Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Herrn Geh˖[eimen] Rath von Schelling Hochwoh[lgeboren]

in München.

Mein verehrtester Freund,

Der Brief, den ich Ihnen zurückgelassen, ging von der doppelten Voraussetzung aus, daß der König, mein Verbleiben wünschend, der Meinung sey, es lasse sich mit Dresden auch nach seiner wiederholten Zurückweisung Ihres und des ### Antrages ohne weiteres brechen, und daß seine letzte Erklärung, in Form eines Handbillets gefaßt, als ein solches unmittelbar an Sie gelangt sey. Es schien deshalb nöthig, ihn auf die Unmöglichkeit jenes Verfahrens und die eigentliche Lage der Sache hinzuweisen, und im Fall er sich unmittelbar gegen Sie erklärt hatte, war der Weg in das Cabinet d.h. unmittelbar an ihn zu wenden, der natürliche. Nun ist es zwar noch jetzt meine Meinung, daß es für die Sache, im Fall noch etwas aus ihr werden sollte, ganz unumgänglich wär, ihn darüber aufzuklären; indeß da sein Handbillet, wie ich aus Ihrem Brief abnehme, nicht an Sie, sondern ### an den Minister gerichtet war, so haben Sie vollkommen Recht, jenen Weg nicht einzuschlagen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Diese wird dadurch, im Fall das Decret aus Dresden ankommt, zwar zu einer aufgegebnen, das abschwächt meinen Dank nicht für die vielen Beweise Ihrer freundschaftlichen Theilnahme. Diese von Ihnen empfangen zu haben wiegt allen Verdruß weit auf, den mir der Handel von andrer Seite gemacht hat. Nachdem die Episode mit den Anträgen, durch die natürliche Rücksicht auf meine Wirksamkeit, auf meine Freude und Studien in M˖[ünchen] herbeygeführt, diesen Ausgang genommen hat, stehe ich wieder auf meine ursprünglichen Entschlüsse, nur freyer und klarer über die Sache selbst, weil ich den Rücksichten der Pflicht und Freundschaft genügt habe.

Der Aufenthalt in dieser erhabnen Einsamkeit einer Frühlingsalpenwelt und ihren großartigen Erscheinungen trägt nicht wenig dazu bey, mir alles jenes verworrene Treiben und Begehren, dessen Zeuge ich in M˖[ünchen] seyn mußte, leichter vergessen zu machen und mir Ruhe und innere Freudigkeit zurückzuführen. Die Witterung ist auffallend mild, der Schnee im unteren Thal ganz verschwunden und der Frühling blickt von den Berghängen aus den grünen Matten und Saatfeldern fröhlich hervor, während oben im tiefdunklen und klaren Himmel sich über diese ### Herrlichkeit ausbreitet, und an ganz weißen Berggipfeln rings her getragen, den milden Schein seiner mächtigen Sonne über uns ausstreut. So hoffe ich Sie, mein verehrter und ### Freund, nach einigen Wochen gestärkt und heiter worden zu sehen, während ich indeß mit Heinrich mich wieder fleißig in dem alten Cornelius umsehe, und nicht wenig Wohlgefallen an den schlichten Sprüchen seiner ### finde, die nun wie altbekannte Stimmen aus den fernsten Jugendjahren wiederkommen.

Mit herzlichen Grüßen Ihnen und der Frau Gemahlin und mit treuer Verehrung und Liebe
Ganz der Ihrige

Fr. Thiersch