Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Der große Mann läßt nichts ungeachtet und übt willigst gern die Nachsicht, wo sich ihm Vertrauen aufschließt – in dieser festen Ueberzeugung nähere ich mich Ew. Wohlgeboren mit dem lebhaften Wunsche, daß die scharfe Kritik des erfahrenen Denkers, das prüfen möge, was das ungelehrte Urtheil in sich auffand. Wenn gleich eine gewisse allgemeine Bildung meine Erziehung schon früh begründete, so fand ich doch immer nur die eigentliche Welt in mir auf und konnte nie mein Urtheil von dem allgemeinen abhängig machen. Nannte man mich nun gleich oft phantastisch u.s.w. so ließ ich mich doch nicht irre machen und meine Umgebung vergab mir gerne meine Art und Weise zu denken, weil sie nicht unvortheilhaft auf mein practisches Leben einwirkte. Die Idee welche mich leitete half mir alles leicht vollbringen; nichts schien mir zu hoch, nichts zu niedrig, um meine Kräfte daran zu üben, überall trieb mich die Sehnsucht, Licht und Klarheit zu gewinnen. Mutter von fünf Kindern, vier Söhnen und einer Tochter, wollte ich auch denselben Geist wecken der mich so unbeschreiblich glücklich machte, aber welchen Widerstand fand ich dabei; theils lag er gewiß in mir selbst, theils aber auch in den Mitteln welche ich dazu wählen sollte.

Himmel, welche Gebilde fand ich in den Lehrern /. sowohl als privat und Hauslehrer, als in den an den öffentlichen Schulen angesetzten. Selten begegnete ich die glückliche Ausnahme, wo mir nicht in ihnen die durch philologische Kenntnisse sichre unverbesserliche Persönlichkeit entgegen trat und ich erkannte daß diese nicht als Mittel sondern als Zweck vorgesehen werden, daher auch die Schulweisheit, indem sie alles mehr von außen, als von innen entwickelt, nicht selten den ganzen Menschen, Schaden nehmen läßt.

Damit konnte ich mich nun nie verständigen denn überall stieß ich auf Widerspruch da ich den Zusammenhang, die Consequenz vermißte, mußte freilich oft wider Willen gewähren lassen, fing nun aber an die Idee welche sich mir bisher nur in der Phantasie offenbart hatte, auch in dem Verstande aufzunehmen. Welchen Leiter ich dabei wählte, beweist Ew. Wohlgeboren die Einlage, mein Glaubensbekenntniß, welches ich nicht unterlassen konnte dem Herrn Professor Eschenmayer in Tübingen offenherzig auszusprechen; ich theile es Ew. Wohlgeboren mit, weil ich so gern Ihr Urtheil darüber hörte. Von allen philosophischen Schriften, las ich nur diese, veranlaßt durch die Seherinn von Prevorst, die so viele Menschen beschäfftigte aber, doch fürchte ich – von nur wenigen verstanden wird. Ich las sie darum nicht weil ich glaube – verzeihen Sie – daß die Herren Philosophen die weite Reise um die Welt machen und wohl müssen der Wissenschaft wegen, wozu ich aber weder Lust noch Kraft habe.

Nichts desto weniger aber achte ich ihr Verdienst hoch, ich halte sie für die aller Unentbehrlichsten, das Salz der Erde Matth. 5 v. 13.

Hörte ich nun , daß Ew. Wohlgeboren Ihre Vorlesungen damit geschlossen hätten; daß das Christenthum der Innbegriff aller Philosophie wäre; so urtheilen Sie wie hoch mein Herzen bei diesem Gedanken schlug, in der Hoffnung daß er sich auch der Feder mittheilen und dadurch weit und immer weiter wohlthätig verbreiten würde.

Auch glaube ich daß ein Protestant sich besser dazu eignet die Wahrheit von dem Lehrstuhl weiter zu verbreiten, als ein Catholik, indem, wird sie mehr von der Phantasie als von dem Verstand aufgefaßt, sie sich leicht zu sehr in individuellen Bildern verliert und ausspricht und befürchten läßt, daß von dem Reichthum und von der Fülle, bei dem vorherrschend practischen Sinne – nur der kleinste Theil davon Eingang findet aber kaum mal ins Leben tritt.

