Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn

OberMedicinalRath

Dr. Schelling

in

Stuttgardt.

G[an]z frey.

Liebster Bruder!

Ob ich schon nicht weiß, wer von uns beyden dem andern zuletzt geschrieben, will ich doch nicht unterlassen, Dir einmal wieder Nachricht von uns zu geben und Dich ebenso um Nachricht von Dir und den lieben Deinigen zu bitten. Im Lauf dieses hat sich der Scharlachfriesel bey uns eingestellt, von dem die beyden kleinen Kinder eins nach dem andern befallen wurden, Clärchen entging demselben, ob sie gleich von den kranken Geschwistern nicht abgesondert wurde; das Übel war sehr leicht und ging ohne bedenkliche Zufälle vorüber. Clärchen wächst sehr, und gedeiht nach Länge und Breite; nur eben jetzt leidet sie wieder an Halsweh, was seit Jahr und Tag sie verschont hatte.

Du kannst Dir leicht denken, daß auch hier die Besorgniß wegen der von der Donau sich nähernden Cholera nicht gering ist. Ich meyne zwar, daß die hohe Lage und die gesunde Luft von München dem Übel etwas von seiner Gewalt benehmen werden, indeß sind die Anstalten, welche man dagegen zu treffen beabsichtet, beynah schlimmer als die Krankheit selbst. Jedenfalls sehen wir eben keinem besonders vergnüglichen oder entgegen. Große Besorgniß erregt mir der Gedanke, daß dieses Übel sich auch nach Wirtemberg fortpflanze, wo Epidemien aller Art so leicht verheerend wirken, zumal in Stuttgardt. Hast Du vielleicht über die Natur und die Heilung der Krankheit Dir schon eine eigne Ansicht gebildet? Weißt Du auch uns für den Fall der fast unzweifelhaften Ankunft des Übels irgend einen guten Rath zu geben? Ich gestehe, daß ich von innern Mitteln bis jetzt immer noch wenig erwarte, und nächst der Hülfe Gottes mir fast bloß von äußern Mitteln etwas verspreche. Es gibt schon Leute bey uns, die ihr Testament machen. Auch ich denke daran – zwar nicht um über mein Haab und Gut zu verfügen, dessen es nicht bedarf, aber um soviel von meinen wissenschaftlichen Schätzen als möglich noch in Sicherheit zu bringen, daß sie nicht mit mir verloren gehen, und da ich bey dem beständigen Anlauf in München dazu nicht kommen kann, gedenke ich für mich irgendwo an einen einsamen Ort hinzusetzen, um so angestrengt als möglich zu arbeiten. Meine Familie bleibt in München; willst Du mir in dieser Zeit schreiben, so werden Deine Briefe mich finden. Nun habe ich Dir von uns betreffenden Dingen hinlänglich geschrieben. Laß mich jetzt noch unsre herzlichste Theilnahme ausdrücken an der großen Freude, die Dir Dein kleinstes und jüngstes Töchterchen bereitet! Es muß ja nach allem was wir von ihr hören ein wahres Wunderkind seyn. Wollte es sich doch fügen, daß wir Dich, die liebe Schwägerin und Deine sämmtlichen lieben Kinder auch einmal wieder sähen!

Grüße wenigstens auf’s herzlichste Deine liebe Frau, und küsse die lieben Kinder in unsrem Namen. Clara küßt dem lieben Onkel und der lieben Tante zärtlichst die Hände. Allen theuren und verehrten Verwandten unsre ehrerbietigsten Empfehlungen.
Lebe recht wohl.
Dein
treuer Bruder

Fr.