Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Liebster Bruder!

Frau von Boisserée, mit der und Ihrem Mann wir in der angenehmsten und freundlichsten Verbindung leben, hat sich erboten, etwas an Dich mitzunehmen. Ich weiß aber in diesem Augenblick weiter nichts zu schicken, als eine kürzlich gehaltne Rede, von der ich sehr zweifle, daß sie irgend Jemand außerhalb Münchens interessiren könne. Das schöne Ex˖[emplar] bitte ich Dich, dem Herrn Minister von Vellnagel ehrerbietig zu überreichen, Er kann daraus sehen, womit ich mich hier abgeben muß und worauf meine Zeit verwenden, die besser ganz andern Arbeiten gewidmet wäre. So sehr ich des Herrn Ministers constitutionelle Gesinnung kenne, wird er mir doch nicht verübeln, wenn ich mich für mein wissenschaftliches Thun in ein Land wünsche, wohin Stände und demagogische Schreyer noch nicht gedrungen sind. Doch wo gibt es jetzt einen solchen Angulus mundi? – Das andre Ex˖[emplar] ist für Dich, das 3te für Herrn von Wächter, wenn es diesen einigermaßen ansprechen kann. Das Anerbieten der Frau Boisserée, meine Frau oder Clärchen, oder auch beyde mit zu nehmen hatte freylich für beyde fast unwiderstehlichen Reiz. Wäre es nur auf einen Besuch von einigen Tagen angelegt gewesen so hätten sie auch schwerlich widerstanden. Aber Frau B˖[oisserée] hat es auf längere Zeit abgesehen oder vielmehr sie scheint selbst noch nicht zu wissen, wie lang sie in St˖[uttgart] bleiben will. Inzwischen geben wir die Hoffnung nicht auf, Dich und die liebe Tante doch noch in diesem Jahr, wo und wie es auch sey zu sehen. Meinen letzten Brief hast Du doch erhalten?

In Hoffnung bald Etwas Näheres von Dir zu hören, mit den herzlichsten Grüßen an die liebe Schwägerin, an unsre Schwester und allseitigen Empfehlungen
Dein
tr˖[euer] Br˖[uder]

Fr.