Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn

Ober-MedicinalRath

Dr. Schelling

in

Stuttgard.

frey.

Liebster Bruder!

Ich hätte Deinem durch Herrn Stallmeister von Vellnagel erhaltnen Brief längst beantwortet, wenn ich Dir etwas Bestimmtes über meine Reiseplane für diesen hätte schreiben können. Deine liebe Frau ist so gütig, die beyden Mädchen wiederholt einzuladen. Es hat sich aber diesen ganzen nicht recht schicken wollen. Caroline erhielt Erlaubniß, die Tante Julie zu einem Besuch bey einer Familie Schnurbein in der Nähe von Augsburg zu begleiten, von wo sie nach 3 Wochen kränkelnd zurückgekehrt ist. Die Reise war nicht nach meinem Sinn, denn Caroline ist eben in der Entwicklung begriffen. Noch ist sie nicht ganz wieder mit ihrer Gesundheit in Ordnung, und an eine Reise für sie jetzt nicht zu denken; wenn wir gleich hoffen, sie soll vor wiederhergestellt seyn. Clärchen ist zwar gesund und blühend, doch ist sie eben jetzt so eifrig im Lernen, namentlich auch des Englischen begriffen, daß ich sie nur ungern darinn unterbrechen würde. Da Du mir gar keine Hoffnung gelassen hast, Dich, wie wir verabredet hatten, zu einer gemeinschaftlichen Reise in diesem Jahr mit mir zu vereinigen, so habe ich nun meinen Plan auf eigne Hand gemacht. Ich mußte diesen Sommer mich ungewöhnlich anstrengen und bedarf sehr einer weiteren, zerstreuenden Reise, die mir völlig neue Gegenstände darbietet. Ich habe mich daher entschlossen, in wenigen Tagen mit meiner Frau nach Tyrol zu reisen, und hoffe, bis Venedig zu kommen. Denn mehr als 3 Wochen im Ganzen kann ich auf die Reise nicht wenden. Ich rechne daher, Ende oder doch wieder hier zu seyn. Könntest Du Dich nur entschließen, während des Octobers irgendwohin, an einen 3ten Ort, zu kommen, wo wir uns treffen könnten, so würde ich nicht bloß Clärchen sondern wo möglich auch Caroline, ja soviel von meinen Kindern in den Wagen gehen, mit dahin zu bringen. Ich bitte Dich nur, Deinen Entschluß mich durch ein paar Zeilen wissen zu lassen, die ich bey meiner Rückkehr, Ende Septembers, finde. Am liebsten wäre mir freylich, Du entschlössest Dich, wieder nach München zu kommen, was ja eine wahre Kleinigkeit von Reise ist. Doch – Du weißt ohne meine Versicherung, wie sehr dieß mich und meine Frau erfreuen würde. Daher will ich weiter nicht zusprechen und alles Deinem eignen Ermessen anheimstellen; nur wünsche ich, daß wir uns vor dem Winter noch sehen, wo? Dieß sey ganz Dir und Deiner lieben Frau überlassen. Empfiehl uns dieser, so wie ihrer von uns so verehrten Familie auf’s Herzlichste, und erhalte mich in gutem Andenken bey meiner allerliebsten, geistvollen Nichte, dem einzigen Deiner Kinder, das ich bis jetzt kenne. Wie schön, wenn Du alle mit hieher brächtest! Ich rechne auf den schönsten October.

Lebe recht wohl und laß mich bey der Wiederkunft Deinen Entschluß finden.
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]

Fr.