Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Höchstverehrter Herr und Freund!

Nur sehr spät und zufällig gelangen die fliegenden Blätter unsrer Literatur in meine Hände; denken Sie sich meine Überraschung, als ich im Morgenblatt das ausnehmend schöne Sonett fand, mit welchem Sie Ihre Dichtung zu Goethe’s Gedächtniß mir zugeeignet. So höchst ehrenvoll für mich diese Zueignung ist, so tief auch in dieser Hinsicht mein Dank; so war dieß doch nicht die Hauptursache meiner Freude; innerlichst wohlgethan aber hat mir zu sehen, daß Sie als Freund mich anredeten, und daß meine herzliche Ergebenheit und Ihnen stets anhänglich gebliebne Gesinnung Ihnen nicht zweifelhaft sey.

Und so, da ich in solchem Sinn an Sie schreiben darf, erlauben Sie auch, über Einiges mein Herz gegen Sie auszuschütten. Ich sollte nun, nachdem ich fünf Jahre hindurch meine Gedanken die Probe des öffentlichen Vortrags habe bestehen lassen, nachdem ich ebendadurch derselben in jedem Sinn mächtig und bis zum letzten Ziel sicher geworden bin – ich sollte jetzt die Feder ergreifen, sie für die Welt niederzuschreiben. Statt dessen verliere ich kostbare Stunden und Tage durch neue Erörterungen über Schul- und Universitäts-Angelegenheiten, die um so niederschlagender, als ich mir kein Heil davon versprechen kann.

So viel sich aus den Äußerungen des Herrn Ministers abnehmen ließ, haben die beabsichtigten neuen Einrichtungen ihren Grund in der Überzeugung Seiner Majestät, daß der schlechte Geist eines Theils der Studierenden von der Vernachläßigung der allgemeinen Wissenschaften herkomme. Diese Überzeugung des Königs ist ganz gegründet; aber der Fehler liegt nicht in den Einrichtungen der Universität sondern allein an denen der Gymnasien, wo, während 3 oder 4 der entscheidenden Jahre unsre jungen Leute nur höchst ungenügend (in der Regel bloß mit viertäglichen Unterrichtsstunden) beschäftiget, an Müßiggang, Schlaffheit und Verdrossenheit, wie methodisch gewöhnt werden. Diese Masse gedankenloser, jeder Anstrengung unfähiger weil an keine gewöhnter Studenten kann auf den Universitäten nicht mehr gebessert werden, was man auch vorkehre. Dort – in den der Universität vorausgehenden Studien sollte geholfen werden.

Geschähe es, daß durch neue Einrichtungen die Universität einen Charakter erhielte, bey welchem ich mir gestehen müßte, nicht mehr mit Nutzen und Erfolg wirken zu können: so hoffe ich, edler Freund, wie ich durch Ihre Vermittlung nach so langem Zwischenraum zum Lehramt wieder berufen worden, durch Sie und Ihre Fürsprache auch desselben wieder zu rechter Zeit entbunden zu werden!

Noch immer geben wir die Hoffnung nicht auf, das wichtige und für das königliche Haus so glorreiche Ereigniß, das jetzt ganz Bayern in Bewegung setzt (zumal sich der hiesige Aufenthalt Königs Otto noch zu verlängern scheint) könnte auch Sie noch, wenigstens auf einige Tage hieher führen.

Die schönste und würdigste Feyer desselben wäre unstreitig ein Festspiel von Ihnen gedichtet! Welcher Stoff, den hier, bey so manchen auch ernsten Seiten, eine große Vergangenheit, eine bedeutende Gegenwart, und eine ahndungsvolle Zukunft Ihrem dichterischen Geiste darböten!

Erhalten Sie mir Ihre Freundschaft, auf die ich einen so hohen Werth lege, und bleiben Sie überzeugt, daß ich mit Geist und Herz Ihnen stets ein treuergebner Diener, Freund und Verehrer seyn werde.

Schelling.

N.S.

Unsre verehrungsvollsten Empfehlungen an die Frau Präsidentin, welche zu unsrem lebhaften Bedauern so unerwartet schnell nach Regensburg zurückeilte.