Und doch wie bedürftig ist die Zeit der Wahrheit!!! Luc. 13 v. 2–9. – – –

Daß aber die Welt in einem schwindelnden Abgrund liegt, wer kann sich darüber wie über den Grund davon täuschen? – –

Christus rief uns zu: Matth. 4 v. 17 »Thut Buße das Himmelreich ist nahe herbei gekommen, aber zugleich auch Matth. 5 v. 20. Wie wenig wird aber das Evangelium verstanden, statt es symbolisch und hieroglyphisch zu verstehen, wird es gewöhnlich sinnlich ausgelegt

Der Mysticismus im Christenthume wird daher auch nicht anerkannt – den selbst die Heiden durch ihre Phantasie so schön als das Bedürfniß ihres übersinnlichen Zusammenhanges in den Geheimnißlehren darstellten – und so wird, wie bei den Juden, nur die Form und nicht der Geist des Gesetzes aufgefaßt wurde, auch das Christenthum mehr formell als reel beobachtet.

Eine besondere Freude hat es mir gemacht daß ich den Herrn Professor Eschenmayer, den ich jedoch wahrhaft liebe wegen seiner Wärme, – aus dem Evangelium beweisen konnte, Marc 12 v. 34, daß die Vernunft vernehmen des Göttlichen ist und hoffe es wird ihn überzeugen daß der Misbrauch derselben, uns dennoch nicht berechtigt sie, – da es das Verständniß erschwert, – immer einseitig als stolzen Verstand aufzufassen. Da ich fürchten muß, Ew Wohlgeboren, Nachsicht schon zu lange in Anspruch genommen zu haben, eile ich hiemit abzubrechen, indem ich Ihnen – da Ihr Wort so viel gilt – nochmals dringend ans Herz lege das wahre Gebäude welches nicht des Ecksteins entbehrt aufzurichten. Das glückliche München das so viel wahre Männer vereinigt und darunter zähle ich auch den lieben Dr. G.H. Schubert.

Hochachtungsvoll

Nieper geborene
Rudloff. Landdrostinn
in Hildesheim

Abschrift.

Unmöglich kann ich den Ausdruck meiner Dankbarkeit zurückhalten, die mich durchdrang bei Ew. Wohlgeboren so zeitgemäß, wahr und schön gegebenen Zuruf, sowohl in den Mysterien des innern Lebens als Aphorismen über die Freiheit desselben und Ansicht über Weltgeschichte Kirche und Staat. O gewiß er kann seine Wirkung nicht verfehlen! Mag nun auch das Ohr des Schriftgelehrten dafür taub sein, dem christlichen Gemüthe giebt es selige Freude, auch auf dem Katheder das Licht der Wahrheit aufgehen zu sehen.

Und wer könnte wenn auch nur ahnend, die Seherinn von Prevorst bezweiflen, indem sie den Zustand ausspricht, der uns Allen angehört, ja schon die symbolische Handlung der Taufe bezeichnet und als Erkenntniß im Abendmahl vorausgesetzt wird! Aber traurig genug, und Folge der uneingeweihten Hirten – so wenig verstanden wird. Ist nun allerdings der Somnambulismus der Seherinn von Prevorst, ein Zeuge von der innern Freiheit des Geistes und der Natur, oder vielmehr von der Verklärung des leiblichen Lebens durch den Geist; so dürfen wir aber doch nicht vergessen daß er einen kranken Zustand voraussetzt, wodurch sich das umgekehrte Verhältniß des Menschen darstellt, indem er der Gewalt der Natur also unterworfen wird, oder die allgemeine Naturkraft sich dem Einzelnen also unterwirft daß er ganz ihr Organ wird, während der Geist die Natur beherrschen soll. In einem solchen Zustande befanden sich wahrscheinlich auch zum Theil die Priester der vorchristlichen Zeiten z. B. die Pythien bei dem Orakel zu Delphi.

Bezeichnet nun freilich die Seherinn von Prevorst die allgemeine Zuständigkeit des Menschen – denn wer könnte sich von der allgemeinen Krankheit, der Sünde oder Absonderung von Gott ausschließen? – So hätte ich doch gewünscht:

1stens daß der Zustand welcher durch den göttlichen Geist bewirkt werden kann und der welcher durch eine gewaltsame Erhebung der Natur hervorgerufen wird, bestimmter unterschieden wäre.

