Hochwohlgeborner
Hochzuverehrender Herr Geheimerath.
Ich habe mir schon vor längerer Zeit die Freiheit genommen, Sie auf einen dermalen hier befindlichen jungen Gelehrten, den Herrn Dr. Schimper, dessen Leistungen in der Botanik mir eine besondere Aufmerksamkeit zu verdienen schienen, aufmerksam zu machen, auch erhielt ich die gütige Erlaubniß, Ihnen den Herrn Doctor vorzustellen, und Sie hatten selbst die Gewogenheit Einiges von seinen Ansichten sich vortragen zu lassen. Nun habe ich schon früher manches durch mündliche Mittheilung von dem Ideengange des Herrn Dr. Schimper so wie von der Art, wie er die Pflanzen angesehen wissen will, erfahren, auch hat neuerlich Herr Braun a˖[us] Carlsruhe die Anwendung der Schimperschen Lehrsätze auf die Theorie der Zapfenbildung versucht; Herr Schimper selbst aber ist, wie ich weis, unabläßig beschäftiget, seine Ansichten zu Papier zu bringen, seine Ideen zu ordnen, und seine zahlreichen Beobachtungen zu einem Lehrgebäude zu verarbeiten. Das Streben des Herrn Dr. Schimper, oder eigentlich das, was er schon erstrebt hat, scheint mir nun von zu hoher und folgereichen Bedeutung, als daß ich es unterlassen könnte, Sie noch einmal auf diesen Gelehrten und seine Leistungen aufmerksam zu machen: denn wenn mich auch die Stumpfheit des Alters verhindert, überall den schimperschen Ideen zu folgen, und in das Detail seiner Lehre einzugehen, so glaube ich doch, aus dem, was ich von ihm selbst gehört habe, so wie aus der Lesung der braunischen Abhandlung mir eine deutliche Vorstellung von dem machen zu können, worauf es eigentlich ankomme, und ich traue mir so viel Einsicht in das Wesen der Naturforschung zu, daß ich ein Urtheil über den Werth der Sache fällen könne, um so mehr, da ich mich früher so viel mit Botanik beschäftiget habe, daß ich in diesem Zweige der Naturgeschichte kein Fremdling bin. Möge es mir fürs erste gelingen, durch folgende Betrachtungen und Andeutungen Ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und mögen Sie dadurch bewogen werden, dem Herrn Doct. Schimper durch Ihre Gunst und Gewogenheit zu ermuntern und zu befeuern. Ich stelle mir die Sache so vor: die erste Forderung an jede Naturforschung ist wohl die, daß sie historisch sei; was man auch wohl mit dem Ausdrucke Naturgeschichte, womit man die Kenntniß der natürlichen Dinge bezeichnete, andenken wollte. Wenn nun an den Gegenständen der Naturforschung kein Anfang und Ende noch irgend eine Veränderung ihrer Form in der Zeit wahrnehmbar ist, so bleibt ihre Bewegung ganz allein der Gegenstand einer vernünftigen Betrachtung, wie es denn auch wirklich in der Astronomie der Fall ist. Wenn aber die Gegenstände entstehen, sich umwandeln und vergehen, wie alle irdischen Naturproducte, so berechtiget den Naturforscher nichts: ein im Umwandeln begriffenes Object in einem einzelnen Momente seines Daseins aufzugreifen, und seine ganze Aufmerksamkeit auf dieses einzelne zu richten: es muß ihm vielmehr daran gelegen sein, das Object in der Ganzheit seines Erscheinens, also nach seinem Anfange, Fortgange, Metamorphose und Ende zu kennen, und auf diese Geschichte der Naturproducte muß sich seine Forschung erstrecken. Nicht die Frage: was ist, aber wohl die Frage: was geschieht, ist zu lößen. Ist diese meine Behauptung von der Aufgabe der Naturforschung richtig, und ich denke, sie sei in dem, was ich von Ihnen als Unterricht empfangen, wohl begründet: so kann man auch die Art und Weise, wie diese Aufgabe gelößt wird, als den Maaßstab gebrauchen, um darnach den Werth eines Unternehmens in diesem Gebiete des Wissens zu beurtheilen. Wenn nun die gemachte Forderung an die Naturforschung in der Mineralogie kaum befriediget werden kann, wohl nicht wie Hegel sagt, weil die Zeit des geognostischen Prozesses längst abgeloffen ist, sondern weil die Perioden dieses Prozesses ausser allem Verhältnisse mit den Perioden des menschlichen Lebens stehen, und sich der der Mineralog gezwungen sieht, zu kleinen Prozessen im chemischen Laboratorium seine Zuflucht zu nehmen, weil er den mächtigen Naturprozeß nicht kennt, so ist es doch schon ganz anders in der Naturlehre der Thiere; und ich habe , seit es mir Aufgabe ist, die Physiologie zu bearbeiten, Gelegenheit genug gehabt, mich zu überzeugen, daß nur die Geschichte des Thierlebens uns zur Erkenntniß der Natur dieser Geschöpfe führe. Vollends