Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochverehrter, Theuerster Freund!

Wie hat es mich gefreut, wieder etwas von Deiner Hand zu sehen! ich weiß, daß Deine Geschäfte Dir wenig Zeit zur Correspondenz übrig lassen, aber ich bin auch überzeugt, daß Du die alten Freunde nie vergessest. Ich bedaure nur, daß die Erkundigungen nach einem Bilde von Johann Reuchlin mir nicht bälder erlaubt haben, Dir zu antworten. Der Eisgang hat mich ein Paar Tage verhindert, persönliche Nachfrage in Stuttgart vorzunehmen, dann fand ich mich veranlaßt, mich noch an einige Freunde schriftlich zu wenden, von welchen die Antwort zum Theil noch zu erwarten ist. Um jedoch nicht zuviele Zeit verstreichen zu lassen, will ich Dir einstweilen melden, was ich gefunden.

Eine Büste von Reuchlin hat wohl nie existirt. Die Grabschafft in Stuttgart ist ganz einfach. Schnurrer sagt in den Nachrichten von ehemaligen Lehrern der hebr˖[äischen] Lit˖[teratur] in Tübingen, die Princessin Antonie von Wirtemberg () eine Freundin dieser Literatur und selbst der Kabbala, habe zu Reuchlins Ehre ein Denkmal errichten lassen wollen, es seie aber nicht zu Stand gekommen, weil sie gehört, daß Reuchlin von dem Bruder ihres UrgrosVaters, Herzog Ulrich, etwas freimüthig gesprochen. Daß sie nichts daran gespart haben würde, kann ich aus einer schönen Stiftung, die sie zur hiesigen Kirche gemacht hat, beweisen.

Ein Oelgemälde liesse sich vielleicht noch in einer Rumpelkammer des Fakultätshauses in Tübingen finden. Kielmayer sagte mir, er erinnere sich, dergleichen alte Köpfe dort gesehen zu haben. Nun habe ich sogleich einem dortigen Freunde den Auftrag gegeben, nachsuchen zu lassen. Die Antwort steht jedoch noch aus, und diß läßt mich bereits zweifeln, ob die Hoffnung erfüllt werden wird.

Ein Brustbild Reuchlins auf einer Münze gibt es nicht; diß versichert mich Kaufmann Binder in Stuttgart, der eine ziemlich vollständige Sammlung teutscher Münzen und Medaillen hat; er erinnert sich auch nicht, von einer solchen gehört zu haben.

Nun die Kupfer. Das brauchbarste scheint mir das zu seyn, das in einem Augsburger Werke von 1747 vorkommt, EhrenTempel deutscher Gelehrsamkeit von Brucker und Haid. Dieses Werk wird ohne Zweifel auch in München leicht zu bekommen seyn. Decan Reuchlin in Heidenheim schreibt, er habe auch zwey Kupferstiche, einen in kl˖[ein] 8. den andern aus dem Reform˖[ations] Almanach. Von wem der erstere ist, hat er beizusezen vergessen. Auch steht der kaiserliche Adelsbrief von 1492 und die Grabschafft aus der St. LeonhardsKirche in Stuttgart zu Diensten.

So weit meine bisherigen Erkundigungen. Sollte sich in Tübingen noch etwas finden, so werde ich Dir unverzüglich Nachricht geben. Glücklich würde ich mich schäzen, zu dem Plane vom Walhalla etwas beitragen zu können.

Mit dem Postwagen werde ich Dir den 2ten Band meiner Geschichte der Teutschen, sowohl für Dich als für die Akademie, übermachen; und Dich dann auch um Dein Urtheil darüber bitten.

Mit Deiner gütigen Erlaubniß will ich auf dem mitgetheilten Verzeichniß der Drukschrifften der Akademie anstreichen, was ich mir als Fortsezung ausbitten möchte.

Für Deine gütige Erinnerung an Deinen Pathen noch besonders meinen herzlichsten Dank. Er hat Deinem Herrn Sohn in Blaubeuren Plaz gemacht, ist also seit 1/2 Jahr im in Seminar in Tübingen, und ich darf es ohne väterliche Vorliebe sagen, daß er nach Möglichkeit seiner Bestimmung zu entsprechen sucht. Wie erwünscht, wäre es mir gewesen, aus Gelegenheit der Blaubeurer Einlieferung mit Dir zusammen Treffen zu können. Meine Erfahrungen in Betreff dieses leztern Seminars behalte ich mir bevor in meinem nächsten Dir mitzutheilen.

Dieß in Eile, um die heutige Post nicht wieder zu versäumen. Die meinigen empfehlen sich mit mir Deinem freundlichen Andenken bestens. Mit inniger Verehrung
Ganz der Deinige,

Pfister.