2tens daß der Herr Dr. Kieser – so viel schöne Wahrheit er uns auch zuruft, – sich mit den Visionen des Somnambulismus begnügt hätte und sie nicht unzeitig extendirte; theils weil es dem Glauben für den tiefen Ernst der Sache schadet und Spöttereien veranlaßt, theils gefährlich die Aufmerksamkeit von der Erkenntniß der Wahrheit abzieht die nur durch Mitthätigkeit gewonnen wird und worauf wir als Christen bestimmt angewiesen sind.

3tens daß ein weniger strenges Gericht über die Ungläubigen gehalten wäre welches mich immer so schmerzlich ergreift, denn was ist schon an sich unseliger als nicht glauben zu können? Und – giebt es ein Ueber und Untergeordnetes, so kann dieses nach meiner Erkenntniß des Evangeliums denn nur dieses dient mir als norm der Wahrheit, nur durch Liebe ausgeglichen werden. So verstehe ich auch, nämlich als Zuruf für uns alle: Matth. 10 v. 8 »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet es auch.

Ach, und wer könnte richten bei dem Bewußtsein der allgemeinen Schuld? Die freilich durch den Willen sich anders gestaltet, aber ist nicht dieser noch so oft durch Umstände und Verhältnisse bedingt? Erlauben Sie mir darüber meine Ansicht in N° 1 beizulegen. Wie das Leben der Apostel durch ihre verschiedenen Characte gewiß ein Vorbild der späteren Entwicklung des christlichen Geistes ist; so scheint mir auch in der Geschichte Petri die Geschichte jedes Einzelnen vorgebildet.

Zuerst zeigt sich in ihr ein Fortschritt in der Erkenntniß Christi als Prophet, als Sohn Gottes und als Sohn, in der Einheit mit dem Vater durch den heiligen Geist. Daher dies Schwanken, der Zweifel bis er durch den Glauben an das fleischgewordene Wort – indem er sich dem Wirken des heiligen Geistes nicht verschloß, durch ihn ein freies Organ wurde.

Wie herrlich beginnen Ew. Wohlgeboren Aphorismen in den Blättern aus Prevorst »Das Princip der Freiheit und die practische Freiheit sind wohl zu unterscheiden; das Erste ist dem Menschen verliehen um das Zweite damit zu erwerben. Nämlich die christliche Freiheit als bewußte Abhängigkeit von Gott.

Ferner sagen Sie unübertrefflich schön: »Die Wahl ist die Form der Freiheit unter welcher sie sich in das Leben einbildet. Welch ein klarer Gedanke um das Böse abzuleiten, welches sich nie mit der Idee der Gottheit vereinigen läßt! Das Böse entstand also also aus der Creatur indem sie ihrer Idee nicht entsprach, sich von Gott losriß, ihren Willen allein durch sich selbst bestimmte und das ist der Begriff von Willkühr. Der Wille der von keinen höheren Willen abzuleiten ist.

Demnach auch Christus der ewige aber nur allmählige Erlöser!!! –

Ist nun die Sünde, als Willkühr das Erbtheil der Menschheit geworden, wohlan so ist es auch Bestimmung geworden, daß die Seele – Geist und dieser heiliger Geist wird und dieses scheinen mir auch die großen Stationen welche jeder Einzelne, wie die ganze Menschheit machen muß, um ihren verlorenen Mittelpunct wieder zu gewinnen, wodurch die Regeneration des Paradieses hervorgehn kann.

Unterscheide ich Seele von Geist, so bezeichne ich damit den mit dem Leibe verbundenen, den zur Entwicklung in die Zeit gesetzten welcher sich nach dem Abfall von Gott zuerst als Idee der Erfindungen, der Künste offenbarte. Als Geist den Gedanken bis zum Begriff erhob, der aber, als rein menschliches, wo er dem Stolze und allen Leidenschaften preis gegeben ist, so lange haltungslos herumirrt, ja ganze Völker unterjochte, bis er sich in einem Höheren weiß, als göttlicher Geist erkennt. D.h. durch die Erkenntniß; daß der Stolz ein Mörder von Anfang war Joh. 8 v. 44, Joh. 9 v. 41, daher in Demuth und Selbstverläugnung Christus als den Versöhner aufnimt.

