Verehrter Herr und Freund!
Zu dem aufrichtigsten und wärmsten Danke für die freundlichste Aufnahme des alten Schülers, füge ich den Glückwünschenden Zuruf aus der Heimath, für die neue Anerkennung des Königs, die, wie ich aus den Zeitungen sehe, sich vom letzten Tage unseres Zusammmenseyns datirt und übersende, Ihrer gütigen Erlaubniß zu Folge, die neue Ausgabe des Tauler und das Schriftchen von Hübsch.
Wie oft denke ich an das Zusammenseyn mit Ihnen und Ihrer vortrefflichen Frau Gemalin, an den freundlichen Zirkel von Freunden und an die Vorlesungen, die mir den doppelten Genuß, der frohesten, heitersten und intereßantesten Jugenderinnerung und das umfaßendere Verständniß eines reiferen Alters, boten. Ich nahm den Trost mit, daß durch die Schule, welche Sie bilden der allgemeinen Verflachung und Versandung ein mächtiger Damm entgegengesetzt werde, einen Trost, deßen man in den Zeiten eines überhand nehmenden Plebeismus in allem, worin sonst ewige Ideen lebten, so sehr bedarf.
Der Staat, welcher zur Manifestirung aller Idee im äußeren Leben bestimmt ist, kennt nur noch die gemeinsten, materiellen Intereßen, um welche sogar Menschenblut vergoßen wird und kaum dämmert eine richtige Ahndung des wahren Standes der Dinge, zu dem Gefühle durch, die Todesstrafe abschaffen zu müßen, ohne daß es Jemand auch nur einfiele, daß in einem Staate, der nicht eine höhere Begründung hat, von einem Strafrechte überhaupt nicht die Rede seyn kann.
Die Kirche ist ein leeres Haus geworden, weil der Geist, der sie erfüllte, aus ihr gewichen und die Trödler und Kleinhändler des Nationalismus haben ihre Buden dort aufgeschlagen, um den leeren Flitterband ihrer unächten Waren auszubieten.
Die Verwirrung, der Schwindel, der Ekel und am Ende die Verzweiflung ergreifen die Welt – in solcher Zeit bedarf es der Propheten, welche dem Wahnsinn zurufen, stehe still! und den dunklen Schleyer heben, damit das Licht von oben in die Finsterniß scheine.
Dieses Licht offenbar zu machen sind Sie, verehrter Freund, berufen. Die Ungleubigen, die welche auf ihren eignen Verstand bauen, werden durch Ihre Lehre überzeugt werden, und einen tieferen Verstand kennen lernen, als sie je ahnden durften, die Gleubigen und Frommen, werden neue Kraft und Stärke gewinnen, wenn sie geistreich begründet und durchgeführt finden, was sie als Ueberlieferung nur mit Treue und Andacht bewahren zu sollen glaubten und es wird sich inmitten dieser moralischen Sündfluth, die Arche
Laßen Sie sich daher durch das verwirrte und unverständige Geschrey der Gegenwart nicht abhalten, ein tapferes Wort zu sprechen und weken sie die Nachtwandler zum klaren Tageslichte. Das Werk, welches bereits gedrukt ist, wird zu keiner Zeit so recht erscheinen, wie grade jetzt, wo in allen beßeren Geistern, die Sehnsucht nach einem festen Anker rege ist, um nicht vom Schwindel der Zeit in die Fluth fortgerißen zu werden. Gönnen Sie daher auch den fernen Freunden die Theilnahme an Ihrer tiefen Einwürkung auf die Zeit, damit sie in voller Kenntniß mitarbeiten an der Verbreitung Ihrer Schule.
Die hiesigen Freunde tragen mir auf, neben den angelegentlichsten Empfehlungen, ihre Bitte mit der meinigen zu vereinigen und ich füge die hinzu, mich dem Andenken Ihrer Frau Gemahlin und Schwägerin bestens und mit dem wärmsten Danke zu empfehlen, indem ich zugleich einen jungen Mann, den Studenten Körner von hier, welcher die dortige Universität besucht, vaterlos und in beschränkten Umständen ist, wenn er sich bey Ihnen anmelden sollte, zu gütiger Aufnahme empfehle.
Die Einladung, unsere Gegend zu besuchen und einige Zeit in unserem Hause zuzubringen, bitte ich für alle Zeit, die Ihnen angenehm und bequem ist, bestehend anzusehen und versichert zu seyn, daß Sie und die Ihrigen mir und meiner Frau dadurch die angenehmste Ueberraschung machen werden.
Mit der herzlichsten Theilnahme an dem frohen Ereigniß, Ihren Sohn nunmehr unter Ihren Augen der Academie zugeführt zu wißen, verbinde ich, wenn auch für spätere Zeit, die freudige Aussicht, auch meinen Sohn unter Ihren Auspicien seine wißenschaftliche Laufbahn beginnen zu sehen, welcher auch er mit Freudestrahlenden Augen entgegensieht.
Mit der vollkommensten, aufrichtigsten und herzlichsten Verehrung unwandelbar
Der Ihrige
Thomas
Frankfurt den .