Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Ew. Hochwohlgeboren!

In der Gewißheit, daß Sie mir eine Störung durch diese Zuschrift nicht übel nehmen werden, und vertrauend auf Ihre, mir jedesmal bewiesene Nachsicht, erlaube ich mir, von Ihnen einige Zeit in Anspruch zu nehmen. Ja – ich halte mich für verpflichtet, Ihnen vor Allen und Niemand Anderm eine Erläuterung und einen Zufall zu geben, die Sie sonst befremden könnte. Ich habe nämlich vernommen, daß eine Eingabe, die ich in Bezug auf Mayr für mich allein in aller Stille an den Herrn Fürsten von Wallerstein gemacht habe, an den Senat der Universität geschickt worden sei. Die Sache aber verhält sich so. – Als Mayr mir die Gewißheit brachte, bei der k˖[öniglichen] Regierung um ein Reisestipendium einzukommen, war es mir unangenehm, daß ich die Sache mit einer Eingabe von mir nicht unmittelbar an den König gelangen lassen konnte, welcher damals bereits abgereist war. Ich hatte nämlich schon lange mit mir und bei mir ausgemacht, in einem solchen Falle mich dieses Weges zu bedienen. Da dieß nun nicht geschehen konnte und Mayr ganz außerordentlich eilte, so entschloß ich mich, zu derselben Zeit, da Mayr seine Schrift eingereicht haben würde, dem Herrn Minister des Innern die obwaltenden Verhältnisse mündlich auseinanderzusetzen und vorzutragen. Auch daran wurde ich gehindert, da ich die Stunden, an welchen dieses geschehen konnte, nicht frei hatte. So kam ich zu der erwähnten Schrift und gab sie schnell ein, denkend, Mayrs Angelegenheit sei bereits ins Ministerium gelangt. Kurz nachher erfuhr ich, daß Herr Staatsminister Zehntner sich die Zeugnisse habe vorlegen lassen. Hätte ich Mayr’n etwas von meiner Absicht entdeckt, so würde ich nicht so früh gekommen sein, ich behielt sie aber ganz für mich, und so erfuhr ich jene Verzögerung der Mayr’schen Eingabe erst, nachdem ich die meinige bereits gemacht. Die Absicht aber, die ich mit meiner Schrift gehabt habe, war: manche Verhältnisse, die Mayr in seiner Bitte ganz umgehen mußte, und von denen ich auch nicht voraussetzte, daß sie in Zeugnissen zur Sprache kommen würden, zu erläutern und im Detail darzustellen. Auch diese Absicht ist durch Ihr Zeugniß ganz unnütz geworden, indem es in der Art gegeben war, daß Alles, was man noch hinzufügen wollte, eitel wurde. Daß man aber ein Zeugniß auch auf diese Art abfassen könne, davon habe ich hier zum ersten Male einen Begriff erhalten. Doch auch dieses las ich erst, nachdem ich schon gehandelt hatte. – Bei der Sache aber unthätig zu sein, war mir durchaus unmöglich. Bei dieser wilden Verwirrung habe ich stets an Ihnen und Ihren Lehren mich ermuthigt und aufgerichtet. Ich fühlte und erlebte es, welches Glück es für eine strebsame, bedürftige Jugend sei, an einem großen Lehrer ihre Einheit zu finden. – Göthes Tod aber – ich muß es Ihnen gestehen – hat mich mit einem gewissen Schauder auch an einen andern Tag – möge er doch nur recht spät kommen – erinnert, wo der Eine, an dem allein jetzt der Schutz und Schirm gegen Anarchie in der Wissenschaft geknüpft ist, sich uns entziehen soll. Da dachte ich mir die kommende Zeit in unseliger Verlassenheit. Es schien mir nun unter allen Ihren bisherigen Zöglingen keiner mehr, als Mayr, und vorzüglich er veranlassend, die Hoffnung zu wagen, Ihren Namen und Ihre Werke auch den Spätern würdig zu repräsentiren, um denselben jenes Gleichgewicht zu überliefern, das sie uns gegeben haben. –

Daß aber meine Eingabe nicht für selbstständig gelten sollte, sondern nur als Art von Commentar auf den Grund der Eingabe Mayr’s berechnet war; daß ich sie ferner unterlassen hätte, wenn ich Ihr Zeugniß früher gelesen hätte, glaube ich schon gesagt zu haben. Daß ich zu voreilig war, läugne ich nicht. Übrigens kann ich es nur dem so wohlthuenden Sinne für Wissenschaft des Herrn Fürsten zuschreiben, wenn er ein selbstständiges Gewicht auf meine Eingabe legte. – Einige in der Fakultät, die meinen Eifer für die Philosophie von vorn herein nicht gern sahen, haben nun auch Gelegenheit gehabt, mich als unverbesserlich kennen zu lernen. –

Ich kann nicht schließen, ohne Ihnen zu sagen, wie sehr ich in Ihren Gedanken lebe und webe, aber auch – doch, Sie mögen Sich selbst vorstellen, welch’ ein Mangel es für mich ist, Sie diesen nicht hören zu können. Mich tröstet die Hoffnung, daß Sie einmal in einem Winter dasselbe Collegium vortragen könnten.

Ich empfehle mich gehorsamst Ihrer Frau Gemahlin, und Ihren lieben Kindern; vielleicht nimmt es Hermann einmal auf sich, mich in Nymphenburg zu besuchen.
Ich bin und bleibe in zärtlichster Dankbarkeit und Verehrung
Ihr
gehorsamster

Kreuzmair.

Noch muß ich beisetzen, daß ich bei der ersten Gelegenheit dem Herrn Minister des Innern den Zweck meiner Eingabe auseinanderzusetzen suchen werde.