Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Liebster Bruder!

Ich bin Dir seit einigen Monaten meinen Danck für die mir durch Herrn von Cotta zugesandte Rede, welche Du zu an die Studenten gehalten hast, schuldig geblieben, was ich mir umso mehr zum Vorwurfe mache, als dieselbe mir und allen denen, welche sie gelesen haben, sehr wohl gefallen, und an und für sich sowohl, als wegen des Erfolges, welchen sie gehabt hat, große Freude gemacht hat. Und nun hast Du mich schon wieder durch Herrn von Boisserées mit einem neuen Geschencke dieser Art erfreut, welches mir ebenfalls recht großes Vergnügen gemacht hat. Mein Schwiegervater und Wächter tragen mir ebenfalls auf, Dir recht sehr zu dancken, Ersterer, obwohl der Rede den größten Beifall zollend, war aber doch der Meinung, es wäre besser, wenn Du einmal Deine Weltalter und Deine Mythologie, auf welche er mit sonderbarer Sehnsucht wartet, ans Licht treten zu laßen, über Dich gewinnen, und statt solcher von dem Hauptberufe Dich abziehender Geschäfte Dich gantz jenen widmen könntest, auch soll ich Dir schreiben, daß obgl˖[eich] er jedesmal den Tag, an welchem die Stände auseinandergehen, zu dem glücklichsten und erfreulichsten des gantzen Jahres zähle, er doch nicht in einem Lande leben möchte, in welchem keine Stände seyen.

Noch ein weiterer Grund ist vorhanden, warum ich wegen meines langen Stillschweigens um Entschuldigung bitten muß. Meine Frau ist nämlich schon von einer Tochter – der dritten – gottlob gantz glücklich entbunden und das Kind schon getauft worden, wobei ich mir im Vertrauen auf die gütige Nachsicht der lieben Schwägerin die Erlaubniß gegeben habe, Sie als Taufpathin der Kleinen, welche ich Ihrer und Deiner Liebe bestens empfohlen haben will, einschreiben zu laßen. Ich hatte mir immer von Tag zu Tag vorgenommen, einen Brief mit der Bitte um die Übernahme dieser Pathenstelle abgehen zu laßen, meine Zeit war aber dergestalt mit Geschäften ausgefüllt, daß ich niemals auch nur einen Augenblick gewinnen konnte. Ich bitte Dich daher recht sehr, mich bei Deiner lieben Frau zu entschuldigen, und zwar um so mehr als ich billigerweiße dieses selbst durch eigenen Brief thun sollte. Übrigens ist unsere dritte Tochter ein wahres Freudenkind, und gedeiht vom ersten Augenblick an so sichtlich daß ich gantz zufrieden und glücklich in dem Besitze desselben bin. Ihr Name ist Karoline, Mathilde Friedericke.

Nun soll ich Dir noch 2 Bitten vortragen! Die erste betrifft eine muthmaaßlich nächstens zur Erledigung kommende Pfarrstelle bei uns, und zwar in Flein bei Heilbronn. Von dieser ist ein Herr General Graf von Beckers in München, welcher zugleich Präsident des K˖[öniglichen] Kriegsgerichts ist, Patronatsherr, und hat dieselbe zu vergeben. Nun wünschte ein junger Mag˖[ister] Schell, ich glaube derselbe, welcher früher bei ### in München einige Zeit hindurch war, dieselbe zu erhalten, besonders auch vielleicht aus dem Grunde, um seine junge Braut, welche eine Kousine von uns und Tochter des K˖[öniglichen] Just˖[iz]Rath Cless von hier ist, bald heimführen zu können. Ich bin nun von beiden Seiten angegangen worden, Dich recht schön zu bitten, wenn es Dir möglich wäre, in dieser Sache auch ein gutes Wort zu sprechen, wäre es auch nur, um die besagte Heimführung ein wenig zu beschleunigen. Ich kann übrigens hinzufügen, daß der Kompetent ein wackerer Mann ist, und gute Zeugniße hat.

Die zweite Bitte ist, daß Du Dir einen jungen Müller, Sohn des in Dresden verunglückten vorzüglichen Kupferstechers Müller und Enckel des alten Gotthardt Müllers wolltest zu freundlicher Aufnahme empfohlen seyn laßen. Der junge Mensch soll viel Genie zeigen, was man seiner blonden Gestalt nicht ansieht. Er ist, wie Du weißt, StiefSohn unsers Vetters Special Köstlin, und beinahe wie Adoptivsohn von Dannecker. Frau von Boisserée ist ein Geschwisterkind von seiner verstorbenen Mutter gewesen.

Hätte doch Deine liebe Frau sich durch nichts abhalten laßen, mit Boisserées hieherzukommen, es hätte uns Allen das größe Vergnügen gemacht, Sie bei uns zu sehen, und auch Klärchen wäre höchst willkommen gewesen! Vielleicht fügt es sich doch diesen noch. Meine Frau ist gegen meine täglichen Ermahnungen vom Morgen bis Abends auf, ernährte die Kleine bisher allein, und sieht gesünder und stärcker aus, als jemals und, obgl˖[eich] sie besonders in den lezten 3 Monaten eine sehr beschwerliche Schwangerschaft hatte, so hat sie doch ein sehr glückliches und gutes Wochenbette gehabt. Sie hat auch eine große Freude an der dritten Tochter, und meine 2 ältere Mädchen, welche gottlob gut gedeihen, dessgleichen.

Nun leb recht wohl und gesund, und nehme nochmals meinen herzlichen Danck für die 2 Reden an, welche mir die größte Freude gemacht haben. Die dritte Tochter und die 2 Reden haben im Laufe dieses Jahres mir mein sonst im Gantzen sehr müheseeliges Leben versüßt. Wie sehr sollte es mich freuen, Dir dieses mündlich im Laufe dieses Sommers bezeugen zu können! Grüße alle die lieben Deinige von uns aufs Herzlichste, und sage der lieben Klara, daß ihr meine Frau in den nächsten Tagen schreiben, und auch für die Zeichnung, welche uns besonders auch als Werck ihrer Hände recht gefreut hat, dancken wird.
Dein
tr˖[euer] Bruder

K. Sch.