Lieber Fritz.
Zum ersten Mal in diesem Halbjahr komme ich dazu, Dir zu schreiben. Ich habe aber noch niemals einen in München durchlebt, der für mich so geschäftsvoll wie dieser, gewesen. An Neigung und Wunsch Dir zu schreiben hat es niemals gefehlt; gern hätte ich sogar zuweilen Dich erinnert, daß mir Deine Gedanken zu viel mit Erinnerungen an das väterliche Haus beschäftigt scheinen, da es nun doch einmal Dein Beruf mit sich bringt, vielmehr blos oder doch immer zuerst und hauptsächlich an Deine Studien zu denken.
Wer nach einem großen Ziel strebt, muß sein wie ein Schiff, das vom Stapel laufend die Taue selbst zerreißt, mit denen es ans feste Land gefesselt ist, und einmal im Lauf nach dem vorgesetzten Ziel, seine Vorderseite unverrückt nur nach diesem, nicht aber nach dem Orte, den es verlassen, zurückwendet. Ein andres hieher bezügliches Gleichnis kannst Du im Evangelium Lucae 9, 62 finden. Die mir geschickten Argumentenbücher habe ich gleich durchgesehen, muß aber bekennen, daß mir Deine lateinische Prosa noch immer nicht gefallen will, am wenigsten aber die Verse, die so ganz ohne allen poetischen Schwung sind, daß man nicht begreift, wie Du es anfängst, in deutscher Sprache so viel bessere zu machen, und die noch außerdem Fehler gegen die Prosodie enthalten, dergleichen z.B. sŏlers (wußtest Du denn nicht, daß man auch sollers schreibt?) spātia, dōcet (sprichst Du denn edōcet, dedōcet?) ich wenigstens mir als nürtinger Schüler nicht verziehen hätte. Vielleicht siehst Du dies als Kleinigkeiten und meine Rügen als pedantisch an. Ich muß Dir aber wiederholen, was ich Dir schon mehrmals mündlich geäußert, daß es vor Allem darauf ankommt, sich irgend einer Sache, sei sie nun groß oder klein, vollkommen zu bemächtigen. Das wahre Ziel des Strebens muß sein, irgend etwas, sei es viel oder wenig, ganz fehlerfrei und tadellos leisten zu können. Wer im Kleinen treu ist, der wird es auch im Großen sein; wer im Geringsten sich vernachlässigt, wie will er die nöthige Präcisionfür das Höhere sich erwerben
? Werde nicht etwa unmuthig über diese Bemerkungen, sie kommen aus der besten Gesinnung. Je mehr Du Anlage und Trieb zu Höherem in Dir empfindest, desto rühriger mußt Du Dich um die ersten Voraussetzungen und Bedingungen jedes künftigen Gelingens bemühen. –