Sr. Hochwohlgeb˖[oren
]Herrn
Geh˖[eimer] Hofrath von Schelling,
in
Mein theurer Freund!
Die vielen Briefe Ihrer alten Zuneigung, die zwar nicht zahlreichen, aber um so herzlicheren Briefe, die ich von Ihnen aufbewahre und immer wiederzulesen nicht müde werde, lassen mich hoffen, daß Sie die beikommenden Hefte einer freundlichen Aufnahme würdigen werden. Sie werden manche alte Bekannte darin antreffen, Erzeugnisse eines jugendlichen Dilettantismus, die auf hohen poetischen Werth keinen Anspruch machen und nur für die Freunde ein Interesse haben können. Seit länger als einem Vierteljahrhundert bin ich G˖[ott] L˖[ob] zu der Erkenntniß gelangt, daß ich zum Dichter nicht geboren bin. Seitdem habe ich das wohlfeile Talent einer ziemlich leichten Versification fast nur zu Gelegenheitsgedichten und geselligen Scherzen benutzt, und diese Sammlung würde, ohne eine äußere Veranlassung, schwerlich das Licht der Welt erblickt haben. Vielleicht findet sich unter den Uebersetzungen Einiges, das Ihrer Beachtung nicht ganz unwerth ist.
Hegel, der vor einigen Wochen hier war, sagte mir, daß er Sie in Karlsbad in guter Gesundheit angetroffen habe. Dies freut mich um so mehr, da ich von der Münchener aria cattiva nicht viel Gutes für Sie gehofft hatte. Mich hat die Stuttgarter auch eben nicht sehr preisliche Luft nach unserm alten Jena zurück getrieben, das freilich nicht mehr das alte ist. Stat magni nominis umbra!
Leben Sie wohl, mein theurer, unvergeßlicher Freund. Empfehlen Sie mich Ihrer lieben Pauline recht herzlich und erinnern Sie sich zuweilen eines alten Freundes, der Ihnen mit unwandelbarer Liebe zugethan ist.
Ihr
herzlich ergebener
J D. Gries.
Jena, .