Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Lieber Fritz!

Ich will Dir lieber gleich heute schreiben, da ich eben einen übrigen Augenblick dazu finde. Deine Briefe machen uns immer viel Vergnügen. Dein Gedicht zu der Mutter verdient der Einkleidung oder Erfindung wegen gelobt zu werden; auch die Ausführung ist brav. Dieser Tage fiel mir einmal Isocratis Panegyricus wieder in die Hände und ich las ein Stück darin. – Griechische Redensarten zu lernen ist er freilich sehr nützlich, aber es fehlt seiner künstlichen Composition alles Feuer der Beredtsamkeit. Wird denn unter anderen Autoren nicht auch Demosthenes gelesen? besonders die Oratio de corona? Wenn dies der Fall ist, so rath ich Dir, diese nocturna diurnaque manu so zu tractiren, daß Du sie auswendig lernst.

Denn anstatt Vieles zu lesen ist bei weitem besser, Weniges, dieses aber wiederholt und so lange, bis man es ganz ausgelernt hat, zu lesen. Eine interessante Vergleichung würde in der Folge sein, das was Perikles in dem Ἐπιτάφιος bei Thucydides zum Preis Athens sagt, und die Art, wie er es sagt, mit der Arbeit des sophistischen Isokrates zu vergleichen. Hast Du indes den Isokrates einmal angefangen, so lies ihn auch zu Ende. Denn man muß es sich zur Regel machen, nichts blos anzufangen, sondern alles zu enden, gesetzt auch es sei mit einem gewissen taedio verbunden. Eine Schule kunstreicher (künstlicher) Compositionen bleibt auch der immer, und das ist doch schon viel werth, denn die Hauptsache muß sein, sich an überlegtes stufenweise entwickelndes und darlegendes Denken und Darstellen zu gewöhnen, und vom »aufs Gerathewohl Arbeiten«, wozu die Trägheit unserer Natur inclinirt, sich frühzeitig abzuziehen.

Lebe recht wohl, lieber Fritz. Gott gebe Dir im Gesundheit und die Kraft allen Deinen guten Vorsätzen getreu zu sein, sei überzeugt, daß wir Deiner stets in Liebe gedenken.

Dein
treuer Vater

Schelling.