichkeit, und wie der Künstler nicht ruht im Gedanken seines Werkes, sondern nur in der körperlichen Darstellung, und jeder von einem Ideal Entbrannte es in leiblich-sichtbarlicher Gestalt offenbaren oder finden will: so ist das Ziel aller Sehnsucht das vollkommene Leibliche als Abglanz und Gegenbild des vollkommen Geistigen.So ohngefähr redete Clara uns an, als wir in den ersten Tagen des Frühlings
den Berg bestigen hattenauf dem Berg waren, von wo sie in das geliebte Land der Heimath blicken konnte. Die weite Ebene war in ein Meer von Blüthen und Licht verwandelt; alles schwamm in neuer Lust und Entzücken; es war einer jener Augenblicke, wo wir von der Allmacht des Lebens in der Natur ergriffen eine ewige Gegenwart zu genießen scheinen, wo es ist, als könnte uns kein Leid anwehen.Wundert euch nicht, fuhr sie fort, als wir eine Weile noch schwiegen, über die plötzliche Rede. Wir haben oft und viel über die zukünftigen Dinge geredet, aber ich ruhte nicht, bis ich in Gedanken an das Ziel aller Zeiten gedrungen war. Der Frühling hat in mir diese Blüthe der Gedanken und der Hoffnung hervorgerufen. Es ist mir wieder recht innig klar geworden und ans Herz gedrungen, daß wir Kinder der Natur sind; daß wir unsrer ersten Geburt nach zu ihr gehören, und uns nie ganz von ihr lossagen können; daß wenn sie nicht zu Gott gehört, auch wir nicht zu ihm gehören können, und wenn sie nicht Eins werden kann mit Gott, auch unsere Vereinigung mit ihm entweder unvollkommen oder gar unmöglich seyn muß. Ja, nicht wir allein, die ganze Natur sehnt sich in Gott, von dem sie anfänglich genommen ist.
Zwar ist sie jetzt dem Gesetz der Äußerlichkeit Unterthan, und auch sie, wie alles was in ihr lebt, muß die beyden Lebensformen nacheinander durchlaufen, die sie, ihrem Schicksal gemäß, nicht gleich vereinigen konnte. Auch dieser feste Bau der Welt wird sich einst auflösen ins Geistige; aber nur diese äußere Form zerfällt, die innre Kraft und Wesenheit besteht, um in neuer Verklärung offenbar zu werden. Das göttliche Feuer, das jetzt in ihr verschlossen ruht, wird einst die Oberhand gewinnen und dann alles was in sie bloß durch die Gewalt der äußerlichen Zurückdrängung des wahren Innerlichen eingeführt worden, verzehren; dann wird sie in ihren anfänglichen Zustand wiederkehrend nicht mehr das eigenmächtige Werk seyn, das die göttlichen Kräfte in sich gleichsam als Gefangene zurückhält, und freywillig wird das Geistige und Göttliche in dem geläuterten Wesen sich wieder vereinigen.
Ich rede davon als eine die nur ahndet aber keine Erkenntniß hat. Auch hier werden wir, um jene Erhöhung und Vervollkommnung der Materie zu begreifen, von dem Zustand ihrer jetzigen Erniedrigung und Unvollkommenheit ausgehen
müssen. Wir werden diejenigen Eigenschaften betrachten müssen, durch die sie uns jetzt dem Geistigen entgegengesetzt scheint und wirklich entgegengesetzt ist, um diejenigen zu begreifen, durch welche sie einst mit dem Geistigen Ein Wesen sein wird.Notizen auf der Rückseite:
-
in: Druck
Schelling »Historisch-kritische Einleitung in die Philosophie der Mythologie.« (?). -
in: Nachschrift
Schelling »Über Bedeutung und Ursprung der Mythologie.« (1821).