Verehrtester und geliebtester Herr geheimer Rath!
Ich erhielt Ihr letztes Briefchen gerade in der , während welcher die Bibliothek geschlossen war. Sobald sie wieder geöffnet wurde, ließ ich mir Münters Statutenbuch und Moldenhauers Proceßacten des Tempelherrenordens geben und erlaube mir Ihnen darüber folgende Bemerkungen zu schreiben.
1. Ich war trotz allem Durchlesen von Münters Buche nicht so glücklich, eine Stelle zu finden, in der von einem Evangelio Johannis die Rede wäre. Nur von Johann des Täufers Festen meldet er, daß sie mit vielem Eifer gefeyert wurden. S˖[iehe] S. 132.
2. Auch sonst traf ich nicht Einmal eine besondere, namentliche Erwähnung jenes Apostels; selbst wenn Heilige z.B. bey den Worten in der Aufnahme eines neuen Bruders, erwähnt wurden, sind es nur Petrus und Paulus.
In Moldenhauer, wo doch die verschiedenartigsten Aussagen und Vermuthungen vorkommen, traf ich nur Eine Erwähnung Johannis S. 105 heißt es in einem Aufsatze, den Helios Aymerici den päpstlichen Commissarien überreicht: Omnipotens, aeterne Deus, qui beatum Johannem Evangelistam et Apostolum Tuum valde diligis, qui super pectus Tuum in coena recubuit, et cui secreta coeli releuavis,
(der Einsender bat den Aufsatz durchsehen zu lassen, da er der lat˖[einischen] Sprache nicht ganz mächtig sey) et demonstravis et stante in ligno sanctae crucis pro redempcione nostra sanctissimam matrem Tuam virginem commendavis, in cujus honore gloriose fuit facta et fundata religio
(darüber kann Moldenhauer p. 119, 141 und Münter p. 127 weiter nachgesehen werden); pro Tua sancta misericordia liberes et conserves prout tu scis nos esse innocentes a criminibus contra nos oppositis et operas possideamus, per quas ad gaudia Paradisi perducamur per Chr[istum] Dominum nostrum! Amen.
Eine Stelle, die mir außer der Rücksicht auf Johannes auch deshalb so merkwürdig war, daß gesagt wird, er habe an der Brust des allmächtigen, ewigen Gottes geruht, welcher Zusammenhang mir noch nicht vorkam. Das Evangelium der Neutempler war mir nur deshalb merkwürdig, weil ich sie für reine Affen der ächten hielt. Da aber Affen nur nachahmen, so schloß ich, es müße bey den ächten ein Gegenstand der Nachahmung, wirklich ein Evangel˖[ium] Johannnis vorhanden gewesen seyn. Lüke, bey dem ich mir natürlich auf meinen eigenen Namen Erkundigungen einziehen ließ, konnte auch nur über dieses Apocryphische Antwort geben und verwies auf Thiele, der seine Falschheit dargethan habe.
Sollten Sie noch nähere Erkundigungen wünschen, so bitte ich mir es unumwunden zu schreiben. Sehr interessant ist mir übrigens der innige Zusammenhang des Ordens mit Bernhard von Clairvaux, sowie, daß Maria Anfang und Ende des Ordens seyn solle. – Ich lebe jetzt ganz im englischen Mittelalter, in das ich mich auch noch mehr durch Betrachtung von Kupferwerken der unbeschreiblich schönen Abteyen und Kirchen Großbritanniens versetzte. Der Catholicismus ist daselbst eine so abgeschlossene Sache wie die alte Welt. Was aber die Engländer davon für Begriffe haben, ist kläglich. Nur Lingard ist davon auszunehmen. Wenn die Zeiten etwas besser wären, so daß man es wagen dürfte, aus seinem Versteke hervorzugehen, so würde ich eine Dissertation über die katholische Kirche in England bis Heinrich VIII. ausarbeiten. Ich halte es aber nicht für politisch zu unternehmen. Ich hätte dabey 2 Dinge besonders durchzuführen gesucht:
1. wie lange Catholicismus und Papsthum Eines gewesen seyen, und wodurch und wie sie sich trennten;
2. wie der Catholicismus an den Päpsten ebensosehr seine Beförderer als Verräther fand und was ihn dann erhielt, wann der letztere Fall eingetreten war. Mit andern Worten, es würde dieß eine geschichtliche Begründung oder vielmehr eine Durchführung Ihrer Ideen in der Geschichte eines einzelnen Volkes seyn. Ich kann Ihnen nicht bergen, wie erfreut ich bin, durch unparteyische, ernstliche Forschung dahingekommen zu seyn, die geschichtliche Wahrheit dieser Ideen durch ein so eclatantes Beyspiel, wie die englische Geschichte beweisen zu können. Es würde dieß gleichsam eine Vorarbeit für die Entwiklung Ihres ganzen Systems geworden seyn. Wie mich aber so eines Theils das Unpolitische einer solchen Arbeit davon abhält, so ist es anderseits die Ihnen schuldige Pietät, die erfodert, auch eine solche ganz specielle und objective Ausarbeitung nicht ohne Ihre Zustimmung zu vollenden.
Die ungemeine Schwüle des heutigen Tages richtet mich aber so zu, daß ich den Brief schließen muß, um nicht noch mehr als blos Verschreibungen zu machen, von denen, wie ich sehe, dieser Brief wimmelt. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Sie und die verehrtesten Ihrigen von der fatalen Grippe befreyt sein mögen. Mich hat sie heimgesucht.
Indem ich mich Ihnen gehorsamst empfehle, habe ich die Ehre zu verbleiben
des Herrn geheimen Rathes
dankbarst ergebenster
Const. Höfler.