Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Geehrtester Herr Geheimer Rath!

Schon längst würde ich Ihnen, dem mir theuersten unter meinen Lehrern, von hier aus geschrieben haben, wenn ich nicht über meine künftigen Verhältnisse etwas Gewisses hätte mittheilen wollen. Aber einerseits schiebt sich auch jetzt noch eine bestimmte Entscheidung darüber immer weiter hinaus, anderseits sind die von Ihnen geäußerten Wünsche, etwas von mir selbst zu hören, zu schmeichelhaft und angenehm für mich, als daß ich dieselben nicht möglichst bald erfüllen sollte. – Daß mich nur äußere Verhältnisse, nicht eigener Wunsch, nach Berlin führten, wissen Sie, und es ist auch jetzt meine Meinung nur wenig günstiger gestimmt. Ueber die Aufnahme welche ich hier gefunden, kann ich mich nicht beklagen, denn durch die Güte des Herrn Brandis und anderer wäre ich an alle empfohlen, mit denen ich zunächst in Berührung kam, doch Herzlichkeit habe ich hier nur selten gefunden, und jede zutraulichere Annäherung ist hiermit abgeschnitten. In wissenschaftlicher Hinsicht kann man zwar ausgezeichnete Leute in jedem Fach hören, aber Lehrer und Zuhörer stehen sich zu fern und eine mehr allgemeine Einwicklung außer den Fachstudien findet nicht Statt. Schleiermacher ist in seinen Vorträgen unter meiner Erwartung gewesen; ich hatte mich zu den Vorlesungen über philosophische Sittenlehre inskribirt, aber der Hauptinhalt war ein Zertheilen, ein Drehen und Wenden der Begriffe, daß man die Sache selbst aus den Augen verlor, und daß Schleiermacher, ungeachtet er sich durch alle Schwierigkeiten und Einwürfe mit gewandter Dialektik hindurchgewunden hatte, doch kein festes Resultat zum Vorschein brachte: Im persönlichen Umgange ist Schl˖[eiermacher] sehr witzig und angenehm: Bökh ist ein Mann von vielem Geiste und bei seiner allseitigen Bildung hat er auch keine Spur von philologischer Pedanterei: Seine Vorlesungen über die theoretischen Theile der Philologie sind ganz ausgezeichnet; in der Mythologie namentlich, worüber er jedoch keine Vorlesungen hält, theilt er nicht die gewöhnlichen Vorstellungen von Pfaffentrug und dgl., sondern er sagte mir mal selbst, es liege dort etwas Tieferes zu Grunde, dessen Principien er aber nicht bestimmt nachzuweisen vermöge. Außer diesen beiden scheint mir in der philosophischen Fakultät der Geograph C. Ritter der interessanteste Mann zu seyn. Er zeigte in seinen Vorlesungen über die Geographie Europas an einem Beispiele, was die Wissenschaft der Geographie unter solchen Händen werden kann; er sucht besonders den Charakter der Länder geologisch zu bestimmen und den Einfluß auf die äußere und innere Entwickelung der Volker nachzuweisen. von Raumer ist unerträglich langweilig in seinen Vorlesungen. – Die eigentliche Philosophie bietet einen kläglichen Anblick dar: die Hegelianer lesen alle Collegien Hegels getreulich nach seinen Heften denen ihre eigene Unbedeutendheit aber keinen Reiz verleihen kann. Steffens hat im vorigen Semester Religionsphilosophie und physische Geographie gelesen, wurde aber sehr wenig besucht; in diesem Semester zieht die Naturphilosophie mehrere an. Die Grundlage seiner Religionsphilosophie ist ein idealistischer hyperorthodoxer Lutheranismus, und was Ihnen die Darstellung der Mythologie ist, zu demselben Zwecke genügt ihm eine Darstellung unseres Zeitgeistes und seiner Quellen. – Der hiesigen juristischen Fakultät hat Eichhorn einen neuen Aufschwung gegeben; die medicinische hat wie Sie wissen, an Rudolphi, wie man sagt, eine ihrer Stützen verloren, die man wahrscheinlich durch Prof. Müller in Bonn ersetzen wird. – Die beiden Humboldt habe ich nicht kennen gelernt. Wilhelm lebt ganz zurückgezogen auf seinem Gute in der Nähe von Berlin; Alexander ist auch gegenwärtig hier. – Im Uebrigen ist hier ein so buntes Treiben der Meinungen, wie ich es mir nicht gedacht hätte; politisch ist man außer dem Hofe dem Reden nach meist liberal; die Pietisten sind in voller Blüthe, und streben immer mehr darnach, ihre Sache zur Sache des Staates zu machen, und deshalb hat sich der ehrwürdige Neander von der Henstenbergischen Parthei ganz losgesagt. –

