Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Als ich, hochgeehrtester Herr Geh[eim]Rath, auf meiner Durchreise nach Italien im Jahr , Ihnen Grüße von Ihrem Jugendfreunde und Studiengenossen, von Prof. Hegel, brachte, glaubte ich nicht, daß ich sobald Veranlassung haben würde, mich mit einer Bitte an Sie zu wenden, welche den Abgeschiedenen betrifft.

Der Gesamtausgabe seiner Werke, soll eine Biographie vorgesetzt werden, zu deren Ausarbeitung ich mich erboten habe. Wenn nun in solcher Biographie eine Darstellung des Einflusses Ihrer Philosophie auf Hegels System nicht am Orte seyn würde, da dergleichen vielmehr in dem Pantheon der Geschichte der Philosophie seine würdigste Stelle finden wird, so dürfte doch in einer Lebensbeschreibung Ihr Zusammenseyn mit Hegel in Tübingen und Jena als die interessantesten und bedeutendsten Lebensmomente nicht fehlen. Hegel sprach über dies Zusammenleben immer mit froher und dankbarer Erinnerung, wie überhaupt in seinem Gemüthe niemals irgend eine gekränkte oder wohl gar feindselige Stimmung Raum gewann. Der Name Schelling war in den Vorlesungen über Geschichte der Philosophie die gefeierte Krone, die er dem ganzen Gebäude der Wissenschaft aufsetzte und uns, denen die Differenz dieser beiden großen Geister in späterer Zeit, weh thun mußte, war es eine recht tröstliche Nachricht, als wir von Ihrer freundschaftlichen Begegnung mit Hegel in Carlsbad hörten, worüber mir Hegel selbst nach Italien schrieb da er, bei meiner Verehrung für Sie wohl wußte, daß er mir keine frohere Nachricht geben konnte, als daß er mit Ihnen, wie er , fünf oder sechs Tage »in alter cordialer Weise« verlebt habe.

Meine ergebenste Bitte geht nun dahin, daß Sie, verehrtester Herr Geh[eim]Rath, die Gefälligkeit hätten, mir Date und Notizen über Hegels Zusammenseyn mit Ihnen in Tübingen und Jena, vielleicht einen Nachweis über seine damaligen Studien, über sein Auftreten in Jena, über die Veranlassung zur Herausgabe des Journals und im Fall Briefe von ihm in Ihren Händen wären, auch diese abschriftlich mitzutheilen. Nur durch gemeinschaftliches Zusammenwirken mehrerer Freunde wird es möglich werden, dieses Leben nach seinem äußerlichen Verlaufe, wieder als ein Ganzes herzustellen; was den inneren Verlauf, die Wissenschaft, den Geist betrifft, so sind Sie freilich allein der Herkules, der den Freund Pirithous aus dem Reiche der Schatten zurückführen kann.

Nach dem Tode des Socrates schrieb Xenophon an einige Freunde:

»Δοκεῖ μέντοι χρῆναι ἡμᾶς συγγράφειν ἅ ποτε εἶπεν ἁνὴρ καὶ ἔπῤαξεν. Kαὶ αὑτη ἀπολογία γένοιτ’ ̓ἂν αὐτοῦ βελτίστη εἰς τὸ νῦν τε, καὶ εἰς τὸ ἔπειτα, οὐκ εν δικαστηρίω ἀγωνιζωμένων ἡμῶν, ἀλλ’ ̓εἰς ἅπαντα τὸν βίον παρατιθέντων τὴν ἀρετὴν τοῦ ἀνδρός. Kαὶ φῆμι δη ἀδικήσειν τὴν κοινὴν ἑταιρείαν καί, ὡς ἐκεῖνος ἔλεγε, τὴν ἀλήθειαν, εἰ μὴ ἄσμενοι γράψαιμεν.

Lassen Sie, verehrtester Herr Geh[eim]Rath, mich gefälligst durch meinen Bruder wissen, ob wir auf die Erfüllung unserer Bitte uns einige Hoffnung machen dürfen.

Mit vollkommenster Hochachtung
Ew. Hochwohlgebohren
ergebenster

Dr. Fr. Förster
K˖[öniglicher] Hofrath.
Address˖[e]
Schloßfreiheit No. 3.