Für
Karl.
Liebster Bruder!
Nicht nur ich selbst habe so lange unterlassen, Dir zu schreiben, sondern auch den anliegenden Brief der Clärchen, den ich nicht ohne ihn mit einigen Zeilen zu begleiten wollte abgeh’n lassen, habe ich zurückgehalten – Zwar nicht so lange als man aus dem Datum ihres Briefs schließen könnte, denn ich bin gewiß daß sie den Brief nicht an demselben Tag angefangen und geendet hat – aber doch lang genug – entschuldige also wenigstens das gute Kind, das wenigstens nicht bis heute gezögert hat, der lieben Tante und Dir den gebührenden Dank zu erstatten für den liebevollen Brief, das gütige Andenken und das schöne Geschenk; was mich betrifft, so will ich mich nicht versuchen zu entschuldigen, es ist doch immer nur das alte Lied, inzwischen ist es doch wahr, der Augenblicke, in denen ich nach Herzenswunsch einen Brief schreiben könnte, sind mir nicht viele beschieden; wenn Du aber nur einmal meiner, durch Bruder August zuletzt wider, dringend erneuerten Bitte Gehör geben und auf einige Wochen zu uns kommen wolltest, das wäre besser, als 365 Briefe im Jahr und würde Dir, ich bin es gewiß, zur größten Erholung und Wiedererquickung nach langer Arbeit gereichen. München bietet jetzt ungemein vieles dar, was Dich gerade in hohem Maß anziehn würde; es ist ganz anders als vor jetzt schon so langer Zeit, wo Du wenigstens einige Tage Dir hier zu gefallen schienst; von unsern Gegenden im Gebirg hast Du nun vollends so gut als gar nichts gesehen, Laß Dir aber durch Bruder August nur von Einer erzählen, der am Starnberger See, den Du nur gesehen, ehe Grün die Ufer belebte, und laß’ nun doch wenigstens im nächsten Jahr die schöne Sommerzeit nicht wieder vorbeygehn, ohne uns zu besuchen, oder entschließe Dich auch in diesem Spätjahr dazu, laß Dir einmal einen October in München gefallen, auch da hat die Stadt viel unterhaltendes und die entferntere Gegend noch immer viel Reizendes. Gegen Ende Augusts werde ich auch frey, und werde den September unstreitig zu einem Ausflug benutzen, wenn nicht nach Carlsbad, so entweder an den Rhein, wo ich Stuttg˖[art] ebenfalls berühren würde, oder nach Venedig, dem wir so viel näher sind, als Du; vielleicht entschlössest Du Dich, die eine oder andre Reise mit zu machen – laß’ es mich bald wissen, im Hin- oder Rückweg nach Italien könnte man auch wohl Salzburg mitnehmen. Das wäre einmal eine Reise, die Dir auf lange wohlthun sollte. Wir haben uns der Nachrichten von Deinen lieben Kindern, die uns die liebe Tante durch Clärchen geben wollte, herzlichst erfreut. Auch diese könnten ja mitreisen, nach München hoffe ich würden sie ohnedieß mitkommen, und anstatt weiter zu reisen blieben wir dann hier, wo sie mit meinen Kindern gewiß ein vergnügliches Leben führen sollten. Clärchen würdest Du recht gewachsen finden, ihre Gesundheit scheint jetzt, kleine und seltene Anstöße abgerechnet recht gut, und sie ist besonders mit einem herrlichen Appetit gesegnet. Von Paul lauten doch in diesem 1/2Jahr die Nachrichten etwas besser, die Zeit kommt immer näher, wo ich wegen seiner einen Entschluß fassen muß, der in jedem Fall nicht ohne Sorgen gefaßt werden kann; mit Fritz scheint es gut zu gehn. – Bruder August grüße auf’s herzlichste von mir, entschuldige daß ich ihm seitdem noch nicht wieder geschrieben, und sag’ ihm daß ich und meine Frau ihn im nächsten Jahr mit Gewißheit wiedererwarten.
Gott erhalte Dich gesund mit allen den Deinigen! Lebe recht wohl und verzeih’ die große, sichtbare Eile dieses Briefs!
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]
Fr.