Und so wird auch der Christ, die in den vorchristlichen Zeiten unbewußt, daher ungeordnete Trias von Plato so treflich als das Wahre Gute und Schöne dargestellt, er, durch den Logos, als eine göttliche anerkennen. Das Schöne die Kunst, das Wahre die Wissenschaft und das Gute das Heilige, Christus die Einheit beider, welcher als thätige Erscheinung der göttlichen Idee, der Erde als Sonnenpunct gegeben ist. Folglich auch, in der durch Gott selbst in seinen Offenbarungen gelegten Unendlichkeit, – sowohl einen Mysticismus der Kunst, der Wissenschaft, als des Heiligen annehmen und erkennen daß, da in dem Begriff Mysticismus die Einheit des Göttlichen und Menschlichen liegt, er nur wahrhaft im Christenthume statt findet. Daher erscheint mir denn auch die Lehre der Empirie, losgerissen von dem Begriff a priori wahrhaft heidnisch, indem damit der Mensch als das Maaß aller Dinge angesehen wird. Begreifen Ew. Wohlgeboren nun, daß – nach meiner schwachen Erkenntniß, denn ich bin ungelehrt, habe mich durch keine philosophische Schule durchgearbeitet und blos durch anhaltend aufmerksames Bibellesen den Glauben zum Wissen gebracht, – ich weder Hegel, noch alle Rationalisten richten könnte, vielmehr glaube ich, bilden sie und besonders Ersterer eine Stufe der Entwicklung indem er scharfsinnig nachgewiesen haben soll, daß dem Menschen alles gegeben ist, in ihm der Entwurf der Regeneration läge. Entbehrte nun sein System den Versöhner, so blieb demselben freilich die gefährlichste aller Lücken, nimmermehr kann ich aber ihn allein dafür anklagen, sondern sein Zeitalter – und hoffe wenn mit gleichem Fleiße und von gleicher Fähigkeit unterstützt sich Gegensätze bilden, der Antichrist besiegt wird und die Erndte der Wahrheit näher rückt.

Sagt Christus und zwar oft wiederholt Matth. 17 v. 20, so kann ich auch nur in dem Geiste Joh. 4 v. 23–24 auffassen denn damit verweist er auf den im Menschen tief verborgen liegenden Schatze, der aber in unserm verdunkelten Zustande, erst allmählig offenbar werden kann und setzt nothwendig das Bewußtsein der verliehenen Fähigkeiten voraus.

Wiederum erlaube ich mir in der Anlage N° II meine Ansicht auszusprechen. Entschuldigen Ew. Wohlgeboren, daß ich es wage Ihnen so freimüthig meinen unerschütterlichen Glauben zu äußern, mich treibt der innre und nicht der äußre Mensch; dieser würde nach meinen Verhältnissen bei andern Ansichten gewinnen. Denn da die Vorsehung mir einen Standpunct anwies, wo ich nicht unbeachtet bleibe, aber bei dem Bedürfnisse in mir einheimischer zu werden, mich unmöglich dem gewöhnlichen Treiben nach außen hingeben kann, so bin ich dadurch manchem Tadel ausgesetzt d.h. der vornehmen Welt – gottlob nur derem. – – –

Eben so wenig treibt mich Fleischeslust die Paulus gleichfalls als Stolz bezeichnet, denn ich erkenne wie sein Gebet mir täglich so nothwendig ist: 2 Kor. 12 v. 7–9 – sondern allein der herzinnigliche Wunsch daß die christliche Liebe helfen möge die Finsterniß zu verscheuchen, damit die Macht und Gewalt der Jurisprudenz nicht mehr und mehr zunimt. – –

Wie habe ich mich gefreut über Ihre Ansichten von dem Gesetze!!! –

Ueberall erkenne ich im Fortgange der Zeit die heiligen Spuren der Wissenschaft und daß die Philosophen und die Naturforscher die Organe sind, durch welche das erlösungs Princip allgemein anschaulich werden wird. Erstere indem sie den innern Organismus entwickeln, Letztere insofern die aufmerksame Beobachtung der Erscheinung, sie auf das Gesetz derselben zurückführt. Beide müssen aber Hand in Hand gehen, einmal weil Christus sagt »das Reich Gottes ist inwendig, in : Luc. 17 v. 21, zweitens Christus des Unglaubens wegen seine geistige Lehre größten theils an die Naturbilder knüpfte, um auf das innig mit einander verbundene aufmerksam zu machen.