aber vertragen die Pflanzen, diese ächten Kinder der Zeit, gar keine andere als historische Betrachtungsweise. Es ist aber leicht einzusehen, wie bei der Menge und Mannigfaltigkeit der Gewächse (ein schöner bezeichnender Nahme) es unmöglich sei, die Geschichte jeder Art von dem Momente der Aussaat bis zu ihrem Absterben vollständig zu kennen, und noch mehr unmöglich daß jeder, der eine Pflanze kennen möchte, erst ihren ganzen LebensVerlauf entweder selbst abwarte, oder sich denselben vorerzählen lasse. Soll daher eine historische Pflanzenkenntniß entstehen, so ist dieses nur dann möglich, wenn es gelingt, dem Gewächse zu irgend einer Zeit seines Daseins einen Blick abzugewinnen, welcher auf eine frühere und auf eine spätere Zeit auf das gewesen und auf das kommen einen sichern Schluß erlaubt. Diesen Blick hat Schimper gewonnen. Dem Zoologen wird es unendlich erschwert aus dem Zustande, in welchem er ein Thier antrifft, seine Entwicklungsgeschichte zu schließen, denn überall im Thierreiche umhüllt eine einförmige Decke die Mannigfaltigkeit der im Innern verwahrten Gebilde: Die Pflanze hingegen legt alle ihre Bildungen offen auseinander, und was in einer früheren Periode da war, hinterläßt eine äussere Spur seines Daseins, was kommen will, ist in einem sichtbaren Keime schon frühe angedeutet. So spricht das Gewächs als Geschichtliches zu jeder Zeit den Beobachter an, und es wird nur ein Sinn für Geschichte gefordert, um diese Erzählung, die die Pflanze von sich macht, zu verstehen. Dieser Sinn ist im hohen Grade Schimpers Eigenthum, ihn zu wecken ist ein Hauptverdienst seiner Vorträge. Es sei mir erlaubt durch ein Beispiel dieses zu zeigen. Nicht leicht war in einem Gegenstande der Botanik mehr Verwirrung als in der Lehre vom Blüthenstande, einem Momente, durch welches gerade der Totalhabitus der Pflanzen sich am lebendigsten ausspricht. Es kommt darauf an sich eine Vorstellung von der Stellung der Blüthen gegeneinander zu machen, und diese der Sache angemessene Vorstellung hat wohl nie vordem ein Botaniker gewonnen; Nun nimmt Schimper auf die Verhältnisse des Blütenstieles zu dem vorhergehenden Blatte (rein historisch) einerseits, dann auf die Zeit und Ordnung des Aufblühens der einzelnen Blüthenknospen (wieder historisch) so wie auf die Ordnung in welcher die Blüthenstiele stehen andererseits Rücksicht, vergleicht alle diese Momente miteinander und siehe da, in die verwirrteste Lehre vom Blütenstand kömmt eine überraschende Helle, Ordnung, und Deutlichkeit.
Daß in einer historischen Pflanzenkenntniß die Zahlen eine bedeutende Rolle spielen, ist klar, in ihnen prägt sich die der Pflanze eigenthümliche Zeit aus, und so sind sie auch nach Schimpers Ideen Zeitmaße, nicht wie bei Linné Schubfächer, um nach geschehener Zählung die Pflanzen rangiren zu können. Bei der großen Abhängigkeit des Pflanzenlebens von der Einwirkung der Atmosphärilien geschieht es gar gerne, daß die Entwicklung der Pflanze nach einer bestimmten Richtung bald beschleuniget, bald gehemmt werde: Nichts kann sinnreicher sein, als die Art und Weise wie Schimper die hiermit entstehenden Irregularitäten benuzt, um von ihnen Schlüsse auf das historische in der regelmäßigen Entwicklung zu ziehen und eine Form durch die andere zu erläutern, so daß die sonst verachteten Deformitäten izt die Bedeutung eines aufklärenden Experimentes erhalten, welches die Natur im Conflickte ihrer Kräfte anstellt.
Möge das Bestreben, in möglichster Kürze meine Gedanken über die Verdienste des Herrn Dr. Schimper um die Pflanzenkunde auszudrücken, nicht den Nachtheil haben, so dunkel geblieben zu sein, daß Ihnen die Sache selbst verdächtig vorkomme, denn in der That kömt es mir oft schwer an, meine Gedanken auf klare Worte zu bringen, womit ich selbst zufrieden sein möchte. Ich bitte also nur dieses, wenden Sie Selbst, von dessen klaren und scharfen Blick jeder, der das Glück hat, Sie zu kennen, bald überzeugt wird, einige Aufmerksamkeit auf die Bestrebungen des jungen Gelehrten, da sie wenigstens ernsthaft genug sind, um eine Beachtung zu verdienen.
Schließlich bitte ich um wohlwollende Nachsicht mit der Freiheit, welche ich mir genommen habe; diese hoffend empfehle ich mich zur fordauernden Wohlgewogenheit, und erharre in unbegränzter Hochachtung
Euer Hochwohlgeborn
ganz gehorsamster
Dr. I. Doellinger.
München den .