Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Seiner Hochwohlgeboren

Herrn geheimen Rathe von Schelling, Ritter des Civil

Verdienstordens p Vorstand der Academie p, o˖[rdentlicher] o˖[effentlicher] Professor

an der Universität

zu

München.

Hochzuverehrender Herr geheimer Rath!
Mein verehrtester väterlicher Freund!

Seit meinem letzten Briefe strebte ich vorzüglich darnach, Ihrem Wunsche in Betreff der griechischen Kirchengeschichte genüge zu thun. Von den Büchern, deren Verzeichniß ich Ihnen überschicke, nahm ich zuerst den Heineccius her und ließ mir dann die andern der Reihe nach in mein Haus bringen. Allein ich überzeugte mich bald, fürs erste, daß die griechische Kirchengeschichte seit Nestor, Eutyches und der Erscheinung des Islams aufhörte, Gegenstand fruchtbarer Forschung zu seyn; sodann, daß, was den Zeiraum vor dieser Erschütterung betrifft, die großen Conciliensammlungen fast die einzige ergiebige Quelle seyen, daß die Bücher aber, die als zur griechischen Geschichte gehörig, die hiesige Bibliothek enthält und die ich Ihnen mitzutheilen die Ehre hatte, eigentlich nur den Zeitraum nach jenen Unruhen betreffen, daß sie sich, was die kritische Erkenntniß des neugriechischen Glaubens betrifft, auf 3 reduciren lassen (Confessio ecclesiae Graecae orthodoxa. ed: Henr. Normannus. Lipsiae 1695) Confessio Gennadii und Jeremiae, die in Crusii TurcoGraecia abgedrukt sind), und daß endlich, wenn man nicht eine Geschichte der Patriarchen von Constantinopel studiren will, Heineccius in seinem angeführten Werke die Hauptsache vollständig geliefert habe, so daß in ihm ein wahrer Inbegriff des Wesens der neugriechischen Kirche enthalten ist. Er selbst giebt Theil 1, cap. 4 eine Critik der von ihm gebrauchten Schriften, unter denen sich fast alle bezeichneten Bücher befinden. Ich stelle daher die Bitte, mir die Punkte näher zu bezeichnen, in Betreff derer der Herr geheime Rath eine weitere Forschung wünschen. Ich habe mich bis jetzt gegen meine Gewohnheit von den Quellen ferner gehalten, theils weil diese von zu großem Umfange sind, als daß ich sie meiner Instruction gemäß hätte lesen können, theils weil ich mich zuerst durch die Werke gediegener Kirchenhistoriker mit dem Stoffe selbst, dem Standpunkte, den die Kirchengeschichte jetzt einnimmt, vor allem aber mit der Art und Weise der Forschung in diesem verworrenen Gebiete bekannt machen wollte. Ich sehe zwar dadurch durch anderer Brille, aber ich fürchte wohl, daß dieser Theil der Geschichte eines gediegenen Vorstudiums bedarf, wenn anders die Quellen mit Nutzen gelesen werden sollen, sowie daß die Verschiedenheit der Scriptoren unterdessen das Lesen der Quellen ersetzt. Ich nahm daher Spittlers Geschichte der christlichen Kirche zur Hand und las nach seiner Anleitung Walchs Geschichte der Päpste, der Concilien, seine (Spittlers) eigene Geschichte des canonischen Rechtes, des Papsthums, der Kreuzzüge, Rößlers Bibliothek der Kirchenväter, von denen ich den Arnobius, Lactantius, Minuc˖[ius] Felix, Eusebii Kirchengeschichte p schon früher gelesen habe und welches Buch eine ziemliche