Und nun noch schließlich die Bitte mich nachsichtig aufzunehmen und daß wenn Ew. Wohlgeboren wissenschaftliche Einsicht sich nicht vereinigt mit dem einfältigen Glauben, – Sie der Frau nicht zürnen wollen die nach Christi Lehre; rufet die Brüder Matth. 28 v. 10 Joh. 20 v. 17, den Schritt wagte.

Denn da noch nicht offenbar wurde Eph. 5 v. 32 so glaube ich auch auf mich verwenden zu dürfen: 2 Tim. 2 v. 2. Unterzeichnete bittet wiederholt in der Freimüthigkeit meines Ausdrucks den Beweis des Vertrauens anerkennen zu wollen.

gehorsamst

Nieper gebo˖[rene]
Rudloff. Landdrostinn
in Hildesheim

N° I.

Petrus verläugnete Jesus Christus nur als Prophet, also eigentlich nur das in ihm seiende Gute, da er seine unendliche Liebe noch nicht empfunden hatte; aber bei einem Blicke seines Meisters erwachte sein Inneres Luc. 22 v. 61. Als den Erlöser, den Sohn Gottes erkannte ihn Petrus erst durch den heiligen Geist und wurde durch den Glauben als bewußter Zusammenhang mit Gott, der Felsenmann 1 Kor. 12 v. 3, »Niemand kann Jesum einen Herrn heißen ohne durch den heiligen Geist.

Dessen erinnere sich vertrauensvoll der Gläubige bei der heutigen Gesinnung der Menschen, deren Erziehung sich so wenig auf das innre Leben bezog und leider noch jetzt bezieht, vielmehr sogar störend wirken alle Lebensverhältnisse darauf ein, nur die Hoffnung für die allmählige Erfüllung des Lebenszweckes nicht zu verlieren.

Sagt Christus Joh. 12 v. 32 »Und ich, wenn ich erhöhet werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen, ferner: Joh. 5 v. 28; so ist auch die Erlösung eine allgemeine wenngleich nur langsam fortschreitende, indem sie sich in Freiheit entwickeln soll. Erkennen wir aber nicht in uns das Licht der Offenbarung zur Wahrheit, obgleich es selbst unbewußt uns leitet, überall Grund unsers Urtheils ist, – sind wir nicht unausgesetzt bemüht dieses als Leitstern unsrer Geistesentwicklung anzusehen, als höchste Potenz in Christo Mensch geworden, zur Heiligung der durch die Sünde getrübten Menschheit; so verliert auch der Mensch das ihm von Gott verliehene Kriterium; er vergißt die Erscheinung über das Erscheinende und wird auch die Wahrheit außer sich vergeblich suchen Luc. 8 v. 18

»So sehet nun drauf, wie ihr zuhöret: denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, von dem wird genommen auch das er meinet zu haben. (Röm. 1 v. 28)

Zu beziehen auf die erforderliche Mitthätigkeit des Menschen um sich der Offenbarung Gottes bewußt werden zu können und damit jeder falschen Geistesentwicklung.

Zunächst müssen wir den Grund des allgemeinen Irrthums, der vorherrschenden Verblendung darin suchen, daß das Evangelium, welches zum moralischen Gesetz-Codex bestimmt ist, mehr sinnlich als geistig aufgefaßt wurde und daß die Lehrsätze der Kirche nicht aber der göttliche Geist, die Diener derselben bildete. Hiedurch wurde der Gottesdienst mehr und mehr als etwas Aeußeres betrachtet, weniger als eine persönliche Zurückbeziehung zu Gott 2 Kor. 3 v. 6 der Buchstabe tödtet aber der Geist macht lebendig und dadurch endlich sogar – Sache der Staatspolitik. War nun dieser Misbrauch der Grund des Verfalls des römischen Stuhles, so auch wiederum der Grund des Verfalls der protestantischen Kirche.

