Herrn
OberMedicinalRath
Dr. Schelling
in
d[urc]h Güte.
Liebster Bruder!
Was wirst Du von mir gedacht haben, daß ich so lange Zeit unterlassen, Dir zu schreiben, und Dir nochmals zu sagen, wie sehr ich Dir und Deiner lieben Frau noch immer dankbar bin für den Entschluß zu der Reise nach München, und wie wohlthätig die Erinnerung an diese (ach! nur zu flüchtige, und zu schnell wieder vorübergegangne) Wiedervereinigung mit Dir noch jetzt auf mich nachwirkt. Inzwischen bin ich nun aber, nachdem ich die ersten Wochen in München unter einem heftigen und hartnäckigen Katarrh verloren hatte, den ich weniger der Luft- und der Wohnungsveränderung, als der plötzlichen Wiederherstellung der Gemeinschaft mit so vielen Menschen nach der vorhergegangnen langen und fast vollkommnen Einsamkeit zuschrieb, wieder in den gewöhnlichen Cirkel meiner Arbeiten und Geschäfte gerathen, worunter auch ein neues, von vorn auszuarbeitendes Collegium, und es ist dabey in dem gegenwärtigen Zustand, so wie in den nächsten Aussichten so wenig Erheiterndes und Aufmunterndes, daß man sich von allen Anstrengungen noch mehr als sonst abgespannt fühlt. Noch sind wir indeß durch diesen , Kleinigkeiten abgerechnet, glücklich hindurchgekommen, und auch die große Geißel hat uns bis jetzt verschont, wiewohl ich, (wahrscheinlich Du ebenso wenig) die Hoffnung nicht theilen kann, mit der sich ein großer Theil unsres Publicums jetzt schmeichelt, daß sie uns ganz vorübergehen werde, oder keine Kraft mehr habe, bis zu uns zu gelangen. Sollten sich ihr auf dem Wege von Oestreich hieher tellurische Schwierigkeiten in den Weg gestellt haben, so wird sie umso sichrer ihren Weg zu uns über Böhmen finden. Nun zu Erfreulicherem überzugehen – Abends war bey uns Christbescherung, unter großem Jubel der großen und der kleinen Kinder. Wehmütig wurde an Fritz gedacht, da er dießmal allein fehlte, und doppelt dem gütigen Onkel und der gütigen Tante gedankt, die so wohlwollend dafür gesorgt haben, daß der gute Junge die Abwesenheit aus dem Kreise der Geschwister nicht zu schmerzlich empfinde. Ich gestehe, daß mir sein guter, richtiger, und überall auf’s Rechte gehender Sinn, den er während der Paar Tage, die er bey mir in Wessobrunn zubrachte, gezeigt hat, große Freude gewährte. Ich hoffe, er wird sich dem lieben Onkel ebenso bewährt haben. kam die Schachtel der lieben Tante von Stuttgart an. Sie wurde bis zum folgenden Abend uneröffnet bewahrt und Clärchen zu ihren andern Sachen hingestellt. Die Freude des wieder mit so vielem Guten, in nur zu reichlichem Maß überschütteten Kindes will ich ihm selbst zu schildern überlassen. Für so große meinen Kindern unausgesetzt erwiesene Güte zu danken, habe ich ohnedieß schon lang aufgegeben. Paul, um auch noch etwas von diesem zu erwähnen, hat sich von dem rohen oder eigentlich absurden Wesen, das er sich in Urach angewöhnt hatte, in bessrer Gesellschaft doch allmälig mehr und mehr befreyt; er hat sein Univ˖[ersitäts]studium in diesem mit grossem Eifer angefangen: hoffentlich ist es kein bloßes Strohfeuer, beim Fleiß, der bald wieder erkaltet; ich habe dafür gesorgt, daß er gleich mit einigen positiven Fächern anfieng, für die er mehr Sinn als für’s Allgemeinere zu haben scheint. –
Wenn ich mich jetzt recht oft nach Dir sehne, so kann ich nicht läugnen, daß ich mir recht oft auch Deine kleine Marie mir auf ein Halbstündchen hieher wünsche. Ein so geist- und charaktervolles Kind, mit solcher Reinheit des Gemüths, ist wahre Erquikung[.] Von Deinem kleinsten Töchterchen hat mir kürzl[ich] Frau von Niethammer eine so entzückte Beschr[ei]bung gemacht, daß ich wohl sicher wußte, die Vorstell[ung,] die ich mir von ihr nach dem kleinen Bildniß gemacht hatte, erreiche das Original bey weitem nicht. Nun, vielleicht gibt es Hoffnung, daß wir alle mit Frauen und sämmtlichen Kindern irgendwo zusammentreffen, und im entschließt sich vielleicht die liebe Schwägerin, Dich zu einem neuen Abstecher nach München, der, wie Du gesehn, so leicht ist, zu bewegen und Dich selbst zu begleiten.
Grüße auf’s herzlichste Deine liebe Frau und alle Deine lieben Kinder, besonders die Marie, die den Münchner Onkel und die Münchner Kinder, die noch täglich von ihr erzählen, doch ja nicht vergessen solle. Fräulein Mathilde bitten wir, zu sagen, wie dankbar wir ihr noch immer sind, daß sie es nicht verschmähen wollte, Dich zu begleiten. Die ehrerbietigsten Empfehlungen in der Akademie, so wie an Herrn und Frau von Wächter.
Herzliche Grüße an unsre liebe Schwester.
Lebe wohl, liebster Karl und schreibe nach Zeit und Möglichkeit auch einmal wieder Deinem
tr˖[euen] Br˖[uder]
Fr.