Seiner Hochwohlgeboren
Herrn geheimen Rath von Schelling, Ritter
des k˖[öniglich] b˖[ayrischen] Civilverdienstorden, Vorstand der
k˖[öniglich] b˖[ayrischen] Akademie der Wissenschaften pp
in
p˖[er] b[onitatem].
Hochzuverehrender Herr geheimer Rath!
Mein väterlicher Freund!
Letzten Mittags bin ich in Göttingen eingetroffen, nachdem meine Reise noch in München 8 Tage lang wegen Unpäßlichkeit aufgeschoben werden mußte. Nürnberg war der erste Ort, wo ich mich etwas aufhielt, um die herrlichen Reste des Mittelalters zu betrachten. Ich schwelgte wirklich in der Anschauung der herrlichen Kirchen mit ihren sinnvollen Verzierungen und ihrer einfaltsvollen Großartigkeit. Die Erinnerung an das früher gemüthreiche Leben, das noch aus Kirchen, Brunnen und den Gemälden der Moritz-Capelle zu mir sprach, und das bunte Krämergewühl, das allein noch von all dem Herrlichen in die Gegenwart herüberzog, erwekten in mir schmerzliche Gefühle. Mir war es, als ob man blos in dieser Stadt die Geschichte des Mittelalters studiren solle. Ohne Unfall erreichte ich, leider bey Nacht, Bamberg. Als ich aber von da nach Lichtenfels kam, hatte ich das Unglük mit dem Pakwagen umgeworfen zu werden und nicht unbedeutenden Schaden zu leiden, so daß ich noch jetzt nach heftige Brustbeklemmungen und fast immerwährende Schmerzen in dem Schulterblatte verspüre. Die göttliche Vorsehung, welche wollte, daß die scheugewordnen Pferde mit dem Vordertheile des Wagens ausrissen, rettete den Conducteur und mich von dem sonst unvermeidlichen Tode und sparte mich so, indem sie verhütete, daß ich geschleift wurde, zu anderen Dingen auf. Fast krank kam ich in Coburg, dann in Gotha an, wo ich 2 1/2 Tag verweilte, mich pflegte und von den Herren Jacobs, Ukert und besonders von Hey und dessen liebenswürdiger Frau, der Frau von Thiersch Schwester, mit der ausgesuchtesten Güte behandelt wurde. Noch nie hat eine Stadt in Ansicht seiner Bewohner so günstigen Eindruk auf mich gemacht als Gotha. In Langensalza traf ich die Cholera. Sie hatte daselbst binnen 3 Wochen 27 Personen weggerafft, entweder schwächliche Leute, oder solche, die durch irgend eine Unachtsamkeit Anlaß zur Krankheit gegeben hatten. Die Leute in der Stadt lebten übrigens vergnügt und unbesorgt, schmähten auf die homöopathischen Ärzte und gebrauchten höchstens Pfeffermünzthee als eine Art von Präservativ. Wir fuhren die ganze Nacht durch, erreichten Mühlhausen, wo am ein Dankfest wegen gänzlicher Befreyung von der Cholera gehalten wurde und an demselben Tage betrat ich meinen nunmehrigen Aufenthaltsort. Die Stadt hat für einen Süddeutschen viel Unbequemes. Die Luft ist dik, so daß ich anfangs keinen tiefen Athem schöpfen konnte; das Wasser, seit Jahren oder vielmehr seit Kindesbeinen mein einziges Getränke, ist voll Kalk und schmekt wie Medicin; eine Menge übelriechender Gräben erfüllen die Strassen mit mephitischen Dünsten. Jedoch die Einwohner sind gut, obwohl jetzt in höchster Betrübniß. Denn so leer war Göttingen noch nie. Mehrere Professoren bringen kein Collegium zu Stande. Die Logien sinken um ein Dritttheil im Preise. So im Verhältniß das Übrige. Man pflegt diese Veränderung den Folgen der Revolution und übelwollenden Menschen zuzuschreiben, die durch die Ausstreuung böser Gerüchte der Universität Studirende entziehen wollen. Allein der eigentliche Grund mag wohl tiefer liegen. Die Verbannung der Philosophie von der Behandlung der Wissenschaften konnte wohl für einige Decennien durch ein sogenanntes gelehrtes Studium verdekt werden. Als aber die Zeit kam, wo der menschliche Geist nach dem Endresultate dieses gelehrten Treibens fragte, da wußte Göttingen nichts darauf zu antworten. Und diese Zeit scheint mir jetzt dazuseyn. Die Art und Weise, wie in G˖[öttingen] die Wissenschaften betrieben wurden, kann man, glaube ich, füglich mit dem Vollmachen des Danaidenfasses vergleichen. Ich hege alle Ehrfurcht vor der Fülle des positiven Wissens, das von G˖[öttingen] ausströmte und ich habe hier auch keinen andern Gedanken, als den Göttinger Herren nachzustreben; aber wozu ist alle Wissenschaft ohne die Weihe, welche allein die Philosophie zu ertheilen vermag. Eine andere Ursache des Verfalls von G˖[öttingen] ist wohl das vorgerükte Alter der Herren, die früher den Ton angaben und die Sorglosigkeit für tauglichen Nachwuchs. Oder vielmehr:
Die Blätter glänzten und hauchten Duft
Doch konnten sie Früchte nicht zeugen.
