Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Seiner Excellenz Herrn Geheimenrath

und Präsidenten Dr. F.W. von Schelling

General Conservator der w˖[issenschaftlichen] S˖[ammlungen] des Staates

zu

München

frei

Obgleich mirs hier, in einer kleinen Stube voll redender und arbeitender Menschen, fast eben so schwer fällt zu schreiben, als auf einem stark bewegten Schiffe, kann ichs doch nicht laßen, Dir, Du theurer, verehrter Mann und lieber Freund noch vor meiner Abreise von hier einige Zeilen zu schreiben als müßte ich (und so ist es ja auch) unter allen Menschen zunächst Dir für die erquickende Ruhe danken, die ich genoß. Mir ist es als wäre hier von meinem Leben all das Bittere abgewaschen, das ihm in München anklebte; die Furcht vor Oken und Martius und allen Feinden, das beständige Mistrauen gegen Wagler, Held u.a. sind gewichen und ich will übermorgen wieder recht muthig nach München abreisen, habe ich ja Gott zum Schützer und auch Dich.

Dieses Ausruhen war mir recht nöthig. Das Peinigende, das mir Menschen, zu denen mein Ammt mich gesellt, in dieses legen, war mir noch niemals so fühlbar geworden als im lezten , obgleich mich Wagler mit Aeußerungen und auch Beweisen von Dienstfertigkeit fast übertäubte. Nun Gott gebe daß der Grund davon gut und die Versprechungen wahr seyn mögen. Hätte ich freilich nur einen einzigen so zuverläßigen Menschen zur Seite, als Wagner in Erlangen es ist, da wäre mir Vieles erleichtert. Doch ist mirs vielleicht gut wenn mir die Sache eben nicht erleichtert wird und am Ende liegt der Grund des Erschwertseyn am meisten in mir selber. Darum sey Du mir nur ein treuer, ernster Rathgeber und Freund.

Wir werden, so Gott will, Sonnabends den in München eintreffen. Sollte bis dahin der Etat für die zoologische Sammlung auf 1830/31 angegeben werden müßen; so bitte ich wieder auch dieselbe Summe anzutragen als im vorigen Jahre, ich werde die Gründe zu dieser Bitte ausdrücklich darlegen. Ich hätte Dir das freilich schon von Rückersdorf aus schreiben sollen, wo ich zum Briefeschreiben die meiste Zeit gehabt hätte, aber dort ließen mich die kleinen Enkelchen Alles vergeßen.

Meine Frau ist recht wohl und freut sich mit mir herzlich auf Euch Alle und auf München. Die Nachricht daß Puchta nach Jena gehen wolle hat mir viel Sorge gemacht. Könnten wir ihn doch bei uns behalten.

Die Ausbrüche der wahrsten Undultsamkeit, die sich in mehreren sächsischen Städten der Pöbel gegen die Katholiken erlaubt hat, sind nur eine Uebersetzung der ewigen Controversprediger, die man jezt in Sachsen hört, in die Sprache der Faust gewesen. Ein gewißer Pfarrer Eger in Chemnitz hat als Protestant ganz im Geist der Eos, nicht Christenthum, sondern eiferndes, einseitiges Protestantenthum und Haß gegen die Katholiken gepredigt. Es ist und weht hier, nur in ganz umgekehrter Richtung, aus dem Unglauben ein Geist, der ganz jenem der Münchner Eos ähnlich ist. Auch in dieser Hinsicht sehne ich mich nach einem stillen, friedlichen Kreise zurück.

Nun, so Gott will, heute über 8 Tage, bin ich nicht ferne mehr von München.

Deine Frau Gemahlin bitte ich uns beide in Ihr freundliches Andenken zu empfehlen und die lieben Kinder zu begrüßen.
Mit inniger, lebenslänglicher Dankbarkeit und treuer Ergebenheit
Dein

G.H. Schubert.