Indem aber beiden Kirchen die Idee der Wahrheit zum Grunde liegt, nur in der einen die Phantasie vorherrscht, in der andern der Verstand, beides aber Elemente der Vernunft sind und die Vernunft, sobald sie in ihrer Totalität als vernehmen des Göttlichen erkannt wird, zur Einheit führt indem sie das Gemüth, den göttlichen Geist hervorruft der jede Fähigkeit des Geistes durchdringt und belebt; – so wird auch die im Denken also fortgeschrittene Zeit, – endlich das dringende Bedürfniß erkennen die Eine Wahrheit also zu entwicklen daß sich die traurig gebildeten Gegensätze der beiden Kirchen gänzlich aufheben. Die römisch catholische Kirche stellt mehr den äußern Christus der Gemeinde gegen über und schließt davon aus die Gedankenmäßige Entfaltung seiner Lehre, hält mehr auf die Form, als auf das Wesen der Kirche. Hiedurch blieb unbeachtet, der natürliche Wachsthum des Geschlechtes, die menschliche Verstandesentwicklung, welche die Zeit entwickelt und dem Menschen, getrennt von dem Begriff a priori, immer gefahrvoll ist, indem er dadurch den schrecklichsten Täuschungen ausgesetzt wird, es sei nun durch die Phantasie oder durch den Verstand gleichviel, bei einer Trennung der erforderlichen Elemente, kann die Idee der Wahrheit nicht richtig vernommen werden.

Und so wurde denn auch durch eine solche Absonderung, selbst der Priester der catholischen Kirche, welcher durch das allgemeine Recht des Priesterthums über seine Gemeinde steht, als natürliche Folge seines Hochmuthes, ihm zugestandenen Anrechtes der Wahrheit, immer verfinsterter und endlich ein Raub seiner Leidenschaften.

Zur Zeit des höchsten Misbrauchs der römisch catholischen Kirche trat nun Luther auf und wenngleich aus ihr hervorgegangen – (welch ein Beweis daß wir der catholischen Kirche das wahre Lebensprincip des Christenthums, aller Misbräuche ungeachtet, verdanken,) wurde er dennoch aus besserer Ueberzeugung ihr eifrigster Gegner.

O gewiß ein höherer Wille bestimmte die Reformation! nachdem die Kirche sich als eine Allgemeine verwirklicht hatte, sollte die Läuterung durch Gegensätze hervorgehen und sichtbar geschützt wurden beide Kirchen in der Persönlichkeit Karl des Fünften!!! Und der evangelische Christ kann diesen Schutz nur geseegnet heißen. Hat sich nun die Kraft des Glaubens in Luther so groß und herrlich bewahrheitet verdanken wir ihm nicht allein die Uebersetzung der Bibel die jetzt Allen Aufschluß und Trost geben kann und wodurch die Verheißung in Erfüllung ging: Luc. 16 v. 16, – sondern auch durch die Reformation Gedankenfreiheit und wissenschaftliche Entfaltung; so dürfen wir auch wenngleich die Fortschritte darin die schroffsten und augenblicklich störendsten Gegensätze hervorrufen, grade daraus die Entwicklung Einer wahren Kirche zuversichtlich erwarten und freudig hoffen daß Glaube und Wissen zur Einheit kommen werden. Der gegenwärtige Zustand der Welt zeigt die traurigsten Folgen der versäumten Selbsterkenntniß und den dadurch wachsenden stolzen Verstand Joh. 9 v. 39, Joh. 12 v 48 und muß das Geschlecht zur tiefsten Einkehr zu ihrem wahren Leben führen das in und durch Christus Allen offenbar werden sollte, nämlich geleiten zum Bewußtsein der Fülle der Gnade++ unter Gnade, v. nahen – verstehe ich nahen Gottes: Joh. 14 v. 6.

»Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Und so feiert denn auch der Gläubige in der heutigen Zeit den herannahenden Sieg der Wahrheit: Joh. 12 v. 31 / auf die Sonderung des wahren und falschen zu beziehen.

Denn je positiver der Mensch in sich wird, je negativer erscheint ihm die Welt mit allen ihren Anordnungen und indem sie sich in der Zeit rächen, zeugen sie von Gottes Allgerechtigkeit: Matth. 24 v. 35 und sollen jeden Einzelnen zum Kampf mit sich auffordern, also zum innern und nicht zum äußern.

N° II.

Die Erkenntniß der Wahrheit und die Beweise dafür, müssen aus dem Evangelium abgeleitet werden, welches den großen Vorzug hat:

1. daß, als Offenbarung Gottes, es die vollkommne Wahrheit enthält, also auch das Kriterium für alles Einzelne ist und zugleich den Unterschied zwischen Welt- und Gottesgeist bestimmt bezeichnet.

