Schelling

Schelling Nachlass-Edition


Liebster Sohn,

Dein Schreiben zu meinem , das in einem schönen und herzlichen Gedicht bestand, hat mir wahre, große Freude gemacht. Ich habe Deine Empfindungen getheilt, auch mir war es sehr leid, und wehmüthig war meine Empfindung, wenn ich dachte: der gute Fritz fehlt heute in unserem Kreis! Du hast indes weniger dabei verloren, indem ich diesen Tag, den ich am liebsten in der Stille und Demuth mit Frau und Kindern zu Hause gefeiert hätte, großentheils außer dem Hause zubringen mußte, wie Du aus Paul’s Brief des Weitern ersehen wirst. Bedenke übrigens, lieber Fritz, daß ein Sohn, je besser er ist, desto weniger blos seinen Eltern oder Geschwistern, sondern der Welt geboren ist. Huc intende animum! Außerdem wenn Gott mein Leben fristet, dürfen wir ja doch wohl hoffen, daß nicht blos Tage oder Wochen, sondern Monate kommen, wo wir wieder zusammen leben können. Vielleicht hat es zufolge der würtembergischen Einrichtungen gar keine Schwierigkeit, zu erlangen, daß Du Deinen philosophischen Cursus auf der hiesigen Universität statt in Tübingen machen darfst.

Dies verspreche ich Dir meinerseits für den Fall, daß ich noch lebe und wenn Du wie bisher fortfährst, Dir eine tüchtige Grundlage von Kenntnissen zu erwerben. Besseres können Eltern ihren Söhnen weder überhaupt, noch besonders in unserer Zeit gewähren, als wenn sie ihnen alle Mittel verschaffen, sich eine Bildung zu erwerben, die sie künftig in den Stand setzt würdig zu leben, um in allen möglichen Lagen als Männer sich zu erproben und mit Kraft und Erfolg zu wirken.

Dahin strebe, liebster Fritz, und gedenke unserer stets in Liebe, wie wir Deiner gedenken.
Dein
treuer Vater

Schelling.

N.S.

Indem ich den Brief zusammenlege (Du wirst dießmal nicht klagen, daß Du deren nicht genug erhältst) muß ich Pauls ungeschickt gestalteten von ihm eröffnen lassen, und habe ihn bey dieser Gelegenheit auch gelesen. Fast möchte ich ihn Dir nicht schicken. Doch Du wirst Dich dadurch nicht irren, so wenig als von seiner Gedankenlosigkeit Dich je anstecken lassen. Antwort’ ihm nur wieder aber mit Ernst und laß’ ihn besonders seinen groben lateinischen Schnitzer empfinden. Du siehst, es ist der alte Leichtsinn; kein Satz ist beynah’ vollständig.

Solltest Du das Sonnet mittheilen, so schreibe es vorher sauber ab, und bemerke dabey, daß es Herr Hofrath Thiersch als Prorektor bey der Tafel, die aus 60 Personen bestand, vorgelesen und meine Gesundheit damit ausgebracht hat; wofür ich hierauf in einer kleinen Rede dankte.

Herr Ephorus hat früher die Güte gehabt mir zu schreiben, daß ich meine Schuld gegen Herrn Prof. W˖[urm] (den ich, ebenso wie Herrrn Ephorus und Herrn Pr˖[ofessor] Schmoller) mich bestens zu empfehlen bitte), am Zweckmäßigsten durch irgend ein Buch abtragen könnte. Es wäre mir sehr lieb, wenn Herr Ephorus die Güte haben wollte, mir nur einen Fingerzeig zu geben, und etwa ein mathematisches, naturwissenschaftliches oder philologisches Werk zu bezeichnen, das Herrn Wurm abgeht und mit dem ich dem trefflichen Mann ein Vergnügen machen könnte.