Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn

Ober-Medicinal Rath

Dr. Schelling

in

Stuttgardt.

frey.

Liebster Bruder!

Bey meiner Rückkehr von Venedig hoffte ich einen Brief von Dir zu finden, der mir bestimmte Nachricht brächte, ob und zu welchem Ort einer etwanigen Zusammenkunft Du Dich entschlossen. In Ermangelung einer Antwort von Dir hätte ich gleichwohl nicht unterlassen, Dich sogleich von meiner am erfolgten Rückehr zu benachrichtigen, hätte nicht ein Übel, das ich mir auf der schnellen Rückreise durch zu langes Sitzen im Wagen zugezogen hatte (eine starke Blutcongestion nach dem Unterleib) mir für den Augenblick eine abermalige Reise unmöglich gemacht. Indem ich jetzt von dem Übel wieder befreyt bin, wiederhole ich mit Vergnügen mein Anerbieten, und bin bereit, im Fall Du nicht weiter reisen zu können glaubst, entweder nach Ulm oder nach Nördlingen oder selbst etwa nach Heydenheim zu kommen, und Clärchen dahin mitzubringen. Im Fall aber, daß Du nicht ganz abgeneigt wärest, müßtest Du Dich, bey dem wahrscheinlich ganz nahen Ende der guten Witterung und den schnell abnehmenden Tagen, rasch und ungesäumt entschließen. Ich erwarte deßfalls Deine Erklärung, und werde unmittelbar nach Empfang einer bejahenden Antwort nach dem von Dir bestimmten Punct abreisen.

Frau von Cotta hatte sich zwar anfänglich geneigt gezeigt, Clärchen mit nach Stuttg˖[art] zu nehmen; nachdem aber Herr von Cotta nicht wohl geworden, schien diese Geneigtheit sich in etwas vermindert zu haben. Außerdem gestehe ich aufrichtig, daß ich einiges Bedenken hatte, Clärchen grade jetzt auf längere Zeit von hier zu entfernen. Sie scheint eben jetzt auch auf dem Übergangspunct zu stehen, wo ich eine so bedeutende Veränderung der Luft und der Lebensweise, als ein aufenthalt in Stuttgart (da sie nach einmal angefangnem Winter doch nicht wohl hätte zurückkommen können) mit sich gebracht hätte, nicht als vortheilhaft für eine ruhige und ungestörte Entwicklung betrachten konnte. Dagegen bin ich bereit und verspreche es Dir und Deiner lieben Frau, wie ich es bereits Clärchen selbst zugesagt habe, daß sie im Anfang des nächsten nach Stuttgardt kommen soll. Ich bitte Dich nur, mich baldmöglichst Deinen Entschluß wissen zu lassen, und füge nur noch die Bitte hinzu, daß Du im Fall einer Zusammenkunft, außer der lieben Schwägerin, doch gewiß auch Deine 3 lieben Kinder mitbringest, welche zu sehen uns die lebhafteste Freude gewähren wird.

Lebe inzwischen recht wohl
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]

Fr.

N.S.

Dürfte ich bitten, daß Du im Fall eines bejahenden Entschlusses, ein Paar Zeilen an den Herrn Ephorus Reuß nach Blaubeyren abgehen lassest, um ihm die ohngefähre Zeit und den Ort unsrer Zusammenkunft zu bestimmen? Er hat mich so sehr dringend gebeten, bey dieser Gelegenheit mich auch zu sehen.