Sr. Hochwohlgebohrn
Herrn Geh˖[eim]Rath
Freyherrn von Cotta
Verehrtester Freund!
Schon mehrmals hat mir Vogel angelegen, wegen seines chemischen Lehrbuchs an Sie zu schreiben; ich mußte es immer verschieben, weil ich schlechterdings keine Zeit dazu finden konnte, weßhalb ich Sie auch bitte, in einer etwaigen (ostensibeln) Antwort das Datum meines Briefs nicht zu erwähnen, indem er, seinem etwas mißtrauischen Charakter gemäß, für Mangel an gutem Willen halten würde, was wirklich nur Zeitmangel war. Er beklagte sich besonders darüber, daß Sie den Druck des 2ten Theils sistirt haben; sagte er mir jedoch, er habe den zweyten Bogen zur Revision erhalten. Demgemäß scheinen Sie den Wiederanfang des Drucks inzwischen verfügt zu haben. Ich würde mir auch in der That die Freyheit genommen haben, Ihnen dieß zu rathen, indem sich der 1ste Theil, so lange der 2te fehlt, gewiß weniger verkauft. Besonders würde seine in diesem sehr zahlreiche Zuhörerschaft, unter der sich viele Ausländer befinden, die nach einem Halbjahr, besonders wenn die Cholera inzwischen bey uns eintreffen sollte, die Universität vielleicht wieder verlassen, jetzt das Buch eher kaufen, wenn es ein Ganzes wäre; auf keinen Fall dürfen Sie mit Sicherheit darauf rechnen, daß die, welche jetzt den ersten Theil gekauft haben, alsdann zu oder noch später auch den zweyten Theil nehmen werden. Es scheint mir daher immer vortheilhafter für Sie, daß, wie es mit der Sache auch sonst aussehe, der 2te Theil so bald als möglich auf den ersten folge. Zur Ausgleichung der übrigen Differenzen habe ich ihn sehr bereitwillig gefunden. Er erklärte von freyen Stücken, daß er sich wegen des Honorars gern auf einen spätern Zeitpunct einlassen wollte, wenn er nur deßfalls vollkommne Versicherung erhielte. Ich glaube, er wird jeden Vorschlag, den Sie ihm in dieser Hinsicht etwa durch mich wollten machen lassen, gern annehmen. Denn übrigens glaube ich der Freundschaft gemäß, Ihnen zu rathen, daß Sie über diesen Punct sich mit ihm verständigen. Er behauptet, einen vollkommen bündigen, schriftlichen Contract mit Ihnen geschlossen zu haben, und es sind andre Leute, unter a˖[ndern] auch ein Advocat hinter ihm her, die ihm zureden, gegen Sie klagweise zu verfahren, wogegen doch er für seine Person eine große Abneigung zu haben scheint. Es würde mich freuen wenn Sie mir deßhalb Aufträge geben wollten; ich würde mich bemühen, sie in Ihrem Sinn auf’s möglich Beste auszuführen.
Daß wir diesen Winter recht oft an Sie denken, bedarf wohl keiner Versicherung, da schon die angenehme und treffliche Wohnung, die wir Ihnen verdanken eine beständige Erinnerung ist. Doch, wie der Mensch ungenügsam, ist es mir und meiner Frau oft schmerzlich die gegenüber liegenden Fenster verschlossen zu sehen, und nicht mehr so liebe Freunde hinter ihnen zu wissen. Im Übrigen scheint es mir ungemein still hier zuzugehen; das gewöhnliche Leben wird nicht eher ganz wieder anfangen, als bis die große Spannung des langen Landtags vollends nachgelassen hat, und die Veränderungen, welche er in den obern Regionen nach sich zieht, völlig entschieden seyn werden. Diese (so scheint es jetzt) werden übrigens nicht so bedeutend seyn und sich nicht so weit erstrecken, als man anfangs geglaubt hatte.
Unter unsern herzlichsten Empfehlungen an Sie und meine liebenswürdigste Frau Landsmännin, (sie weiß schon, wieviel ich mir auf diese Landsmannschaft zu gut thue und einbilde)
Ihr
treu erg[e]b[en]ster
Schelling
N.S. Dürfte ich bitten, Anliegendes gefällig an meinen Bruder zu befördern?