München .
Nur der Drang von Arbeiten, dem ich in der letzten Zeit unterworfen war, hat mich abhalten können, Ihnen, Verehrter Freund, früher wieder zu schreiben. Ich danke Ihnen, daß Sie auf einen vielleicht nicht in der besten Stimmung abgefaßten Brief so freundlich und christlich geantwortet haben. Wären Ihnen die Erfahrungen bekannt, welche ich über Mißbrauch von mir nachgeschriebnen Heften in früherer Zeit und auch neuerdings wieder zu machen hatte; Sie würden gewiß noch geneigter seyn, als es Ihre Gesinnung ohnedieß mit sich bringt, mir einige Übertreibung in meinen Äußerungen nachzusehen. Übrigens, so gerecht auch immer diese Art von Sorgfalt ist, die ein Gelehrter für seine Ideen hegt, mit welchen er allein auf das Dic cur hic antworten kann, ist mein Eifer in dem gegenwärtigen Fall doch bey weitem weniger ein persönlicher als ein auf die Sache sich beziehender. Nach so vielen gegebnen oder genommnen und durch langes Schweigen von der einen und Wiederholung von der andren Seiten beglaubigten Mißverständnissen, ist es in einer Sache, wo die leiseste Verrückung der Begriffe von nicht zu berechnendem Nachtheil ist, allerdings wichtig, daß die Sache nicht bloß überhaupt, sondern daß sie in der angemessensten und einleuchtendsten Form vor die Welt, ja wo möglich an jeden Einzelnen gebracht werde. Dazu sind aber nachgeschriebne Collegienhefte ein sehr schlechtes Mittel. Nur, weil ich so großen Werth lege auf Ihr Urtheil und auf Ihre beystimmende Einsicht, war es mir so sehr unangenehm, in Ihren Händen ein Heft zu wissen, von dem ich Grund habe zu glauben, daß es sehr mangelhaft und incorrect sey; abgerechnet, daß man im mündlichen Vortrag denn doch nicht alles und nicht alles so sagt, was und wie man es gegenüber von Männern sagen würde und daß derjenige den reinen Eindruck einer Arbeit sich selbst verdirbt, der sie zuerst aus einem unvollkommnen Entwurf kennen lernt. Bedienen Sie sich indeß, Verehrter Freund, der Handschrift, soweit Sie es selbst gut finden – denn daß sie nicht aus Ihren Händen in andre übergeht und ebenso wenig auch der Inhalt durch briefliche oder mündliche Mittheilungen sich weiter verbreitet, bin ich nach Ihren Versicherungen völlig überzeugt. Wenn ich das Gegentheil besorgte, so war grade die Unbefangenheit, die ich auf Ihrer Seite dabey wahrnahm, der einzige Grund dieser Besorgniß.
Sie haben bey mir mehrmals des jungen Voigt mit Interesse erwähnt. Ich höre, daß er ganz in den Händen der Hegelianer ist. Ich glaube zwar nicht, wie Sie ihn mir beschrieben, daß er sich irre machen läßt, aber diese Nichtswisser werden ihm seine Gedanken ablocken, und in ihr an sich inhaltsloses Gewebe auf ihre bekannte Weise zu verfilzen suchen. Dieß gibt dann nur neue Mißverständnisse und macht die Wahrheit aufzudecken schwerer. Warnen Sie ihn doch, allein ohne mich zu nennen, denn ich will über diesen Punct nur öffentlich mich erklären.
Gott gebe Ihnen Gesundheit und Stärke; wir alle auch meine Frau empfiehlt sich Ihnen herzlichst. Entschuldigen Sie die fast unverzeihliche Flüchtigkeit der hingeeilten Zeilen. Hätte ich auf einen ruhigeren Augenblick gewartet, wer weiß wie lang’ ich die Antwort noch hätte aufschieben müssen.
Mit aufrichtigster Ergebenheit
Der Ihrige
Schg