Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Unsre l. Schwester

Liebste Schwester!

Es ist unverantwortlich, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich will die Litaney gewöhnlicher Entschuldigungen nicht wiederholen, Du kannst leicht denken, daß es mir an solchen nicht fehlen würde. Mich freut herzlich, daß es Dir im ganzen so gut geht und daß bey der herrschenden Krankheit Dein Haus verschont worden. Du fragst mich in Deinem letzten Brief (der mir in’s Haus geschickt wurde, ohne daß ich den Überbringer gesehen hätte) um Rath wegen Deines Adolphs. Ich glaube allerdings, es würde besser seyn, wenn er unter männliche Aufsicht und in Umgebungen käme, wo er mehr zum Lernen angesport würde. Nur weiß ich nicht, ob es grade gut wäre, ihn in dieselbe Kost und Aufsicht zu geben, in welche sich der Max Breyer befindet, es müßten denn noch mehrere Knaben dort seyn. Es fragt sich auch, was Du mit ihm zu machen gedenkst, ob er studieren soll und was? Dieß hast Du mir nicht geschrieben. –

Für Deine herrlichen Trauben habe ich Dir bis jetzt nicht gedankt, hättest Du sehen können, wie sie besonders meinen Kinderchen schmeckten, Du würdest Deine Herzensfreude daran gehabt haben. Du bist glücklich mit Deinen Kindern, da Du die Wahl hast zwischen mehreren Schulen. Wie froh wäre ich, eine Anstalt wie die Stuttgarter ür sie zu haben, zum Fleiß und Lernen wollte ich sie schon anhalten, besonders da der älteste großen Eifer zeigt. Aber die öffentlichen Schulen sind hier so schlecht, daß aber mehrere protestantische Familien sich vereinigt haben, eine eigne lateinische Schule für ihre Söhne anzulegen, wozu man einen Wirtemberger kommen lassen will. Diese Sorge wegen des Unterrichts meiner Kinder war in der letzten Zeit der einzige Grund, der mich eine Veränderung meiner Lage wünschen ließ.

Nun, liebste Schwester, empfange nochmals herzlichen Dank von mir und meiner Frau für Deine schönen Trauben und für Dein liebevolles Andenken an uns. Erhalte uns dieß und lebe mit Deinen lieben Kindern glücklich und froh. Grüße sie schönstens von uns, wenn auch keines derselben sich unsrer erinnert. Ich bin mit zärtlichster Liebe
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]

Fr.

N.S.

Darf ich Dich bitten, den beygeschloßnen Brief zu besorgen? Da ich nicht weiß, ob die Frau noch in Kirchheim ist oder wo sie sonst lebt, so bitte ich Dich dieß in der Addresse zu ergänzen.