Kenntniß der übrigen verschafft, da es mit kritischem Geiste geschrieben ist; Semler’s fruchtbaren Auszug aus der Kirchengeschichte und Eichhorns Kirchenrecht habe ich vor mir. Einige andere hoffe ich nachfolgen zu lassen und dadurch (insbesondere da ich mich schon früher mit diesen Gegenständen beschäftigte) einen solchen Grund zu legen, daß ich unterdessen ausreichen kann. Denn ich möchte mir gerne die Reihe von Folianten, die ich auch zu Hause haben kann, auch dafür versparen und so lange ich in fremden Ländern bin, nur das Ausgezeichnetste lesen, worunter ich billig die Schriften der angesehensten protestantischen Kirchenhistoriker setzen darf. Überhaupt beschäftige ich mich viel mit dem Protestantismus und conversire auch, um seinen jetzigen Standpunkt kennen zu lernen, mit protestantischen Theologen, denen dieß Nachforschen eines Katholiken um ihre Religion eine ungewohnte Erscheinung, jedoch eine nicht unangenehme ist. Als ich vor einigen Tagen Plank’s Darstellung der dogmatischen Systeme der christlichen Hauptparteien las, erschrak ich aber wirklich, als ich sah, daß der Rationalismus als das System der neueren Theologie gepredigt wurde. Da ist ja im Catholicismus noch mehr Leben und der einzige Vorzug den der Protestantismus noch hätte, bestünde in der größeren Lehr und Denkfreyheit. Es scheint mir die höchste Zeit, der Religion zu Hülfe zu eilen und ich erkenne auch hierin die Vorsehung, die in dieser bedrängten Zeit, Sie berief, durch das einzige mögliche Mittel, die Wissenschaft, das Christenthum zu retten. Bey dem Studium der Kirchengeschichte, das nun mein vorzügliches seyn wird, womit ich aber auch die politische Geschichte verbinden will (welche Einheit ich für höchstnothwendig halte, wenn nicht die ganze Geschichte zum leeren Geplapper herabsinken soll) werde ich auch vorzüglich mein Augenmerk auf die Reformation vor der Luthers lenken, um diesen höchst wichtigen Gegenstand an’s Tageslicht zu ziehen. Semler scheint auch schon so etwas gesehen zu haben, wes wegen ich ihn mit allem Fleiße studiren will. Ich habe den Gedanken, daß eine reine Erkenntniß des Christenthums seit uralter Zeit neben der Kirche herlaufe, einmal bey der Lectüre von den Katharern gefaßt und seitdem gewann das Bestehen dieses paulinischen Princips immer mehr Evidenz für mich. Auch möchte ich gar zu gern über den Glauben der Völker im Mittelalter, die Stufen, auf welchen er fortschritt, endlich wenn ich es sagen darf, die mittelalterliche Mythologie Forschungen anstellen. Der christliche oder vielmehr mittelalterliche Olymp, den besonders die Mahler so gut zu bevölkern wußten, verdient gewiß auch eine ernsthafte Betrachtung. Das richtige Verhältniß zwischen unseren Herren Christum und Gott dem Vater scheint mir erst durch Luther zur allgemeinen Kenntniß gebracht worden zu seyn; früher war eigentlich nur der Gekreuzigte und Gott bekannt, nie Gott und eine Art von Halbgott. Erst Luther, glaube ich, hat Christum in seine Rechte eingesetzt. Mit dem heiligen Geiste befanden sich aber die meisten Theologen in steter Verlegenheit und ich meine, sie sind es noch.

