Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochverehrter, Theuerster Freund!

Die weitern Nachforschungen nach einem Bilde Reuchlins haben zu meinem Bedauern kein günstigeres Resultat geliefert, als die erstern, wovon ich Dir bereits Nachricht gegeben habe. In Tübingen hat man die Rumpelkammern durchsucht, aber nichts gefunden. Der alte Sekretär Uhland erinnert sich auch nicht, ein solches Bild gesehen zu haben. In der Regel haben sich nur die Doctores & Regentes der Universität mahlen lassen; Reuchlin war aber nur kurze Zeit, kaum vor seinem Tode, als Lehrer der hebr˖[äischen] Lit˖[eratur] nach Tübingen berufen. Eher könnte noch in Ingolstadt etwas von ihm zu finden seyn, wo er im J˖[ahre] als akad˖[emischer] Lehrer angestellt war.

In Absicht der Kupfer bemerke ich noch: das im Reform˖[ations] Almanach hat viele Aehnlichkeit mit dem bei Brucker in dem neulich schon angeführten Augsburger Werke von 1747. Im Almanach ist aber noch beigefügt, das Bild seie nach einem in der Gemälde Sammlung des Kaufmanns Reinherz zu Frankfurt befindlichen Original. Dieses also, wenn es zu erhalten wäre, würde am Ende das Tauglichste seyn.

Im Anschluß beehre ich mich, Dir den 2ten Band meiner Geschichte der Teutschen zu übermachen, mit der Bitte um freundliche Aufnahme. Meine Absicht ist hauptsächlich gewesen, in diese, die allerverwikeltste Geschichte, die es gibt, eine möglichst klare Übersicht zu bringen, und die Zeiten und Menschen nicht nach unsern Ansichten, sondern nach den ihrigen, zu zeichnen. Wie weit mir das gelungen seie, überlasse ich andern zu beurtheilen. Mit dem 3ten Bande bin ich jezt in der , wo das Kaiserthum und das Papstthum, beyde sich überlebt haben.

Das beigeschlossene 2te Exemplar bitte ich in meinem Namen der Akademie vorzulegen.

Auf dem hier wieder zurückfolgenden Verzeichniß der akademischen Drukschriften habe ich, um nicht unbescheiden zu seyn, nur dasjenige angestrichen, was ich als Fortsezung zu erhalten wünschte, namentlich die Drukschriften von 1813–1824 und die Monum˖[enta] boica vom XXIIsten Band an. Für diesen Zuwachs zu meiner Büchersammlung werde ich Dir und der Akademie sehr dankbar seyn.

Ich habe Dir neulich versprochen, einige Erfahrungen über Blaubeuren mitzutheilen, die vielleicht für deinigen dort befindlichen Herrn Sohn von mehr Nützen seyn könnten, als für den meinigen, da ich sie zu spät gemacht habe. Solange Kern und Baur dort angestellt waren, war das Seminar anerkannt das beste. Die Nachfolger sind beyde auch sehr wackere Männer, aber die Einheit des Plans ist unterbrochen, und Ephorus Reuß, ein Mann ohne alle Autorität für junge Leute, hat das Haupt wieder erhoben. So ist es geschehen, daß die abgegangene Promotion, worunter mein Sohn, das lezte Halbjahr eigentlich verloren hat. Früher hat Reuß nicht ermangelt, mir sogleich Anzeige zu machen und meine väterliche Mitwirkung aufzubieten, wenn mein Sohn etwa im »Kappen lüpfen« nicht die erwartete Ehrerbietung ausgedrückt. Aber vom Tändeln und Wirthshauslaufen, das zulezt eingerissen, hat er mir nichts mehr gesagt. Ich kann diß alles nicht besser belegen, als wenn ich Dir hier Dr. Kern’s eigene Worte gebe, die sein leztes Schreiben von Tübingen enthält: »Mit den Strebungen Deines Sohnes haben wir Ursache zufrieden zu seyn. Aber immermehr zeigt sich, wie diese Promotion in Bl˖[aubeuren] allzukurz gehalten würde. Leider rechtfertigt sich die zuvor angewendete Methode nur zu sehr! und die jezt angewendete, – »ja fein gehörig in der Niederung zu bleiben, und die Ersteigung der Sonnenhöhen der Wissenschaft ganz und gar der Universität zu überlassen«, – »trägt jezt ihre, eben nicht goldenen Früchte. Bei keiner Promotion noch, wie bei dieser, war der Übergang auf die Universität so sehr ein salto mortale«, die Schwerfälligkeit, womit die jungen Leute dasjenige ergreifen, wozu philosophische Reflexion erfordert wird, ja selbst eine gewisse Schlaffheit des Geistes bei den von Natur besser Begabten zeigt, daß der rechte Zeitpunkt versäumt wurde, um in die Entwicklung des Geistes für das Höhere einzugreifen. Daher ist auch besonders zu bedauern, daß (nach Herabsezung des Tübinger Cursus von 5 auf 4 Jahre) hier schon im 2ten Semester der rein philosophische Cursus begonnen werden solle, was denn nothwendig macht, daß in den vorbereitenden Anstalten um so mehr Rüksicht darauf genommen werden sollte, u.s.w.

Dieß scheint mir hinreichend, um Dich von dem Stand der Dinge weiter urtheilen zu lassen

Von meinen Verhältnissen bemerke ich noch, daß das Stuttgarter Publikum mich unlängst zum Nachfolger Le Bret’s am Oberbibliothek bestimmte. Wäre die Bibliothek in ihrem neuen Lokal, wie sie seyn sollte, so hätte die Stelle manches anziehende gehabt: allein das Organisiren greift auch hier erst ein; es ist ein Wagen Papier vorhanden, das zum neuen Catalog bestimmt ist, der vielleicht in 10 Jahren nicht fertig wird. Dieß und anderes hat mich bewogen, in meiner hiesigen Freiheit zu bleiben.

Erhalte mir, Theuerster Freund! Dein wohlwollendes Andenken und laß mich zuweilen, wenn auch nur durch dritte Hand, irgend ein Zeichen davon sehen, so machst Du auf viele Tage glücklich und heiter,
Deinen
mit inniger Verehrung
und Liebe Dir angehörigen

Pfister.

P.S.

Da, so viel ich weiß, wöchentlich Fuhr-Gelegenheiten von München nach Stuttgart gehen, so könnten die obenbemerkten Bücher einer solchen übergeben werden mit dem Beisatz: in Stuttgart bei Kaufmann Meydeclen abzugeben.