Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Hochwohlgeborner Herr GeheimerRath,
Hochgnädiger Herr!

Da seit Hochdero Abreise nicht die mindeste Vorfallenheit weder bey der Akademie noch dem General-Conservatorium mir Veranlassung gab, Euer Hochwohlgeborn mit irgend einer Zuschrift zu belästigen, so nehme ich dieselbe gegenwärtig aus den sich täglich häufenden politischen Ereignissen, da Ihnen vielleicht die Zeitungen nicht regelmäßig zukommen. Sonderheitlich genug bietet sich hier der Titel: »Verzeichniß der seit dem in Europa statt gefundenen Revolutionen«, dar.

1) Die Revolution in Frankreich umgehe ich als etwas bereits veraltetes. Die Anerkennung Philipps ist bereits von allen Monarchen Europas, mit Ausnahme Rußlands, erfolgt, welche letztere ebenfalls nicht bezweifelt wird. Am hatte der franz˖[ösische] Gesandte, Marquis von Marmier Audienz bey Seiner M˖[ajestät] dem König von Bayern in Berchtesgaden, wo er huldvoll aufgenommen wurde, bey seiner Zurückkunft bey dem Minister Grafen von Armansperg allhier speiste, und dann seine Rückreise nach Frankreich antrat. Carl X ist noch in England, will aber bald nach Dresden gehen. Der Proceß der Exminister in Frankreich wird rasch betrieben. Ihr Arrest wurde anfangs etwas erleichtert, ist aber wieder etwas enger geworden.

2) Der Aufstand in den Niederlanden ist nichts weniger als beseitigt. Ruhe und Ordnung ist zwar durch die Nationalgarden vor der Hand gehandhabt; das Weitere hängt aber von den Beschlüssen des Königs und der in Haag bereits versammelten Generalstaaten ab. Die Deputirten sind von Brüssel dahin abgereist. Die Trennung Belgiens von Holland, jedoch mit Beybehaltung der Dynastie, ist der Hauptpunckt, was sie fordern. Der König hat sich nicht ungeneigt dazu erklärt, aber die Entscheidung soll auf verfassungsmäßigem Wege geschehen. Auf alle Fälle werden von beyden Seiten ernstliche militärische Dispositionen getroffen. Schlimm ist, daß die an der Grenze liegenden französischen Regimenter mit Gewalt, und unter Androhung, Ihre Officiere abzusetzen, fordern, den Belgiern Beystand leisten zu dürfen. Der abgedankte Minister van Maanen bezieht eine Pension von 10,000 fl.

3) Am fielen in Aachen unruhige Auftritte vor. Unzufriedenheit der Fabrikarbeiter soll die Veranlassung gewesen seyn. Das Haus des Herrn James Cockerill, der in der Zeitung nicht näher bezeichnet ist, wurde rein ausgeplündert. Die hierauf versuchte Erbrechung des Gefängnisses gelang jedoch den Tumultuanten nicht, und nachdem einer der Hauptanführer getödtet und mehrere durch das Pelotonfeuer der Patrouillen verwundet worden, auch die Bürgercompagnien sich bewaffnet hatten, ward die Ruhe wieder hergestellet, auch seitdem nicht mehr unterbrochen.

4) Am wurden in Hamburg die Juden insultirt und aus den Gasthäusern verjagt. Erst am waren die Zusammenrottungen durch das Bürgermilitär gänzlich unterdrückt, wobey es auch Todte und Verwundete gab.

5) Am versuchten die Handwerksbursche in Frankfurt einen Auflauf, wurden aber von der Bürgergarde auseinander getrieben, und die Ruhe wieder hergestellt.

