Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochwohlgeborner Herr!

Der Ruf Ihrer ausgezeichneten Güte giebt mir den Muth, mich an Sie mit einer ehrerbietigen Frage gehorsamst zu wenden, mit der Frage, unter welchen Bedingungen die Erlaubniß ertheilt wird, Vorlesungen an der philosophischen Fakultät der Münchner Hochschule zu halten? Ich wünsche diese Erlaubniß, weil meine ganze Seele die tiefste Hochachtung gegen den Kreis der gefeyerten Männer erfüllt, die daselbst versammelt sind.

Seit einem Jahre aber lehre ich an der Hochschule zu Basel, und meine Vorträge folgen den Grundsätzen, die Platon und Aristoteles, Sie und Hegel aufstellen. Früher hielt ich mich in Würtemberg, unserem Vaterlande, auf. Dort durchlief ich die niedere Klosterschule zu Schönthal, und die höhere zu Tübingen. Die Moira schien mich somit zum geistlichen Stande zu bestimmen, allein eine mächtigere Stimme, die Frucht einer überlegten Neigung ruft mich zur göttlichen Weltweisheit. Ihr zu genügen, bin ich nach Basel gegangen, einem Orte, wo dermalen Friesische Meinungen und etliche Gefühle aber jede abweichende Ansicht, ohne die Mühe der Prüfung auf sich zu nehmen, rasch den Stab brechen; ihm zu genügen, will ich Basel verlaßen, und wage es, Sie um die gütige Beantwortung meiner ergebensten Frage gehorsamst zu bitten.

Bey dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, Ihnen meinen warmen innigen Dank für den reichen Unterricht zu sagen, den ich immer aus Ihren Werken schöpfe.

Mit der tiefsten Hochachtung empfiehlt sich
Euer Hochwohlgeboren
Dero ergebenster,

Dr. Wullen
Privatdocent der Philosophie zu Basel.