Nun habe ich aber, verehrtester Herr geheimer Rath, zwey recht große Anliegen an Sie. Das Eine ist – meine Zukunft. Ich wünschte gar sehr im nächsten nach Paris und von da im nach Rom zu kommen, indem ich den Aufenthalt in diesen beyden Städten für meine Bildung für äußerst ersprießlich erachte und meine Anwesenheit in meinem Vaterlande, besonders unter den jetzigen Conjuncturen, nicht weniger als heilsam für mich wäre. Abgesehen von der Lebensbildung, die ich in Paris gewinnen könnte, wäre doch gewiß auch der wissenschaftliche Gewinn sehr bedeutend. Ein Semester könnte ich ganz der neueren Geschichte widmen und in dem andern mich mit der gallicanischen Kirche beschäftigen. Es müßen gewiß in den Archiven viele schätzbare Correspondenzen der Päpste p liegen, die auf einen Deutschen warten. Welcher Aufschluß könnte da nicht gegeben werden, besonders für die avignonische und Jesuitenzeit. Wie leicht wäre es der Regierung mein Stipendium zu verlängern und auch, wie ich wünschte zu erhöhen. Darf ich Sie hiebey um Ihren Rath und gütigen Beystand bitten?

Das Zweyte ist: Soll ich die Bittschrift gleich mit dem Semestralberichte an die Academie einschiken? Wenn ich nicht irre, so riethen mir der Herr geheime Rath, die Bittschrift an die Academie und nicht, wie früher, an das Ministerium zu stellen? Im ersten Falle ist es auch nicht nöthig, sie zuerst nach München zu schiken und auf einen Stempelbogen abschreiben zu lassen? Muß die Bittschrift in duplo übergeben werden? Der Semestralbericht braucht wohl nicht sehr lange zu seyn und auch nicht vor übergeben zu werden? Wollten Sie die Güte haben, mir darüber gefälligst Aufschluß zu geben. Wie sehr bedaure ich, Ihnen dadurch Zeit rauben zu müßen. Ich bitte Sie, thun Sie es doch ja ganz nach Ihrer Gemächlichkeit und sollte es auch erst in den ferien seyn; es ist noch immer Zeit genug.

Rehberg bot sich an, mir Anleitung zum Studium der englischen Geschichte zu geben, was ich natürlich von ihm, den Herr von Roth einen der besten Kenner der englischen Geschichte nennt und der es auch gewiß ist, mit Dank annahm. Wie herrlich wäre das, wenn ich heuer einen tüchtigen Grund in der englischen Geschichte, nächstes Jahr in der französischen, in Italien in der italienischen Geschichte legen könnte. Rehberg ist als ein Siebenziger mit seiner ganzen Familie nach Italien gegangen, hielt sich dort ein Paar Jahre auf und zog dann nach Göttingen. Er sagte mir von 200 Bänden regestis Pontificum im vaticanischen Archiv, die Perz zum Theil benutzte. Pertz ist jetzt Archivar in Hannover. Rehberg steht sehr gut mit ihm und versprach mir Briefe an ihn, wenn ich Anleitung von Perz haben wollte. Auch sonst würde ich gewiß von Rehberg Empfehlungsbriefe nach Italien bekommen, sowie von Heeren nach Paris.

Sehr viel Aufsehen macht bey der hiesigen Universität, daß ein mir unbekannter Professor Grassegger, ein Bayer, der Göttingen besuchen will, auf diplomatischem Wege der Universität empfohlen wurde. Was dieser, wenn er nicht Astronomie studiren will, jetzt bey Thibauts Tode hier machen will, kann ich nicht einsehen. Man ist hier nicht wenig gespannt, den seltsam sich anmeldenden Mann kennen zu lernen. Die bayrischen Angelegenheiten erregen hier überhaupt viel Aufsehen. Man trägt sich mit einem Wortspiele herum, von Griechenland, das erst ottomannisch, nun ottokindisch geworden sey.

Wir haben 9 Grade Wärme gehabt. Die Bäume fangen an auszuschlegen. Ich habe dießmal einen ohne Kälte erlebt.

In Betreff der griechischen Kirchengeschichte oder was es sonst immer sey, erwarte ich ergebenst Ihre Aufträge.

Ihrer Frau Gemahlin küsse ich ehrfurchtvollst die Hand und empfehle mich derselben gehorsamst. Übte der Winter bey Ihnen und den Ihrigen doch keinen ungünstigen Einfluß aus?

Darf ich wieder von Ihrer Güte Gebrauch machen und Sie bitten, das beyligende Couvert meinem Bruder in das allgemeine Krankenhaus zu schiken?

Ich schließe, um nicht Ihr Gebot in Hinsicht des Nachtwachens zu übertreten. Ich bitte Sie um die Fortdauer Ihrer Liebe und habe die Ehre zu verbleiben
des Herrn geheimen Raths
dankbar ergebenster

Constantin Höfler.