Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochedelgeborner Herr Professor und Geheimrath!

Wenn ich immer weiter den Blick auf die Geschichte der Wissenschaft und Gelehrsamkeit und besonders der Naturphilosophie werfe, so muß ich itzt um so eher für gut finden Sie zu bitten, mir zu erlauben Ihnen einige Erinnerungen über Ihre Wissenschaftsweise und besonders über Ihr Leben selbst zu machen, obschon ohnehin beydes nie getrennt werden soll, – wird anders Wissenschaft überhaupt nicht nach einer bloßen Weise und wird sie immer auf den Menschen angewendet.

Sie tragen also die Philosophie mystisch vor, selbstausgespinnstet, phantastisch, bey aller kalten Vortragsform. Sie haben sich dünkelhaft vorgenommen diese Ihre Wissenschaft abzuschließen, so wie Sie sich selbst mit. Das ist aber eben das Schlechteste in Ihrer Methode, daß Sie bey allem schreyerischen Universellthun so viel Lieblosigkeit damit auskochen, daß an die Philosophie – käme es auf Sie allein an, ein ewiger Beinkrebs kommen müßte.

Ihr eigenes Leben selbst ist vornehmisch, nicht deutsch; alt, nicht jugendlich; ich habe einem Ihrer Vorträge in München persönlich beygewohnt. Sie sind total unpopulär in allem; Sie geizen ganz gegen alle Weisheit um der Welt Titel; Sie wirken nichts praktisch ein auf die Erhaltung und Belebung des Gemüthes, des ewigen Keimes des Menschen auf die persönliche, sittliche Veredelung der Schüler, die alle mehr roh, und, gefühllos, lieblos sind, nichts vom Menschen wissend, obschon von nichtigen und giftigen Systemen, Formenschnikschnak u.w.

!Sie lassen Ankommende – als Lehrer des Lebens – erst anmelden! !wie wild! Vom Fichte hätten Sie viel lernen können; allein Sie wollten lieber einem pantheistischen Gespenste sich hingeben, denn dem reinen Menschen; obwohl Fichte selbst noch zu wenig vorgeschritten war um weniger um das Schulern sich zu bekümmern und abgedroschenes und abgewaschenes und abgehudeltes Polemengezeug u.w.

Würden Sie demnach, glaub ich nach meiner rein menschlichen Weise zu denken, bey Ihrem so großen, glücklichen Welteinfluße den Menschen überall rein suchen – – wieviel könnten Sie selbst jetzt noch Gutes stiften u.w.! so a.B. würde in Ihren errichteten Gelehrten- und LeseVereinen u.w. mehr Wahrheit, mehr Karakter hervortreten, so dem Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft wirklich genützet u.w. München würde dann nicht bloß ein Schrey- und Lugort seyn, wo nicht eigentliche Wissenschaft und Kunst wohnt; sondern ihre Abart davon – von Naturphilosophie, Naturwisserey, kalter, wildschwarzer Selbstsucht.

Sollt ich vernehmen, daß Sie meine Worte hier mit liebendem Gemüth aufgenommen; so meinen Sie ja nicht, daß ich nicht in Zukunft mit Liebe und Hochachtung gegen Ihr sonstiges Verdienst erfüllt bleiben werde.

Petern mp