Wie ich unter solchen Verhältnissen lebe und daß ich mich nicht heimlich fühlen kann, werden Sie leicht errathen; deshalb suchte ich denn auch meine Zwecke hier möglichst bald zu erreichen, um desto unabhängiger seyn zu können. Ich strengte daher alle meine Kräfte an, vollendete meine Dissertation, die Sie in einigen Tagen erhalten werden, und gerade 3 1/2 Monate nach meiner Ankunft erhielt ich im Docktorexamen das beste Prädikat. Was darauf zu machen sey, war schwer zu bestimmen: gleich als Privatdocent aufzutreten ging nicht an, denn einerseits stehen mir als Katholiken nur die beiden Universitäten Bonn und Breslau offen, wo gegenwärtig nichts zu machen ist, anderseits reicht auch mein Vermögen nicht hin, um mich noch 5–6 Jahre zu ernähren und das Ministerium hindert wegen der vorhandenen Menge das Auftreten neuer Docenten, die sich nach dem Examen erst eine Zeitlang als Gymnasiallehrer und Repetenten versuchen sollen; um aber Gymnasiallehrer zu werden, müssen sich die Doktoren der gewöhnlichen Prüfung unterziehen, die, da ich mich im Doktorexamen besonders über Philosophie und Geschichte hatte examiniren lassen, eine neue Vorbereitung erforderte; doch da ich alles par force trieb, so machte ich 2 1/2 Monate nach meinem Doktorexamen auch diese Arbeit ab und erhielt das Zeugniß der unbedingten facultas docendi für alle Klassen des Gymnasii. Diese zwei glänzenden Zeugnisse gaben mir den Muth, mich an das Ministerium um Unterstützung zu wenden, aber »wegen Mangel an allen Mitteln« bin ich mit einer schmeichelhaften Antwort abgefertigt. Jetzt werde ich , wahrscheinlich hier, das erforderliche Probejahr an einem Gymnasio antreten, und dann suchen, daß ich möglichst bald eine Lehrerstelle in einer Universitäts Stadt bekomme, um dann zugleich an der Universität auftreten zu können, wie hier fast alle philosophischen und theologischen Privatdocenten und außerordentlichen Professoren. – Zum Hauptgegenstand meiner Studien habe ich mir jetzt Geschichte und den mehr historischen Theil der Philosophie und Philologie gewählt. Für die erste Zeit will ich mich besonders mit dem Alterthume beschäftigen theils, weil dieses meinen äußeren Verhältnissen mehr zusagt theils weil ich mich jetzt bei der neuern Zeit zu sehr ergriffen fühle und fürchten muß, Besonnenheit und Unpartheilichkeit zu verlieren; das Studium des Alterthums wird mir, hoffe ich, eine gute Schule seyn. Ich habe mir daher einen Plan hiefür entworfen, und eine allseitige Geschichte der Griechischen Orakel ist meine nächste Aufgabe. Ihr Urtheil über diesen Plan meiner Studien und die Wahl des Themas zu vernehmen, wäre mir höchst; ich bitte Sie zugleich mir zu erlauben, Sie auch späterhin bei einigen Zweifeln um Rath fragen zu dürfen. Fügen Sie, mein verehrtester Lehrer, Ihren großen Verdiensten um mich diese Gefälligkeit hinzu. Sie haben mir über Gott und die Menschen, über Natur und Geschichte die Augen geöffnet, Sie haben mein Gemüth beruhigt und es zum Höchsten hingeleitet, deshalb wünschte ich Sie auch ferner zum Führer zu haben; denn da ich keine Aeltern und nähere Verwandten mehr besitze, so sind mir meine Lehrer Alles. –

Entschuldigen Sie die kühne Offenheit, deren ich mich gegen Sie bediene, sollte ich Ihnen irgend wie dienen können, so bitte ich Sie, mich in Anspruch zu nehmen.

Jetzt leben Sie herzlich wohl, empfangen Sie meinen innigsten Glückwunsch zum und Ihrem darauf folgenden und empfehlen Sie mich bestens Ihrer Frau Gemahlinn.
Ihr Sie dankbar verehrender

F. Papencordt

N.S.

Meine Wohnung ist: Dorotheenstraße Nro 31 im Hinterhause 2 Trepp.