Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochverehrtester Herr Hofrath,

Ihr werthes Schreiben, das ich empfangen, überrascht mich auf eine so schmerzliche Weise, daß ich nicht umhin kann Ihnen sofort zu antworten.

Sie setzen voraus, daß ich mich hinter Ihrem Rücken in Besitz jenes Heftes und eben damit auch Ihrer Ideen habe setzen wollen. Ich kann Sie nur ganz einfach versichern, daß ich mir so wenig Arges bei Erkaufung jenes Heftes gedacht habe, daß ich gar nicht einmal darüber reflectirte, ob ich es Ihnen sagen sollte oder nicht, es Ihnen aber wahrscheinlich, wenn ich hätte länger mit Ihnen zusammenseyn können, gesagt hätte in der aufrichtigen Meinung Ihnen eine Freude dadurch zu machen, wenn Sie sähen, wie eifrig ich von Ihnen zu lernen suche. – Um etwa gar es zu gebrauchen, um Ihnen wehe zu thun? O lieber Herr Hofrath, wie verkennen Sie mich. –

Sie scheinen es noch jetzt übel zu empfinden, daß ich einst gegen Sie polemisierte. Das bitte ich Ihnen dann ab, nicht weil ich von meinem damaligen Standpunct aus nicht das Recht gehabt hätte, sondern weil ich jetzt soviele Güte von Ihnen erfahren habe, daß mich dieses nie anders als mit liebender Verehrung von Ihnen wird sprechen lassen. – Was die Befürchtung anlangt, daß ich in Zukunft etwas gegen Ihre Lehre sagen könnte; so sage ich Ihnen ganz offenherzig, daß ich seit etwa auch angefangen habe nach einem religiösen Wissen und Erkennen zu suchen, und dieses für nothwendig halte. Seit der Zeit urtheile ich von keinem philosophischen Streben so wegwerfend als früher; von dem Ihrigen aber hoffe ich daß es den mir so theuern Glauben begründen werde.

Unter dem Gedränge von Geschäften, die bei meiner Ankunft meiner warteten, habe ich in Ihre Vorlesungen noch keinen Blick werfen können, jetzt sollen sie mir auch verschlossen bleiben, und falls Sie nicht etwa ausdrücklich das Gegentheil von mir verlangen, übergebe ich sie in vier Wochen einem Buchhändler oder der Post damit sie wieder in Ihre Hände zurückkommen.

Ich bemerke noch, daß ich mich nicht erinnerte von Ihnen gehört zu haben, daß keine Abschrift von Ihren Vorlesungen gemacht werden dürfe; wie ich höre ist dieses sogar nichts Seltenes; Sie beklagten sich nur über Daumer und Andere, welche Ihre Ideen sich als Eigenthum angeeignet und als ihre eignen dem Publicum übergeben hatten.

Ich bleibe Ihrer verehrten Frau Gemahlin, der ich mich ergebenst empfehle und Ihnen selbst für Ihre mir bewiesene Freundlichkeit für immer dankbar, und mit tiefem Schmerz, so ohne alles Verschulden von meiner Seite, Ihnen wehe gethan ja Ihren Unwillen gegen mich erregt zu haben, den Sie aber nach dieser geraden und aufrichtigen Erklärung gewiß nicht beibehalten werden, beharre ich
Ihr
verehrungsvoll ergebener

A Tholuck