Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Feyertage – Ihren Brief vom , der Ihre glückliche Ank˖[unft] in Wien bestätigte, die ich zuvor schon durch einen Brief der Gesandtschaft erfahren hatte, gleichwie ich von Ihrer Reise durch Herrn Thanner in Salzburg Nachricht erhielt, der Sie meinen »besten Schüler« nennt und sich wegen eines Wunsches, den ich ihm leicht erfüllen kann, den er an mich hat, auf sie beruft. Je mehr ich Ihres physischen Wohlbefindens in Wien mich freue, desto mehr bedaure ich, daß Sie in wiss˖[enschaftlicher] Hinsicht wenig Segenreiches von Wien erwarten. Mir scheint aber, da Sie in allem Wissenschaftlichen bereits so wohl unterrichtet und so weit vorangeschritten sind, so dürfen Sie den Einfluß, den der Anblick neuer Sitten, einer andern Nationaleigenthümlichkeit, und größerer Verhältnisse, den eine Hauptstadt wie Wien darbietet, gegen den etwaigen Mangel wissenschaftlichen Lebens wohl in Anschlag bringen. Der Mensch bedarf noch viel andres außer dem was sich durch Unterricht und aus Büchern erwerben läßt, und Einwirkungen einer andern Art sind nöthig, um die gelehrte und wiss˖[enschaftliche] Bildung mit dem Ganzen unsrer menschlichen Natur erst in das rechte Gleichgew˖[icht] und wahre Verhältniß zu setzen. Sehr hätte ich es Ihnen gedankt, wenn Sie mir die einfache und leichte Art, dem Eisen Magnet˖[ismus] mitzutheilen, welche Ihnen der Assist˖[ent] des Herrn Prof. Baumgartner gezeigt hat, gleich mitgetheilt hätten. Ich hätte davon gern bey der math˖[ematisch] phys˖[ikalischen] Classe Gebrauch gemacht, und wenn etwa die Beschreibung dieses Verfahrens in der Zeitsch[rift] für Mathem˖[atik] noch nicht bekannt gemacht ist, werde ich Ihnen auch jetzt für die Mittheilung verbunden seyn. Ich habe diesen , da mir etwas mehr Muße zu Gebot steht, auch meine alte auf Naturwiss˖[enschaft] sich beziehenden bey Seit gelegten Papiere wieder hervorgesucht und dabey aufs Neue mich überzeugt, wie gut es ist, wenn der, in verschiedenartigen Fächern beschäftigte, seine Gedanken oder Einfälle aufschreibt, denn auf manche wäre ich wohl nicht mehr gekommen. Ich begreife, daß Ihnen eine Ansicht und Lehrart in den Naturwiss˖[enschaften], die, wie die von Ihnen geschilderte alles innre Begreifen der Naturvorgänge nicht bloß abweist, son[der]n ausschl˖[ießt] und zum Voraus unmöglich macht, nicht eben gefallen kann. Indessen fragt sich, ob die Lehre auf mancher andern Univ˖[ersität], nicht bey einer sogearteten, weisen Lehrart besser sich befinden würde, als bey der entgegenges˖[etzten] die gleiche mehr zusagende. Denn wie auf Landstraßen und in Kneipen, oder wo man sonst Leute von schlechter und niedriger Erz˖[iehung] findet, denen, wie ### sagt, immer etwas Schurkenhaftes anklebt, ist es räthlich keine kostbaren Steine sehen zu lassen. Hier sind für die Inländer kürzl˖[ich] Prüfungen in einer gewissen Art wieder hergestellt worden; doch sind es nicht die alten Semestral-Examina und noch nicht wieder der alte Collegienzwang. Indeß kann es auch dazu noch kommen. Daß Sie in einer Nebenstunde die Persef˖[one] sich noch einfallen lassen, hat mich ergötzt. Die Etym˖[ologie] hat viel Empfehlendes. Σαφηνήϛ, was dorisch σαφᾶνηϛ lauten kann, hat allerd˖[ings] die Bed˖[eutung] klar, einleuchtend, zuverläßig (erprobt); nur daß περ wie das lateinische einem Adj˖[ectiv] oder ### bes˖[onders] vorgesetzt wird, weiß ich kein Beyspiel. Lassen Sie mich bald um so mehr wieder von sich hören, als ich gewiß bin, daß Sie in längerer Zeit sich gewiß dort mehr einheimisch fühlen werden.

Viele Grüße auch von den Meinigen.

Ihren hiesigen Freunden habe ich angeboten, Briefe an Sie einzuschl[ieße]n, aber bis jetzt keine erhalten.

Daß Müller nach Paris abger˖[eist] ist werden Sie schon wissen. Nicht leicht hat mich etwas so gefreut, als dieser, einer so würdigen zu Theil gewordnen Gunst des Glückes.