Innig verehrter Herr und Lehrer,
Sie haben mir in Ihrer wohlwollenden Zuschrift vom die Erlaubniß gegeben, die Art und Weise wie Sie dort den Sinn meiner wissenschaftlichen Bestrebungen aufzufassen und zu bezeichnen würdigten, durch einige Bemerkungen meinerseits zu erwiedern. Ich mache von dieser, mir unschätzbaren Erlaubniß, Gebrauch, indem ich Ihnen folgendes zu geneigter Erwägung vorzutragen mir die Freiheit nehme. Nicht sowohl »zu vermitteln« war meine Absicht; ich habe vielmehr stets vorausgesetzt, daß, wenn das Wahrhaft Neue worauf Sie mich anweisen, dereinst wirklich hervortreten wird, dieß alles Aeltere bezwungen und zu höherer Potenz verklärt in sich tragen, und daher jeden Versuch einer Vermittelung überflüssig machen wird. Niemand wohl kann diesem Neuen mit innigerer Sehnsucht und gespannterer Erwartung entgegensehen als eben ich; Niemand bereiter sein, gegen die Fülle der Einsicht, die er daraus zu schöpfen mit fester Zuversicht hofft, das geringe Maß von Vorahnung des Wahren auszutauschen, das ihm bisher etwa anders woher zu gewinnen vergönnt war. Aber eben diese, so lange unerfüllt bleibende Sehnsucht trieb mich, die kostbaren Jahre der rüstigen Jugendkraft nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, sondern, in Erwartung jenes Neuen, einstweilen zu versuchen, inwieweit es mir gelingen könne, auf dem Grund des mir Gegebenen selbst fortzubauenund wenigstens einige Blicke, von der durch diese geringen Bestrebungen etwa zu Stande gebrachten Worte aus, in das noch unbekannte Land der höhern Wahrheit zu werfen. Das Hegel’sche System, so wenig es den Ansprüchen, die ich, wie wohl Jeder, in dem auch nur die leiseste Ahnung des Höheren lebt, an eine Wissenschaft von diesem Höheren selbst machte, im Geringsten genügen konnte, schien doch einen nicht verwerflichen Wink über die Methode, die man bei dem Werke jenes Baues zu befolgen habe, zu geben. Diesen Wink glaubte ich befolgen zu müssen; eine Zeitlang vielleicht ängstlicher und genauer als billig; jetzt glaube ich auch hierin zu größerer Einheit durchgedrungen zu sein; so daß ich auch das unbedingte Geltenlassen der Hegel’schen Logik als erstes Fundament des Bau’s, welches ich sonst aussprach, jetzt zurücknehmen muß, und selbst eine Bearbeitung der Logik und Metaphysik als formal »a priori’scher Grund« und Anfangswissenschaft des Systemes zu unternehmen Willens bin. Eine Furcht, die mich bei diesem meinem wissenschaftlichen Entwiklungsgange fortwährend quält, ist die durch jene Worte des Faust bezeichnete, »daß unsere Thaten selbst, so gut wie unsere Leiden, in unsers Lebens Gang hemmend eingreifen können
.« Mein dringendster Wusch ist, es zu vermeiden, daß nicht dieses mein, in einem so festen Rhythmus eingefügtes, wissenschaftliches Verfahren mich mehr und mehr in mir selbst abschließe, mich nach und nach unemmpfänglich mache für die Wahrheit, die mir von außen geboten wird; eine Besorgniß, die auf meiner Seele um so schwerer lastet, je schöner und umfassender die Hoffnungen sind, die ich, wie vorhin bemerkt, an das künftig zu Erscheinende knüpfe. Erlauben Sie, hochverehrter Lehrer, an diese Bemerkung eine Bitte zu reihen, deren Erfüllung unmöglich Ihnen beschwerlich fallen kann. Wenn es ein Mittel giebt, von der eben ausgesprochenen Besorgniß mich zu befreien, so wäre es eine gründliche und unbefangene Prüfung meines bisherigen Strebens, von der Seite her, von der ich das Neue vornehmlich erwarte. Würden Sie mich wohl der Unbescheidenheit zeihen, wenn ich Sie in geziemender Ehrerbietung ersuchte, einen Ihrer, in Ihr System so weit dieß bis jetzt möglich ist, hinreichend eingeweihten Schüler zu jener Prüfung aufzufodern, in der Absicht, um mich jetzt, wo es vielleicht noch Zeit ist, von den, etwa von mir begangenen Irrthümern zu belehren? Am geeignetsten dürfte zu einer solchen Prüfung mein »System der Aesthetik« (Leipzig 1830. 2 Th[ei]le) sein; das Positivste was ich bis jetzt gegeben habe; zu dessen Inhalte ich mich auch gegenwärtig noch, obgleich ich in der Form schon vielfache Mängel wahrnehme, ja mit demselben im Ganzen und Allgemeinen unzufrieden bin, durchaus bekenne. Ich würde mich glüklich schätzen, und zu dem Unermeßlichen, was ich Ihnen geistig verdanke, auch noch den besondern Dank, der einem speciellen Verdienste um die Person gebührt, gesellen, wenn Sie mir diesen Wunsch, der zu meinen allerdringendsten und lebhaftesten gehört, erfüllen wollten.
Mit der Bitte um geneigte Vergebung meiner Kühnheit, wenn ich Sie durch dieselbe etwa belästigt haben sollte, und mit der Versicherung der unwandelbarsten, unverbrüchlichsten Verehrung und Dankbarkeit unterzeichne ich mich
Ew. Hochwohlgeboren
ehrfurchtsvoll ergebenen
C.H. Weiße.
Leipzig den .