Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Verehrtester Herr geheimer Rath!
Mein innig geliebter Gönner und Freund!

So oft wollte ich schon an Sie schreiben, ja ein Brief lag schon fertig da, und dennoch kam ich nicht dazu, einen abzuschiken. Um so mehr ist aber mein Geist mit Ihnen und der Philosophie, die Sie uns geben, beschäftigt. Je weiter ich in die Geschichte dringe, desto mehr bestätigt sich mir die Wahrheit der gegebnen Principien, desto greller trit mir die Gehaltlosigkeit aller Geschichte ohne dieselben, entgegen. Ich hege deswegen keinen höhern Wunsch, als das Materielle der Geschichte sobald und so gut als möglich zu überwinden und in ungestörter, freyer Forschung die Wege der Vorsehung zu verfolgen. Ich habe so übersatt von dem, was man gewöhnlich Geschichtschreibung nennt, daß ich es nur der allgemeinen Erschlaffung zuschreiben kann, daß die Historie (ich nehme den einzigen Herrn von Roth aus) seit J. von Müller so tief sinken konnte. Berlin ausgenommen möchte man aber nirgends so sehr auf diesen Gedanken geführt werden, als wie hier, wo sich die rein politische Behandlung der Geschichte als die alleinseligmachende aufgepflanzt hat. Ich kann darin nichts anderes als ein durchaus verfehltes Studium der alten Classiker erbliken. Wenn ich aber so von meiner Seite die Art und Weise, wie Heeren die Geschichte behandelte, nicht billigen kann; so kann ich anderseits seiner Humanität nicht genug Lob spenden. Er hat im Umgange ganz die Munterkeit der Franzosen, deren Geist mir auch aus seinen Schriften zu wehen scheint. Seine Ideen über Politik p der Alten scheinen mir ein würdiges Pendant der observations sur les Grecs, von Mably und de Pauw. Übrigens hat er eine seltene Belesenheit, die ihm noch in seinem vorgerükten Alter sehr gut zu Gebote steht. Ich komme wöchentlich 2 Mal zu ihm. Er liebt mich und erweist mir viele Aufmerksamkeit. Ich übergab ihm mehrere von mir ausgearbeitete Dissertationen, die seinen vollen Beyfall erhielten. Er wird mir deshalb auch einigen Antheil an den Göttinger Anzeigen gestatten, in welche ich von Zeit zu Zeit Recensionen von Büchern einrüken werde, die meinem Studium nahestehen. Jedoch werde ich dabey stets Sorge tragen, mich nicht zu zerstreuen und meinen Hauptzweg nicht aus dem Auge zu lassen. Ich wünsche sehnlichst daß dieß Ihren Beyfall finden möchte.

Meine Lebensart ist äußerst einfach und zwischen Arbeiten und den nothwendigsten Erholungen getheilt. Ich bestrebe mich durch Anknüpfung interessanter Bekanntschaften Aufschluß über das Innere von Hannover sowohl, als über benachbarte Staaten zu erhalten. So ist mir die Bekanntschaft des hanöverischen Landesöconomie Rathes Lüder von großem Nutzen gewesen. Auch mit dem bekannten Schriftsteller Rehberg, dessen Werke über Macchiavell, über die französische Revolution, über Pitt p ich schon in München mit Vergnügen gelesen habe, hoffe ich durch Blumenbach in Berührung zu kommen. Dahlmann wird vor dem nicht kommen. Mit seiner Zurükkunft werden meine rein mittelalterlichen Studien beginnen. Bis jetzt war noch eine bedeutende Quantität alter Geschichte damit vermengt. –

Auch protestantische Predigten besuche ich und conversire mit protestantischen Theologen, um mich als künftiger deutscher Schriftsteller mit dem geistigen Zustande meiner Nation in jeder Hinsicht bekannt zu machen. Mit der Bibliothek bin ich so ziemlich zufrieden. Ihre innere Einrichtung, was Cataloge p betrifft, ist sehr gut. Die Gebrauchsgesetze zum Theil beschränkender als in München. Die Stadt und ihre Einwohner kümmern mich sonst wenig. Was jedoch nicht umgangen werden darf, ist die jedem Fremden in die Augen fallende und das sittliche Gefühl in hohem Grade beleidigende Unsittlichkeit, die selbst in Paris im Verhältnisse nicht größer seyn kann.

Der Ruf des Baron Hormayrs dringt bereits von Hannover bis hieher. Er erzählt verschiedenen Personen Anecdoten unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit, immer Einer Person dreymal dieselben. Kömmt man dann in Gesellschaft zusammen, so findet man, daß die geheimzuhaltenden Dinge Jedermann bis zum Überdrusse weiß. Auch ist er fortwährend von der Vorlesewuth besessen. Er hat ein Gedicht in unzähligen Gesängen im genre des Niebelungen Liedes verfertigt, woraus der neue Rhapsode die Ohren aller bestürmt, die sich um ihn versammeln, oder die er besucht. Er geht nämlich nach dem in Norddeutschland herrschenden Tone, da er keine Familie hat, alle Abende in Gesellschaft. In eine solche mußte unlängst sein Bedienter 17, sage siebzehn Bücher schleppen, welche der berühmte Historiograph alle an Einem Abende der Gesellschaft vorlesen wollte. Das unglükliche Auditorium, das seinen Tod unter des Barons kreischender Stimme vor Augen sah, verhinderte den Beginn des Vorlesens und entkam so seinen Zähnen. Böttiger in Leipzig soll auf die vor einigen Monaten, in den Blättern für literarische Unterhaltung erlassene Aufforderung an die norddeutschen Gelehrten, Hormayrs Werke mehr zu beachten, eine ganz unverschämte Lobhudeley auf denselben in ein Blatt einrücken haben lassen, die darauf Hormayr an seine neuen Bekannte vertheilte.

Die von Martius jüngst herausgegebene Übersetzung von Davy ärndtet hier großen Beyfall.

Zu dem mache ich Ihnen und Ihrer ganzen werthen Familie meinen herzlichsten Glückwunsch. Der gnädigen Frau bitte ich insbesondere noch zu sagen, wie sehr ich bedaure, sie bey dem Abschiede nicht mehr getroffen zu haben. Von dem Heimwehe, das mir dieselbe prophezeihte, habe ich bis jetzt noch keinen Gram empfunden, es müßte denn seyn an den Freytagen, an denen ich wirklich Abends eine ungemeine Sehnsucht bekomme. Ich bitte die gnädige Frau, so wie Sie selbst, mir doch ja ihre Gewogenheit noch im zu schenken. Ihnen habe ich meinen ganz besondern Dank abzustatten für die Herbeyführung von Ereignissen, die auf mein ganzes Leben den tiefsten Einfluß haben werden. Tausendmal Dank dafür! Ich werde den Verpflichtungen, die ich dagegen übernommen habe, in keiner Hinsicht fehlen. Mein Studium, mein ganzes Leben ist Ihnen gewidmet. Könnte ich einst den Kindern abzahlen, was mir der Vater erwiesen!