Hochverehrtester
Ihr Schreiben vom , das ich Nacht, zurückkommend von einer 8tägigen Ferien-Reise antraf, sogleich zu beantworten, benütze ich gleich die ersten Morgenstunden und die erste Post.
Schwer fiel mir auf das Herz, daß Sie Ihren lieben Friz »weniger geistreich, als selbst wie er die Nürt[in]g[e]r Schule verließ, abgestumpft und ohne eigentliches Interesse an Kenntnissen
« finden.
So erschien er mir nicht. Ich möchte bitten, nachzusehen, ob er nicht vielmehr durch Mißvergnügen über das Nichtgenügeleisten verstimmt sei. Zugleich aber bedaure ich längst in der Stille (habe aber die O[ber]behörde in Stuttg˖[art] mehrmals darauf aufmerksam gemacht), daß der eine der hies˖[igen]
Möchten Sie, und je bälder je lieber, auf einer Reise nach W[ü]rt[em]b[er]g mehrere Tage hier (etwa auch in Urach, Maulbronn, Schönth[a]l) verweilen, Alles einsehen, Prüfungen und Lectionen anhören, die Lehrer und Zöglinge sprechen, auch die Art des Obwaltens und Einwirkens der O[ber]behörde durchschauen. Sie würden Mängel genug finden, – es mit Recht einen Mechanismus heissen, daß der Studienrath in der Art, die sein verstorbener Chef angenommen hat, und die noch eine Weile fortleben, doch nicht zu lang dauern wird, fast nur äussere Leistung erforscht und fordert, die innere der Discretion der einzelnen Angestellten oder gar dem Zufall dahin zu geben scheint, nam[en]tlich rechte Methode und bildendes Erziehen theils nicht kennt, th[ei]ls nicht einzuleiten und zu fördern weiß, – wie auch, daß er die Angestellten nicht zu harmonischem Zusammenwirken anhält und ermuntert, vielmehr eine Art von innerem Krieg duldet, ja wie unterhält, daß er denen, die er Vorsteher heißt, und grosse Verantwortung auferlegt, keinen Spielraum läßt, kein Vertrauen zeigt. Aber dennoch würden Sie den jetzigen Stand und die jetzige Wirksamkeit der UnterSeminare das höhere in Tübingen lasse ich ganz unberührt, finde aber dort weit mehr Verkehrtes, das auch auf die U[nter]S[e]m[ina]re verderblich zurück wirkt, nicht mit dem, was zur Zeit unserer Jugend war, vertauschen wollen. Ich einmal, so sehr ich Männer wie Ihren s˖[eligen] Herrn Vater verehre, danke Gott, daß er mich nicht in ein U[nter]S[e]m[inar] kommen ließ. Ich kann an die allermeisten Producte der U[nter]S[e]m[inare in den J˖[ahren] und nur mit Widerwillen, zum Theil mit Eckel denken, während ich die jetzigen zwar meistens auch nicht befriedigend, doch um Vieles besser finde. Es dürfen sich nur einige Ansichten, Grundsätze und Manieren der O[ber]behörde und mehrerer Angestellten ändern, der Sache und dem Zwecke gehörig anpassen; so ist geholfen, – und geholfen in einer Zeit, welche die Jugendbildung, weil verwickelter, auch schwerer macht.
Ich danke ehrebietig für die höchst gütige Bemühung mit Breyer’s Lehrbuch der allg˖[emeinen] Gesch˖[ichte], finde den Preis von 2 f 24 für e˖[in] »completes« Ex[em]pl[a]r (wenns auch nur die 3 Abth[ei]l[un]gen, alte, mittl˖[ere] und neue Geschichte, die Br˖[eyer] selbst geschrieben hat, bis zu Seite 896 der 3ten Abth[ei]l˖[ung], wie ich das Buch besitze) sehr mässig, und wünsche fortan das Buch bei meinen Gesch˖[ichts]Lectionen den Zöglingen in die Hände zu geben, weil diese im Buche doch die Facta finden, und weil ich so des zeitraubenden und oft geisttödtenden Dictirens überhoben bin, um so mehr ihnen durch die vox viva das Geschehene aufzuhellen und interessant zu machen hoffe, – in der kleinen Zeit von 2 wöch[en]tlichen St[un]d[e]n. Damit aber aller Mißverstand über complet und incomplet abgeschnitten werde, sollte mir der Schulbücher-Verlag einstweilen und baldmöglichst Ein Ex[em]pl[a]r voraus schicken, zu einer Art von Probe. Darf ich für jezt darum gehorsamst bitten?
Mit inniger, gröster Verehrung und ohne Curialien
Ihr dankbarst-erg[e]b[en]st[e]r
Reuß
Die besten Grüsse an Friz. – Die Post, das Ihrige sonst postfrei spedirend, hat Ihr Leztes das erstemal zahlbar gemacht, was ich natürlich nur in Beziehung auf Ihr Vorrecht bemerke.