2. Der darin Forschende sowohl an Geist gewinnt als Gemüth. Darunter verstehe ich das übersinnliche Gefühl – Urgefühl – indem der Gottesgeist dadurch lebendig wird und zu der gewissen Ueberzeugung führt; daß dies Evangelium der Ausspruch des in allen Menschen gelegten Wortes ist. Joh. 6 v. 45.

3. Jeder daher abgeleitete Grundsatz, also auch eher Ueberzeugung gewinnen kann.

a. Durch die Anerkennung dieser Autorität

b. Es dann nicht mehr Einzelner Meinung bleibt.

c. Die dadurch gewonnene Ueberzeugung ohne Absicht des irdischen Vortheiles hervortritt und nicht durch Stolz, sondern Liebe getrieben, leichter den Glauben für sich hervorruft.

Um aber den Verstand für das Evangelium zu gewinnen, d.h. den Geist zum stehen, oder verstehen zu bringen, daß er seinen ihm angewiesenen Standpunct erfassen kann bedarf es in unserm Zustande, der Einkehr. Matth. 12 v. 39, Matth. 16 v. 4 und um diese bei der vorherrschenden Atonie der höheren Organe allgemein einleuchtend zu machen, der Erweckungsmittel. In der Phantasie als übersinnliches Gefühl kündigt sich die Vernunft, als unmittelbares Gottesbewußtsein, bei allen Menschen an, auch zu allen Zwecken, wie das die Geschichte aller Völker nachweist. Dieses soll aber den Gedanken wecken und damit das Bestreben hervorgehen, daß der Mensch die in ihm wirkende Idee sich aneignet, oder zum Bewußtsein bringt, nämlich das Wissen von seinem wahrhaften Sein, in Christus geoffenbart. Als Erweckungsmittel für das mehr Geist werden des Menschen, müssen wir nun dankbar die Philosophen anerkennen und besonders diejenigen, welche ihren Namen wahrhaft führen und aus Liebe zur Weisheit oder Wahrheit, den höheren Weiser in sich der sie zurecht weiset, anerkennen, und entwickeln, und die Quelle alles Wissens verfolgen in der Vernunft, als vernehmen des Göttlichen aufsuchen und bemüht sind nachzuweisen. Indem nun der Philosoph sein innres Leben schärfer beobachtet wodurch er sich der göttlichen Gesetze und aller vermittelnden Kräfte deutlicher bewußt wird, so muß es ihm auch, aller erkennenden Hemmungen ungeachtet, eher gelingen alle Organe des Geistes in mehr Thätigkeit zu bringen. Den Bestrebungen des Philosophen verdanken wir die Begriffsbildung oder die Verknüpfung eines Mannigfaltigen zur Einheit, die durch den Verstand gebildeten Verhältnißvorstellungen von der Mannigfaltigkeit der Dinge. Erkennt nun der Philoosph, daß dies Begriffsvermögen oder das Vermögen für die Unterschiede der Dinge in dem Einheitsbewußtsein der Vernunft durch die Idee (oder Gott) gegründet ist, folglich alles Einzelne von den göttlichen Principien abzuleiten ist, so wird er auch den Zweck seines Daseins darin erkennen, sich dieser bewußt werden zu sollen und zwar christlich in Demuth und Selbstverläugnung. Da nun durch die Begriffe die unendlich vielen Vorstellungen der innern und äußern Welt zum stehen kommen und sie die Mittel sind unsere Gedanken andern mitzutheilen und andere Gedanken zu verstehen, so kann auch das Göttliche und Unkörperliche im allgemeinen nur durch Begriffe verständlich und practisch gemacht werden: Joh. 4 v. 23–24.

Der Philosoph welcher nun gründlich nachweist daß alle Begriffe nur möglich sind vermöge der Offenbarung, oder der in dem Geiste gelegten Ideen, Urbilder, Urgedanken welche von dem Menschen nicht gebildet nur vernommen werden durch die Vernunft damit er des Uebersinnlichen sich bewußt werde: Marc. 12 v. 34 – Der Philosoph hilft zur Erlösung, oder den Gegensatz zwischen Gott und Welt aufheben.

Denn je lebhafter die Idee eines unsichtbaren persönlichen Gottes in unserm Gemüthe herrscht, je fähiger sind wir auch, ihn in seiner Offenbarung durch unsere Sinne zu erkennen und die Spuren seiner Leutseligkeit überall wahrzunehmen. – – – – –