Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn

Geh˖[eimen] Hofrath von Schelling

in

München.

fr˖[ey] Gr[än]z[e].

war ich nicht so glücklich Briefe vom Haus zu erhalten, was immer sehr schmerzlich ist, und mir doppelt unangenehm, da Du vielleicht noch Aufträge für mich schicken wirst, die es mir schwer seyn wird, gehörig auszuführen, denn ich habe nach der bisherigen Wirkung des Wassers im Sinn, meine Cur, wie ich schon früher vorhatte, wirklich, mit 3 Wochen, zu beenden. Wegen der Locken werde ich Dir ohnedieß kaum genügen können, da die, welche mir der bezeichnete Kaufmann vorwies, nicht ganz dem Muster zu gleichen scheinen. Ich habe nun das ganze Geschäft meiner Hauswirthin aufgetragen. Wegen meiner Gesundheit kannst Du vollkommen beruhigt seyn; Prof. Breslau, der es sich nicht nehmen ließ Dich zu besuchen, wird Dir alles Gute davon sagen. Nimm ihn gut auf; er ist ein sehr vorzüglicher Mann und trefflicher Arzt.

Da Du selbst von dieser Aimablen angefangen hast, so kann ich nun nicht umhin Dir weiter zu berichten, und damit Du einstweilen etwas von ihr hast schicke ich Dir ihren ersten Brief, den ich Dich aber bitte mir aufzuheben. Sey aber doch ja nicht kindisch und laß es Dich nicht beunruhigen, wenn ich Dir schreibe, daß ich Hoffnung habe, sie noch zu seh’n, nämlich in Fr˖[anzens]brunn. Gestern erhielt ich ein crayonnirtes Billet durch einen Grafen Potocki, heute schon wieder durch einen Berliner einen Brief, worinn sie, ganz verzweifelt, voraussetzt, daß ich nicht mehr kommen werde. Es wäre wirklich unrecht und eine wahre Sünde, ihr diese Liebe nicht zu erweisen. Die arme Seele dauert mich über die Maßen, sie ist ebenso unglücklich als sie brav und gut ist; ich hoffe sie doch einigermaßen zu trösten und vielleicht zum Theil wenigstens auf einen anderen Lebensweg einzulenken. – Ich nahm von dem, was sie über ihren Vater schreibt, Veranlassung ihr zu sagen: j’espère, que le terme, que Mr. votre père pense mettre à vos voyages n’ait rien d’attrayant, que ce ne seront ni chaines ni clôture qu’il vous préparent; que ce soient de liens plus doux par lesquels il pense vous attacher à votre pays – aber es scheint, daß ich nicht ganz richtig gerathen habe – dennoch besteht sie darauf, dieß werde das letzte mal seyn, daß wir uns sehen, wenigstens auf lange Zeit. Sage mir selbst sollte ich sie nicht sehen, und würdest Du, würden die Kinder selbst mir nicht Vorwürfe machen, wenn ich den Wunsch einer so guten Seele nicht erfüllte? Ich habe also meine Reise nun so eingerichtet, daß ich von hier nach Franz˖[ens]Brunnen abgehe, um dort den zu bleiben; werde ich mit einem dorthin bestellten Regensburger Kutscher nach Hause reisen, und demnach etwa in M˖[ünchen] ankommen. Doch zähle auf diesen Tag nicht mit zu großer Bestimmtheit; es könnte seyn, daß ich auch noch Einen Tag in Regensburg verweilte, um doch noch Sailer zu seh’n, den ich, allen Nachrichten zu folge, wohl auch das letztemal sehen würde.

Gebe Gott nur, daß ich am noch gute Nachrichten von Euch allen erhalte. Grüße alle Kinder auf’s Zärtlichste von mir, und sorge auf’s Beste für Deine Gesundheit!
Dein
tr˖[euer]

S.

Der lieben Tante die schönsten Grüße!