Schelling

Schelling Nachlass-Edition


An Herrn Director von Schelling

in

München.

frei z˖[ur] Gr[en]tze

Liebster Bruder!

Ich dancke Dir recht sehr für Deinen Brief vom , und habe mich recht gefreut, daraus zu ersehen, daß es mit Deiner Wiederherstellung doch ordentlich von Statten geht. Wahrscheinlich rührt der Umstand, daß Deine Brust noch nicht von allem Reitz befreit ist, von der gegenwärtig herrschenden strengen und kalten Luft her. Du wirst eben müßen viel lauwarmes Getränck und namentlich nahrhafte schleimichte Brühen zu Dir nehmen, was das beste Gegengewicht gegen WitterungsEinflüße solcher Art ist. Vielleicht ist durch die Entzündung doch auch irgendwo eine leichte Adhäsion des Rippenfells entstanden, die Du jezt noch empfindest. Schreibe mir doch auch, wie es mit dem Husten, Auswurf, Athemhohlen und der Transpiration geht. Wenn Du vielleicht in jeder Taße Fleischbrühe, welche Du nimmst, einen Skrupel Salep Pulver auflösen ließest, so würde Dir dieß auch Linderung schaffen. Ich dachte mir Deine Kranckheit als durch eine vollständige Krisis am siebenten Tag entschieden, und vermuthete, daß Du nun bereits wieder etwas Wein würdest nehmen dürfen, was wohl öfters erlaubt werden kann, jedoch immer mit großer Vorsicht. Deßwegen glaubte ich Dich warnen zu müßen, da besonders bei gegenwärtiger Witterung und Jahrszeit die Disposition zum Entzündlichen immerfort anhält. Es gereicht mir um so mehr zur Beruhigung, daß Du keinen Wein noch trinckst, weil der anhaltende Reitz auf der Brust doch leicht dadurch vermehrt werden könnte. Fleischbrühe restaurirt ohnehin solider, als der Wein. Daß Deine Karoline nun auch noch vom Scharlachfieber heimgesucht wird, thut mir leid, besonders da sich Deine gute Frau nun weniger pflegen kann. Wenn die andern Kinder abgesondert sind, so bleiben sie doch vielleicht verschont. Das Gleiche hoffe ich von Dir, da keines von uns Geschwistern das Scharlachfieber hatte, und ich schon so oft mit den bösartigsten Scharlachkrancken beschäftigt war, ohne angesteckt zu werden. Beßer und sicherer wäre es freilich gewesen, wenn Du die kleine Patientin von Dir entfernter hättest halten können. Doch erinnere ich mich an 4–5 Fälle aus meiner Praxis, in welchen Erwachsene oder ### von Kindern das Scharlachfieber geerbt hätten.

Ich hoffe immer noch, Dich mit Deiner gantzen Familie im bei uns zu sehen, was sehr wohl angehen könnte. Wenn die Märzwinde kommen, giebt es oft so laue Frühlingstage, an welchen man doch mit Vorsicht reisen kann. Doch wenn dieses nicht geht, so könnte es desto gewißer in der geschehen.

Ich bin seit 14 Tagen ungeheuer beschäftigt, und täglich gegen 10 Stunden lang auf der Strasse, so daß ich Mittags erst um 2 und Abends erst um 8 Uhr nach Hause komme.

Nun leb recht wohl, empf˖[iehl] uns Deiner lieben Frau bestens.
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]

K.

Mein Schwager Wächter läßt sich Dir empfehlen, und bei Dir anfragen, was er mit den 300–400 fl. thun soll, welche er daliegen hat?