Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Seltsam wird Ew. Hochwohlgeboren auf den ersten Anblick die Zusendung beyfolgender Abhandlung über die Homerische Thebais erscheinen. Sollte indessen darin, wie einige Freunde mir zugestehen, Idee, Plan und Gehalt des Gedichts nicht ohne Wahrscheinlichkeit dargestellt und beurtheilt seyn, so zweifle ich nicht, daß der Gegenstand, inmitten der philologisch-kritischen Umzäunung, die er am wenigsten vereinzelt, wie er erscheint, vorerst entbehren konnte, Ew. Hochwohlgeboren ein vorübergehendes Interesse einflössen kann: und es ist mir ein angenehmer Gedanke dazu Anlaß vielleicht zu geben. Ein Griechischer Tempel, ja der Grundriß eines mittelmäßigen Römischen Gebäudes, neu entdeckt oder in seinem Zusammenhang und Verhältnissen aufgeklärt, würde Aufsehn unter den Kunstfreunden aller Länder machen. Die erhabenste Poesie, nach dunklen Ueberbleibseln geschätzt, läßt die philologische Welt gleichgültig und gilt der Neugierde kaum so viel als die winzigsten Bruchstücke grammatischer Gelehrsamkeit, die etwa aus einem Codex rescr˖[iptus] gewonnen werden! Ich weiß das recht wohl, habe darnach zur Bekanntmachung einer Untersuchung, die mich begeistert hat, den ziemlich dunkeln Platz geflissentlich gewählt, und die Erwartung bestätigt gefunden, daß die Frage, ob ein solches Gedicht, so gestaltet, da gewesen sey, oder ob es auf Einbildung beruhe, ob man es für eines der ersten Producte des Hellenischen Genius zu halten befugt sey oder nicht, auf dem Markt und unter dem starken Handwerkslärm der Philologie gänzlich verhallen oder überhört werden könnte. Aber es war zugleich meine Absicht und Hoffnung, daß sie an alle die wenigen, die jetzt oder später für großartige Kunst irgend einer Art und Zeit liebevollen Sinn hegen, ohne an unsere Wortführer des Tages sich zu kehren, gerichtet seyn möge. Ich möchte indessen keineswegs so unbescheiden seyn, Ihnen, Hochverehrter, die Sache aufzudringen: sondern wenn Sie, in die Fülle der Wissenschaften versenkt, für die Schatten der Thebischen Heroen auch keinen Augenblick gerade übrig hätten, so wird die Darbringung der kleinen Probeschrift wenigstens den Zweck erreichen das Andenken meiner alten und innigen Verehrung bey Ihnen zu erneuern.

F. G. Welcker