Mehrere lästige Beschränkungen durch die academischen Gesetze, das Getöse bey der Nacht durch das unaufhörliche Rufen und Blasen der Nachtwächter, wodurch man hundertmal im Studium unterbrochen wird p, übergehe ich, um nur noch auf eines aufmerksam zu machen, wodurch wenigstens die Lust nach G˖[öttingen] zu gehen nicht vermehrt wird, das gespannte Verhältniß der Professoren zu den Studenten. Aus allen diesen Gründen, glaube ich, kann man sich den Verfall Göttingens ohne Mühe erklären. Selbst die Einrichtung der Bibliothek ist nicht die angemessenste und steht sogar der unserer Universitätsbibliothek nach. Sie zu benutzen ist von primo mane bis in die Nacht mein einziges Geschäft; nur Schade, daß man so viele Bücher wegen der Menge der Leser nicht erhalten kann. Ihr eigentlicher Werth scheint ihrem Rufe gleich zu kommen. In dem schönen historischen Sale sah ich zum ersten Male eine Büste Johannes von Müller’s. Kein Wunder, daß der Mann mit dem weichen, lieblichen Gesichte von der eisernen Zeit, die seine Ideale zerbrach, so viel gelitten hat. Meine Empfehlungsbriefe habe ich noch nicht abgegeben; ich kargte so sehr mit der Zeit. Collegien höre ich in diesem Semester nicht. Ich habe wirklich für mich keine »ausgezeichneten Lehrer« gefunden.
Gegenwärtig beschäftige ich mich mit dem Studium des Alterthums. Ich habe schon manchen trefflichen Fund auf der Bibliothek gemacht. Auch bringe ich meine Materialien in Ordnung, arbeite manches aus und suche, mich in dem historischen Studium zu erstärken. Nach dem gedenke ich an die Ausführung eines höheren Planes zu schreiten. Ich hatte einmal Gelegenheit, mit Ihnen über meine Liebe zur Kirchengeschichte zu sprechen. Diese hat mich auch noch nicht verlassen. Allein ich gedachte, wie nothwendig es sey, bey diesem weiten, oft höchst abstrusen Felde meine Thätigkeit auf die Hauptsache hinzulenken. Da nun das Papstthum und die Reformation die beyden denkwürdigsten und großartigsten Erscheinungen sind und es endlich scheint, es wolle sich das von Luther ans Licht gebrachte Werk zu einem glüklichen, im Lichte der Philosophie verklärten Ende gestalten; weil ferner die beyden berührten Materien so sehr von Parteysucht entstellt sind, daß aus den bisherigen Bearbeitungen das Göttliche in ihnen fast nicht zu erkennen ist, die Menschheit aber, wie ich glaube, nicht eher zur Ruhe kommen kann, als bis hierin Wahrheit und Ruhe geworden ist, so bin ich gesonnen, das Wesen jener beyden Facten zu erforschen und in der Hauptsache darzustellen. Ich bin jung und werde die Forschung von ein Paar Decennien nicht scheuen. Wohin man mit der politischen Geschichte allein kömmt, sieht man an der Gegenwart, an deren Verwirrung die Historiker keinen geringen Theil haben. Ich vermag es nicht, meine Freude auszudrüken, wenn ich die hohe Bedeutung des Papstthums bey dem Untergang der alten Welt, dem Aufkeimen einer neuen, darstellen könnte; wenn ich daneben das zarte Gewebe aufspüren könnte, das sich in der Geschichte der Hierarchie hinzieht, so oft es ans Licht tritt, grausam verfolgt wird, endlich aber durch Luther sich eine bleibende Stellung in der Menschheit erringt. Ich verhehle mir die ungeheuren Schwierigkeiten eines solchen Werkes gar nicht; aber auch nicht das Lohnende desselben. Wie herrlich den Völkern den Weg zu bezeichnen, der die Vorsehung sie nehmen ließ! in die Geschichte höheren Sinn und Bedeutung zu bringen, aufmerksam zu machen auf den einzigen Weg des Heils, der Unterwerfung unter die Gottheit, der Anschließung an Gott. Aber auch andere Zweke möchte ich dabey erreichen. Wie herrlich mir selbst, den Weg zu wandeln, den Sie zuerst in seiner ganzen Erhabenheit bezeichnet haben! Bin ich nicht dabey so glüklich, Ihnen nachzufolgen, nicht wie ein Schüler, der in verba magistri schwört, sondern mit der ganzen, freyen, historischen Forschung! Was kann mir aber erwünschter seyn, als in der Wissenschaft, die ich betreibe, zu demselben Ziele zu steuern, wie der Mann, den ich, wie keinen, liebe und verehre? Wird nicht Ihr Beispiel mir bey allen Mühseligkeiten ermunternd zur Seite stehen? Kann ich nicht so am Besten den Dank abstatten, zu dem ich Ihnen für mein ganzes Leben verpflichtet bin?
Daß ich aber bey solchen Plänen jetzt noch einige Monate unausgesetzt alte Geschichte studire, wird mir, wie ich weiß, von Ihnen am wenigsten verübelt werden, weil ich ohne die genaueste Kenntniß des Heidenthums, nicht in das Wesen des Christenthums eindringen könnte. Mit dem kommenden , wenn
Ihre Gesundheit wird hoffentlich in dem besten Zustande seyn. Seyen Sie überzeugt, daß ich in allem, was Sie betrifft, den innigsten Antheil nehme. Ihrer Frau Gemahlin bitte ich mich gehorsamst zu empfehlen. Darf ich Sie bitten, mich auch Herrn von Roth und Hofrath Thiersch zu empfehlen?
Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu verbleiben
Ihr
ergebenster.
Constantin Höfler
Göttingen am .