6) Ernsthaftere Auftritte fielen am , und in Leipzig vor. Zahlreiche Volkshaufen erzwangen die Freylassung der im Polizey- und Universitätsgefängniß befindlichen Verhafteten, erstürmten und verwüsteten das Haus des Polizeypräsidenten, und mehrere andere Häuser, rissen das Stadtpflaster auf, und verjagten die Polizeypatrouillen, wobey es auch Verwundete gab. Das Militär verhielt sich passiv. Die Bürger und Studirenden stellten endlich die Ruhe wieder her.

7) Am schlimmsten gieng es am und in Braunschweig her. Hier war die Person des Herzogs der Gegenstand. Als derselbe am Abend des 6ten in das Theater fahren wollte, wurde er durch Steinwürfe gezwungen, in das Schloß zurückzukehren, das am 7. Abends erstürmt und in Brand gesteckt wurde. Ihm war es jedoch gelungen, verkleidet sich zu flüchten. Seitdem hat sich eine Regentschaft constituirt, und die Ruhe ist wieder hergestellt.

8) Am wurde in Kassel die öffentliche Ruhe durch einen Angriff der Taglöhner gegen die Bäckerläden gestört.

9) Am Nachts wurden in Dresden das Rathaus und das Polizeyhaus erstürmt, die Acten zu den Fenstern hinausgeworfen und auf der Straße verbrannt, die Depositengelder jedoch verschont. Das Militär wurde aus der Stadt, nicht ohne Verlust, vertrieben, und die Nationalgarden besetzten am Morgens Thore und Wachen. Nun kam Prinz Friedrich von Pilniz, wo sich der König befand, und suchte Ruhe und Ordnung herzustellen, was anfangs nur zum Theil, endlich aber dadurch gelang, daß der König ihn als Mitregenten erklärte. Dadurch ward die vorige Greuelscene in einen allgemeinen Jubel verwandelt, und statt von einer Brandfackel ward in der folgenden Nacht die ganze Stadt durch eine freywillige Beleuchtung erhellt.

10) Sogar in Altenburg gab es unruhige Auftritte, die zwar in der Zeitung noch nicht näher bezeichnet sind, aber auch bald beygelegt waren. Der gute alte Herzog begab sich sogleich selbst auf das Rathhaus, und seine persönlichen Versicherungen, den Beschwerden abzuhelfen, wirkten so sehr auf die Gemüther der Bürger, daß sie beym Nachhausefahren sich selbst vor seinen Wagen spannten. Die Abreise Ihrer Majestät der Königin dahin, welche durch die erste Nachricht von den Unruhen etwas verzögert wurde, ist daher bereits Mittags erfolgt.

Selbst hier in München scheint es schon zu spucken; man spricht von einem Vorgange in der Cuirassier-Caserne, dessen nähere Umstände ich zwar nicht erfahren konnte, der aber den Geist von Unzufriedenheit mit der Theuerung der Lebensmittel aussprach, und mit einem insubordinationsmäßigen Benehmen verbunden gewesen seyn soll. Soviel ist gewiß, daß Abends die Wachen bedeutend mit Mannschaft verstärkt werden; bey der Hauptwache sah ich dieß selbst; morgen geht die Verstärkung wieder ab. Die öffentlichen Blätter behaupten zur Versicherung autorisirt zu seyn, daß von Seiten der Regierung kräftige Verfügungen zur Beseitigung der hohen Preise der ersten Lebensbedürfnisse nächstens erscheinen werden.

Nun bitte ich um Verzeihung, wenn diese meine gedrängten Nachrichten vielleicht zu spät kommen und Euer Hochwohlgeborn alles längst besser aus den Zeitungen bekannt ist; sie sollten nur in Ermanglung dieser letztern einen kleinen Ueberblick der Ereignisse liefern.

Indem ich übrigens hoffe, daß Euer Hochwolgeborn und die gnädige Frau Gemahlin, Hochwelcher ich mich gehorsamst empfehle, sich wohl befinden werden, habe ich die Ehre in Unterthänigkeit zu verharren
Euer Hochwohlgeborn
gehorsamster Diener

Obermair.