Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochzuverehrender Herr Geheime Rath!

Als ich am Ende des vorigen Winterhalbjahres die Ehre hatte, Sie zu sprechen, bewiesen Sie ihre Gewogenheit und ich darf sagen Zuneigung zu mir in dem Versprechen, mir, wenn ich gesonnen wäre, des Studiums der Theologie wegen nach Berlin zu gehen, ein Empfehlungsschreiben an Neander mitzugeben; da ich nun trotz meiner ärmlichen und wahrhaft drückenden Verhältniße, welche, wenn nicht Gott mir hilft, nothwendig meinem Vorhaben, zu promoviren und später auf irgendeiner Universität Vorlesungen zu halten, hinderlich sein werden, demjenigen Studium, wozu ich mich innerlich berufen fühle, nämlich der Philosophie mich ausschliesend hinzugeben entschloßen bin und ich daher nicht nach Berlin gehen, sondern für jezt zu Hauße in Bayreuth bleiben werde, so habe ich die Kühnheit, Ihre gütige Gesinnung gegen mich in einer anderen Angelegenheit in Anspruch zu nehmen, welche Angelegenheit sich auf mein äußeres Auftreten in der philosophischen Welt beziehet und vielleicht auf die Realisirung meines gesammten Lebenszweckes großen Einfluß haben kann. Gewiß werden Sie, der sie gewiß in ihrer Jugend ebenfalls durch viele Entwicklungsperioden hindurchgegangen sind, das Wahre und Gute, was sich im beiliegenden Manuscripte befindet, das jugendliche Bestreben, welches sich zum Höchsten aufzuschwingen und durch Zusammenfaßung der zuerst getrennten Gedanken (da diese 30 Bogen starke Schrift aus 150 zuerst von mir in München und Erlangen beschriebenen Bogen zusammengefloßen ist) sich mehr seiner Kraft, als durch Schönheit der Darstellung seiner Gediegenheit bewußt zu werden suchet, das Abbild des in ihrer Philosophie waltenden, Geist und Gemüth, Denken und Fühlen einigenden Geistes in meiner Jugendarbeit nicht verkennen und daher meinem Vorhaben, dieß Manuscript in Druck zu geben, ihren Einfluß nicht entziehen; Sie werden gewiß dem Bestreben, für die christliche Philosophie, welche Sie im Ganzen darlegten und aus ihrer tiefsten Quelle ableiteten, einen kleinen Beitrag zu liefern, behülflich sein, indem Sie meiner Verlegenheit, in die ich bei Aufsuchung eines Verlegers nothwendig komme, abzuhelfen die Gewogenheit haben und der inneren Fortbildung meiner Ideen, die ich Ihnen zu danken habe, noch eine äußere Unterstützung in der Beihülfe zum äußeren Auftreten beigesellen, zumal da Sie selbst in der lezten Vorlesung, die ich bei Ihnen gehört habe, uns zu selbstständigen philosophischen Arbeiten aufforderten.

Wie erfreulich wäre es mir, wenn ich einst unter ihrer Leitung, welche gewiß dem selbstständigen Forschen keinen Abbruch thut, mich der Ausbreitung der echten Philosophie zu widmen und dem Hegelschen Formalwesen, welches Alles und Nichts beweiset und sich in leeren Begriffsbestimmungen dem klaren Denken, in einer Kraftlosen Hektik dem inneren Gefühle und der intellektuellen Anschauung entziehet, Einhalt zu thun vermöchte und wenn Ihr Schüler es dahin bringen könnte, an Ihrer Seite zum Lehrer zu werden!

Voll von der Hoffnung, daß mein Inneres in der Ahnung und dem Glauben, bei der Herausgabe meiner Schrift Ihres Einflusses zu genießen, sich nicht täuschet, verharre ich
Euer Hochwohlgebohren Ergebenster

Friedrich Riedel
Studiosus philosophiae